Sie erkannte diese Nummer sofort. Noch immer — nach zehn Jahren Ehe, nach einem Monat seit der Scheidung und trotz all der Mühe, sich jedes Zusammenzucken bei einer Nachricht abzugewöhnen. „Maximilian Lang“ stand auf dem Display, und Clara Böhm spürte, wie ihr die vertraute Übelkeit in die Kehle stieg. Nicht aus Angst. Sondern aus Wut, die in diesen Wochen keinen Ausweg gefunden hatte und irgendwo unter den Rippen hart geworden war wie ein Stein.
Bevor sie nachdenken konnte, nahm sie ab. Ein Fehler.
„Meine Mutter sagt, die Nebenkostenabrechnung liegt schon seit einer Woche da. Warum hast du nicht bezahlt?“ Die Stimme ihres Exmannes klang, als hätten sie erst gestern noch gemeinsam gefrühstückt, als sei nichts geschehen. Dieselbe alltägliche Empörung wie früher, wenn sie seinen Lieblingsjoghurt vergessen oder an der Waschmaschine das falsche Programm eingestellt hatte.
Clara blieb am Fenster ihrer neuen Einzimmerwohnung stehen, für die sie eine unverschämt hohe Miete zahlte — finanziert aus dem Rest, der vom Verkauf ihres alten Autos geblieben war. Auf der Fensterbank stand ein magerer Ficus. Außer Papieren und zwei Taschen Kleidung war er das Einzige, was sie aus der gemeinsamen Wohnung mitgenommen hatte.
„Hallo?“ Maximilian klang ungeduldig. „Hörst du mich überhaupt? Du weißt doch, wie klein ihre Rente ist.“

Ja, das wusste sie. Sie hatte es immer gewusst. Ihre Schwiegermutter, Rosa Klein, bekam eine lächerlich niedrige Rente, litt unter Bluthochdruck und Arthrose und lebte allein in einem alten Plattenbau am Stadtrand. Und während der acht Jahre Ehe war es Clara gewesen, die ihre Rechnungen im Blick behielt, Medikamente besorgte, Fenster putzte, sie zur Arztpraxis fuhr, die Gasleitung austauschen ließ, sich mit der Hausverwaltung stritt und sich stundenlang anhörte, wie schön früher alles gewesen sei und wie falsch heute die Welt laufe.
Sie hatte das nicht getan, weil sie Rosa liebte. Es war Pflichtgefühl gewesen. Weil Maximilian immer lange arbeitete. Weil es für sie ja „kein großer Aufwand“ sei. Weil seine Mutter „jetzt schließlich auch deine Mutter“ sei. Das war sein Lieblingssatz gewesen. Deine Mutter. Als könne Rosa Klein mit einem Fingerschnippen zu ihrer eigenen Familie werden.
Doch im Standesamt, als die Scheidung unterschrieben wurde, schnappte diese Verwandtschaft in die andere Richtung zurück. Weg. Als hätte es sie nie gegeben.
„Du hast also nicht bezahlt“, wiederholte Maximilian, und seine Stimme bekam einen harten, metallischen Klang. „Und am Samstag bist du auch nicht gekommen. Mit Lebensmitteln und Geld für die Medikamente. Mutter hat gewartet.“
Da lächelte Clara plötzlich. Zum ersten Mal seit einem Monat. Es wurde ein schiefes, böses, beinahe unheimliches Lächeln.
„Und außerdem“, fuhr er fort, schon wieder im Tonfall eines Menschen, der Forderungen auflistet, „geht es auch noch um ihre Fenster.“
