Die müssten endlich geputzt werden. Es ist Frühling. Du weißt doch, dass sie die Arme kaum noch über Schulterhöhe bekommt. Das hast immer du gemacht. Warum sagst du denn nichts?
Clara wandte den Blick zum Ficus hinüber. Die Pflanze sah elend aus, blass und kümmerlich, aber immerhin verlangte sie nicht, dass man ihr die Fenster wusch.
„Maximilian“, sagte sie leise. „Bist du dir sicher, dass du hören willst, was ich jetzt sage?“
„Was soll das heißen?“ Er klang verwirrt. „Wovon redest du?“
„Weißt du noch, warum du dich scheiden lassen wolltest?“ Claras Stimme wurde auf einmal ruhig, fast sanft. „Du hast gesagt: Du bist alt geworden, müde, mit dir ist es langweilig. Ich brauche eine jüngere Frau, eine, die sich noch am Leben freuen kann.“
Am anderen Ende blieb es still. Maximilian suchte offenbar nach einer Antwort, fand aber nicht sofort eine.
„Das hat damit überhaupt nichts zu tun“, knurrte er schließlich. „Es geht um meine Mutter.“
„Ganz genau“, sagte Clara und nickte, obwohl er es nicht sehen konnte. „Es geht um deine Mutter. Du wolltest eine jüngere Ehefrau? Dann soll sie eure Rechnungen bezahlen. Dann soll sie einkaufen gehen, Medikamente besorgen und die Fenster putzen. Rosa Klein ist ab jetzt deine Angelegenheit, Maximilian. Deine. Nicht meine.“
„Hast du den Verstand verloren?“ Seine Stimme kippte schrill nach oben. „Was für eine jüngere Frau denn bitte? Wir haben uns getrennt, weil du mich jeden Tag fertiggemacht hast! Meine Mutter hat damit nichts zu tun!“
Clara lachte. Nicht verzweifelt, nicht bitter, nicht hysterisch. Sondern so, wie Menschen lachen, denen endlich alles gleichgültig geworden ist.
„Du bist zu Mila Otto aus der Buchhaltung gegangen“, zählte sie nüchtern auf. „Sie ist sechsundzwanzig. Sie färbt sich die Haare rosa und trinkt Smoothies. Letzte Woche hast du Fotos von euch beiden aus einem Restaurant gepostet. Deiner Mutter hast du sie aber noch nicht vorgestellt, stimmt’s?“
Das Schweigen in der Leitung beantwortete die Frage besser als jedes Geständnis.
„Also“, fuhr Clara fort, „dann wird es höchste Zeit. Fahr mit deiner neuen jungen Frau zu deiner Mutter und lass sie sich ansehen, was dort alles anfällt. Die Rechnungen liegen in der linken Schublade des Küchentischs, sechs Stück, die Quittungen sind dabei. Medikamente: morgens etwas gegen den Blutdruck, abends gegen die Gelenke, und alle drei Monate die Spritzenkur, sie weiß, welche. Lebensmittel: Quark, Kefir, Buchweizen, Huhn, kein Schweinefleisch, das verträgt sie schlecht. Die Fenster werden einmal im Monat geputzt, am besten mit einem Lappen an einem langen Stiel. Und noch etwas: Sie mag es, wenn man ihr alte Krimis vorliest. Das ist nicht zwingend, aber sie freut sich darüber. Viel Glück, Maximilian.“
„Du…“, setzte er an, doch Clara hatte den Anruf bereits beendet.
Einen Moment lang starrte sie auf das dunkle Display und wartete darauf, dass er zurückrief. Dass er brüllte. Dass er ihr hundert Nachrichten voller Drohungen und Beleidigungen schickte. Doch das Telefon blieb stumm. Vermutlich war er einfach aus der Fassung geraten.
