„Warum hast du nicht bezahlt?“ sagte Maximilian mit vertrauter Empörung — Clara spürte, wie die Wut in ihrer Kehle hart wurde

Seine Forderungen waren schamlos, ihr Zorn gerecht.
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Vielleicht hatte er sich tatsächlich erst einmal sammeln müssen. Oder er wählte in diesem Moment bereits die Nummer seiner jungen Ehefrau, um sie zum ersten Mal in ihrem gemeinsamen Leben um etwas zu bitten, das über ein beiläufiges „Such du aus, wohin wir am Wochenende fahren“ hinausging.

Clara Böhm stellte den Wasserkocher an. Dann goss sie sich Tee auf, holte die Kekse aus dem Schrank — genau die Sorte, die sie selbst am liebsten mochte — und setzte sich auf die Fensterbank neben den Ficus.

Das Wasser begann zu rauschen und zu pfeifen. Draußen legte sich nasser Frühlingsschnee auf den schmutzigen Asphalt. Aus dem Radio drang eine Nachrichtensprecherstimme, die für den nächsten Tag mildere Temperaturen versprach.

Clara dachte daran, wie seltsam Menschen funktionierten. Acht Jahre lang war sie für Maximilian Lang nicht wirklich ein Mensch gewesen, sondern eher ein Zusatzprogramm in seinem Alltag: Funktion Ehefrau. Kochen. Putzen. Sich um seine Mutter kümmern. Haushaltspläne machen. Zustimmen, ohne zu widersprechen. Und kaum hatte sie eine einzige dieser Aufgaben verweigert, geriet das ganze System ins Wanken. Er rief nicht an, weil er sie vermisste. Nicht, weil ihm klar geworden war, was er zerstört hatte. Sondern weil eine bequeme, automatische Leistung plötzlich eingestellt worden war.

Sie trank den Tee aus und griff nach ihrem Handy. In der Selbsthilfegruppe für geschiedene Frauen, in die ihre Freundin Ella Mayer sie vor einiger Zeit eingeladen hatte, schrieb sie: „Heute habe ich meinem Ex gesagt, dass seine Mutter sein Problem ist. Zum ersten Mal seit Jahren. Es fühlt sich an, als hätte ich ein Korsett ausgezogen, in dem ich die ganze Zeit geschlafen habe.“

Die Antworten kamen fast sofort. „Stark von dir!“ — „Genau so sehen Grenzen aus!“ — „Ich wünschte, ich hätte deinen Mut.“ — „Ich überweise meinem Ex immer noch Geld für seine Katze, peinlich, aber wahr.“

Diesmal lächelte Clara wirklich. Nicht höflich, nicht tapfer, sondern ehrlich. Sie strich über die Blätter des Ficus und schwor sich, ihm gleich morgen einen anständigen Topf und Dünger zu kaufen.

Da vibrierte das Telefon erneut. Maximilian Lang. Ohne auf das Display zu achten, drückte sie den Anruf weg. Beim zweiten Mal tat sie dasselbe. Beim dritten ebenfalls.

Eine Minute später erschien eine Nachricht: „Clara, du weißt doch, dass ich das allein nicht schaffe. Ich arbeite. Du konntest immer besser mit ihr umgehen. Komm doch samstags vorbei, und ich überweise dir etwas. Sag einfach, wie viel du brauchst.“

Sie las die Zeilen dreimal. Vor ihrem inneren Auge sah sie sich wieder in diesem eiskalten Bus sitzen, schwere Einkaufstaschen schleppen, fremde Fenster putzen und sich anhören, sie könne sich ruhig etwas mehr Mühe geben. Sie stellte sich vor, wie Maximilian ihr ein paar Hundert Euro schickte und dann glaubte, er habe damit ihre Freiheit samt Seele zurückgekauft.

Ihre Antwort bestand aus einem einzigen Wort: „Nein.“

Danach blockierte sie seine Nummer.

Am Abend meldete sich ihre eigene Mutter, die achthundert Kilometer entfernt lebte.

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