„Ist Ihnen bekannt, dass der Geschäftsführer dieser Gesellschaft, Ulrich Bauer, im Augenblick im Rahmen einer Prüfung wegen des Verdachts auf Geldwäsche vernommen wird?“
Thomas Albrecht verschluckte sich hörbar. Stefan Winter dagegen zuckte nicht einmal mit der Wimper; nur seine Finger schlossen sich fester um den Füller, als wolle er ihn zerbrechen.
„Mathilda, du redest Unsinn“, brachte Thomas hervor. „Geldwäsche? Das ist ein ganz normaler Geschäftskredit.“
„Ein normaler Kredit läuft nicht über eine frisch gegründete Briefkastenfirma, die vor drei Monaten von einer Frau registriert wurde, nach der in einem anderen Bundesland gefahndet wird.“ Mathilda Stein zog ein Dokument aus ihrer Mappe und legte es ruhig auf den Tisch. „Christina Schubert, Ihre angebliche Muse, hat vor drei Jahren in Hamburg bereits ein nahezu identisches Modell durchgezogen. Und raten Sie, wer damals ihr Anwalt war? Stefan Winter. Schon erstaunlich, wie klein die Welt ist.“
Die Luft im Büro schien plötzlich schwer zu werden. Niemand sagte ein Wort. Thomas drehte sich langsam zu seinem Juristen um. Stefan Winter hielt den Blick starr geradeaus gerichtet; sein Gesicht wirkte wie aus Stein geschnitten.
„Thomas, sie blufft“, sagte Winter leise. In seiner Stimme lag jedoch eine scharfe, kalte Härte. „Unterschreiben Sie. Sie hat hier keinerlei Befugnisse.“
„Ich nicht“, erwiderte Mathilda und neigte den Kopf in Richtung Johann Klein. „Aber der Kriminalhauptkommissar vom Dezernat Wirtschaftskriminalität sehr wohl. Johann, zeig den Herren bitte die Anordnung zur Sicherstellung sämtlicher Unterlagen zu dieser Transaktion.“
Thomas starrte Johann Klein an, und in seinen Augen begann langsam die Erkenntnis aufzuleuchten. Nicht Dummheit hatte ihn hierhergebracht. Er war kein Idiot. Er war ein selbstverliebter Spieler, der geglaubt hatte, die Regeln nach Belieben biegen zu können. Sein Blick wanderte von Mathilda zu Lena Weiß, die wie erstarrt im Sessel saß und die Armlehnen so fest umklammerte, dass ihre Knöchel weiß hervortraten.
„Du… du hast das alles gewusst?“, krächzte er und sah wieder Mathilda an.
„Ich habe eine Straftat erkannt, wo du dir eine ‚neue Zukunft‘ zurechtfantasiert hast“, sagte sie scharf. „Du wolltest deine Frau mit ein paar Almosen vor die Tür setzen, Thomas. Betrug in besonders schwerem Fall, gemeinschaftlich vorbereitet. Das ist kein Ausrutscher. Das ist ein Plan.“
In diesem Augenblick flog die Bürotür auf. Christina Schubert stürmte herein, das Gesicht vor Wut verzerrt.
„Thomas, was soll der Mist? Warum ist die Polizei hier? Wir verschwinden!“ Sie packte ihn am Ärmel, doch er riss sich los, als hätte ihn etwas Giftiges berührt.
„Sie ist dreißig Jahre jünger“, wiederholte Mathilda den Satz, den er noch am Vortag mit so viel Selbstgefälligkeit ausgesprochen hatte. Jetzt klang er nicht mehr wie Prahlerei, sondern wie ein Urteil. „Nur ist sie nicht jünger für dich, Thomas. Sie ist jünger, damit sie schneller wegrennen kann, sobald es eng wird.“
Thomas sank auf den Stuhl zurück. Dicke Schweißperlen traten auf seine Stirn. Die Überheblichkeit, das teure Parfum, diese sorgfältig gepflegte Gewissheit, ein Mann von besonderem Format zu sein — all das löste sich in Sekunden auf. Übrig blieb ein verängstigter Mensch, der plötzlich begriff, dass er nie der Jäger gewesen war. Er war der Köder.
Stefan Winter verstand als Erster, dass die Partie verloren war. Ohne ein weiteres Wort legte er beide Hände sichtbar auf die Tischplatte. Christina wich in eine Ecke zurück. Ihr frecher, akkurat geschnittener Bob wirkte auf einmal nicht mehr mondän, sondern lächerlich; sie sah aus wie ein Tier, dem jede Fluchtmöglichkeit genommen worden war.
Und Thomas? Thomas sah Lena Weiß an.
In seinem Blick lag keine Reue. Kein Bedauern über dreißig gemeinsame Jahre, keine Scham, kein Schmerz über das, was er ihr angetan hatte. Da war nur nackte Angst. Angst vor einer Zukunft ohne Konten, ohne Inseln, ohne Christina. Eine Zukunft aus grauen Wänden, Vernehmungen, Aktenordnern und verschlossenen Türen. In diesem Moment begriff er, dass sein selbst inszenierter „freier Abgang“ endgültig gescheitert war — nicht durch Mathilda, nicht durch Johann Klein, nicht einmal durch Lena. Sondern in dem Augenblick, in dem er beschlossen hatte, drei Jahrzehnte Treue wie wertlosen Abfall zu behandeln.
Später stand Mathilda Stein auf den Stufen vor dem Notariat und atmete die staubige Stadtluft ein. Sie beobachtete, wie Lena Weiß in den Wagen stieg. Ihre Freundin wirkte still, erschöpft, innerlich noch immer zerbrochen — aber sie war nicht mehr schutzlos. Zumindest juristisch nicht.
Mathilda wusste, dass Lena ein langer Weg bevorstand. Monate vor Gericht. Streit um jeden Euro, um jede Beteiligung, um jede Aktie des gemeinsam aufgebauten Unternehmens. Es würde zäh werden, schmutzig und kräftezehrend. Doch der gefährlichste Teil der Falle war entschärft.
Sie blickte auf ihre Hände und bemerkte erst jetzt, dass sie leicht zitterten. Berufliche Abgeklärtheit half nur bis zu einem gewissen Punkt. Auch wer täglich mit Lügen, Gier und Verrat zu tun hatte, gewöhnte sich nie völlig an die Niedertracht, zu der Menschen fähig waren.
Thomas Albrecht hatte Lena nie wirklich geliebt, dachte Mathilda. Er hatte geliebt, was sie ihm ermöglicht hatte: Bequemlichkeit, Stabilität, ein geordnetes Leben, einen glatten Hintergrund für seine Eitelkeit. Und als diese Bequemlichkeit älter geworden war, hatte er sie austauschen wollen — gegen ein neueres Modell. Nur hatte er übersehen, dass dieses Modell mit Handschellen geliefert wurde.
Die Welt war nicht sauberer geworden, nur weil sie einen überheblichen Unternehmer und zwei Betrüger gestoppt hatte. Aber als Mathilda später im Rückspiegel sah, wie das Gebäude des Notariats kleiner wurde, empfand sie eine kühle, klare Genugtuung.
Sie hatte ihre Arbeit getan.
Mein ist die Vergeltung — und diesmal war sie ordnungsgemäß dokumentiert.
