„Dass es heute keine saure Sahne gibt. Ihr werdet es überleben.“ legte auf und spürte die vertraute Schwere in der Brust

Dieses Zuhause ist ungerecht, kalt und zutiefst erniedrigend.
Geschichten

„Wo steckst du eigentlich, Sophie Krüger?“ Daniel Mayers Stimme klang, als käme ich nicht nach zwölf Stunden Arbeit in einem überfüllten Bus nach Hause, sondern hätte unsere Wohnung beim Pokern verspielt. „Vor einer halben Stunde habe ich dich gebeten, bei der Bank vorbeizugehen und meiner Mutter Geld zu überweisen.“

„Ich war den ganzen Tag auf den Beinen“, sagte ich und klemmte mir die Tüte mit Hähnchen, Brot und Waschmittel gegen die Schulter. „Die Bank ist längst zu. Das habe ich dir schon mittags geschrieben.“

„Dann hättest du eben früher daran denken müssen. Der Frau geht es schlecht, ihr Blutdruck spielt verrückt, sie braucht Medikamente. Aber du denkst wie immer nur an dich.“

„Ist dir nie aufgefallen, dass der Blutdruck deiner Mutter immer genau an meinem Zahltag steigt?“

Am anderen Ende wurde es für einen Moment still. Eine kurze, hässliche Stille.

„Fang bloß nicht damit an“, presste er hervor. „Wir reden zu Hause. Und bring saure Sahne mit. Eine anständige, nicht dieses wässrige Zeug für vierzig Cent.“

„Ich bin schon aus dem Laden raus.“

„Dann geh zurück.“

„Nein.“

„Was soll das heißen, nein?“

„Dass es heute keine saure Sahne gibt. Ihr werdet es überleben.“

Ich legte auf und spürte sofort, wie sich diese vertraute Schwere in meiner Brust ausbreitete. Nicht einmal Angst. Eher Müdigkeit. Zäh und dick wie kalt gewordener Grießbrei aus der Schulkantine. Man ist nicht mehr wütend, man weiß nur: Gleich schließt du die Tür auf, und alles, was sich den Tag über bei ihnen angestaut hat, wird wieder über dir ausgeschüttet.

Die Wohnungstür öffnete mir meine Schwiegermutter.

„Da ist sie ja endlich“, sagte Dorothea Richter und machte nicht einmal den Versuch, zur Seite zu treten. „Wir sitzen hier und warten. Daniel kommt hungrig von der Arbeit, ich mit meinem Blutdruck, und sie lässt sich Zeit. Steht da und glotzt.“

„Ich glotze nicht, ich atme“, erwiderte ich. „Nach diesem Bus ist das sogar eine Leistung.“

„Hüte deine Zunge“, rief Daniel aus der Küche. „Komm her.“

Ich ging hinein und stellte die Einkaufstüten auf den Hocker. Auf dem Tisch lagen bereits Wurst- und Käsescheiben, eine geöffnete Dose Sprotten stand daneben, zwei leere Tassen, Brotkrümel überall, und in der Spüle schwamm ein Teller mit festgeklebtem Buchweizen. Verhungern wollte hier also offensichtlich niemand. Man hatte auf mich gewartet. Für das Ritual.

„Also?“ Daniel saß breitbeinig auf dem Stuhl. „Wo ist die Überweisung?“

„Ich habe sie nicht gemacht.“

„Wieso?“

„Weil ich es satt habe.“

Dorothea Richter ließ sich langsam auf den Hocker sinken und presste die Hand an die Brust.

„Hast du das gehört? Sie hat gesagt, sie hat es satt. Zu mir sagt sie das. Zu mir, die euch aus dem Nichts hochgezogen hat.“

„Mama, reg dich nicht auf“, sagte Daniel, sah aber mich an. „Erklär es vernünftig. Ohne Drama.“

„Vernünftig? Gut. In den letzten vier Monaten habe ich deiner Mutter etwa 1.400 Euro gegeben. Wofür genau, weiß ich bis heute nicht. Jedes Mal hieß es: dringend, zum letzten Mal, bis zur Rente, für Medikamente, für Nebenkosten, für eine Füllung, für Untersuchungen. Merkwürdigerweise taucht sie danach immer mit einem neuen Mantel, einem neuen Handy oder auberginefarbenen Fingernägeln auf.“

„Wie kannst du es wagen, fremdes Geld nachzurechnen?“ fuhr meine Schwiegermutter auf.

„Es ist nicht fremd. Es ist meines.“

„In einer Familie gibt es kein mein und dein!“ Daniel schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. „Wie oft soll ich dir das noch sagen?“

„Sehr bequem. Wenn die Kreditrate für die Wohnung fällig ist, ist es unser Geld. Und sobald es um deine Wünsche geht, gelten plötzlich andere Regeln.“

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