Clara hatte sie seit zwei Jahren nicht mehr besucht. Immer hatte es Gründe gegeben: Rosa Klein brauche Hilfe, und Maximilian Lang möge es nicht, wenn sie länger fortbleibe. Ihre Mutter fragte nur, wie es ihr gehe. Da brach Clara zum ersten Mal seit Wochen in Tränen aus und erzählte alles.
„Komm her, mein Kind“, sagte die Mutter. „Bleib, solange du musst. Das Schlafsofa ist frei, und Tee gibt es bei mir immer.“
„Und wenn es lange dauert?“, schluchzte Clara.
„Dann dauert es eben lange.“
Clara wurde still. Vielleicht sagte ihr zum ersten Mal jemand genau das, was sie hören musste. Nicht: Du bist verpflichtet. Sondern: Komm. Nicht: Wie konntest du das zulassen? Sondern: Bleib, solange es nötig ist.
Noch am selben Abend kaufte sie eine Fahrkarte. Im Büro holte sie ihre Sachen ab: eine Kiste mit Notizbüchern, ihre Tasse und eine Mappe voller unbezahlter Rechnungen. Nicht alle stammten von Rosa Klein. Ein Teil gehörte zu dem Leben, das sie mit Maximilian Lang geführt hatte. Darum würde sie sich später kümmern.
Der Zug ging um sieben Uhr morgens. Den Ficus stellte sie in eine große Tüte. Dann nahm sie jene alte Reisetasche, mit der sie vor zehn Jahren in diese Stadt gekommen war: jung, verliebt und fest davon überzeugt, dass Familie etwas für immer sei.
Auf dem Bahnsteig schnitt die Kälte ins Gesicht. Wenigstens schneite es nicht.
Clara setzte sich ans Fenster, steckte die Kopfhörer ein und wählte ein Lied, das sie seit ihrer Studienzeit nicht mehr gehört hatte. Dabei spürte sie, wie der schwere Stein unter ihren Rippen sich langsam, ganz langsam in Staub verwandelte.
Drei Tage später rief Rosa Klein an. Von einer unbekannten Nummer.
„Clara“, sagte die alte Frau mit zitternder Stimme, „Maximilian hat erzählt, dass ihr nicht mehr zusammen seid. Stimmt das? Wer bringt mir denn jetzt meine Medikamente? Und die Fenster… du hast sie doch immer geputzt…“
Clara schloss die Augen. Sie atmete ein. Dann aus.
„Rosa Klein“, sagte sie sanft, so sanft, wie nur sie es konnte, „Ihr Sohn heißt Maximilian Lang. Und er hat jetzt eine junge Ehefrau. Rufen Sie sie an.“
Dann legte sie auf.
Eine Zugbegleiterin kam ins Abteil und bat um die Fahrkarte. Clara zeigte sie. Die Frau sah den Ficus, lächelte und meinte:
„Schöne Pflanze. Sie braucht nur einen größeren Topf. Und nicht zu viel Wasser.“
„Ich weiß“, sagte Clara und nickte. „Jetzt weiß ich es.“
Der Zug setzte sich in Bewegung. Hinter dem Fenster glitt die Stadt zurück: graue Wohnblöcke, Einkaufszentren, Haltestellen. Dort blieben fremde Rechnungen, fremde Fenster, eine fremde Mutter, ein fremder Mann und ein fremdes Leben, das Clara viel zu lange für ihr eigenes gehalten hatte.
Vor ihr lagen ein Schlafsofa, der Tee ihrer Mutter und das Recht, nur noch ihre eigenen Fenster zu putzen. Oder sie einfach schmutzig zu lassen.
