„Er kommt völlig erledigt nach Hause, geht sofort duschen. Nicht einmal essen will er.“ stößt Mathilda auf einen widersprüchlichen Autowaschbeleg

Dieses misstrauische Schweigen war zutiefst beunruhigend.
Geschichten

„…in den Behörden, das weißt du ja. Deine Zeit bei der Drogenfahndung ist schließlich nicht grundlos zu Ende gegangen. Sollen wir die alten Akten wieder aus dem Keller holen?“

Mathilda verzog keine Miene.

„Meine Akten sind sauber, Thomas. Bei dir dagegen liegt der nächste Strick schon bereit.“ Sie hielt seinem Blick stand. „Du hast die Wohnung als Sicherheit über einen Strohmann laufen lassen, nicht wahr? Zu vierundzwanzig Prozent Jahreszins. Und den Darlehensvertrag habt ihr rückdatiert. Als Scheingeschäft wäre das schon heikel genug. Wenn sich Vorsatz nachweisen lässt, reden wir nicht mehr nur über Zivilrecht, sondern über Betrug.“

Lena stieß einen erstickten Laut aus und presste sich die Hand vor den Mund. Die juristischen Einzelheiten verstand sie kaum, doch sie spürte deutlich, dass direkt hinter ihrem Rücken ein Krieg ausgetragen wurde.

Thomas verlor die Beherrschung. Seine Finger schossen nach Mathildas Schulter, aber sie fing seine Hand ab, als hätte ihr Körper sich an eine längst vergessene Ausbildung erinnert. Eine kurze, präzise Drehung, ein schmerzhafter Hebel — und der elegante Geschäftsmann keuchte auf, während er in die Knie ging.

„Die Hände bleiben bei dir, Thomas“, flüsterte sie ihm ins Ohr. „Du möchtest doch sicher nicht, dass die Polizei hier auftaucht und einen Angriff protokolliert. Das würde deinen geplanten ‚sauberen Ausstieg‘ erheblich erschweren.“

Er riss sich los und rieb sein Handgelenk. Rote Flecken krochen über sein Gesicht.

„Raus aus meiner Wohnung! Ihr beide!“ Seine Stimme überschlug sich. „Morgen um zehn beim Notar. Wenn ihr nicht erscheint, setze ich Lena gerichtlich vor die Tür. Als ehemaliges Familienmitglied bekomme ich sie schneller abgemeldet, als du blinzeln kannst.“

Mathilda brachte die schluchzende Lena aus der Wohnung. Draußen schnitt ihnen ein eisiger Wind ins Gesicht.

„Mathilda, was macht er da? Warum tut er das?“ Lena klammerte sich fast mit ihrem ganzen Gewicht an ihren Arm.

„Er handelt nicht aus sich selbst heraus, Lena“, sagte Mathilda leise. „Er spielt eine Rolle, die andere für ihn geschrieben haben. Nur hat er vergessen, dass an diesem Tisch noch jemand sitzt, der das ganze Brett sieht.“

Sie half ihrer Freundin in den Wagen. In Mathildas Kopf hatte sich der Ablauf bereits geordnet. Es ging nicht mehr darum, eine Ehe zu retten; dort gab es nichts mehr zu retten. Jetzt musste sie Beweise sichern und Thomas dazu bringen, den letzten Schritt unter Beobachtung zu machen.

Sie zog ihr Telefon hervor und wählte.

„Johann? Mathilda hier. Erinnerst du dich noch an deine Zusage wegen der Sache mit der Schmuggelroute? Ich brauche operative Unterstützung. Morgen um zehn findet bei einem Notar in der Lindenstraße eine Vermögensübertragung statt. Es wäre gut, wenn im Rahmen der Prüfung verdächtiger Finanzbewegungen zufällig jemand die Unterlagen kontrolliert. Ja, der Betroffene fühlt sich sehr sicher. Nein, keine Deckung nötig. Ich bin im Raum.“

Im Rückspiegel begegnete ihr ihr eigenes Gesicht: blass, hart, von blauschwarzem Haar umrahmt. Die Frau, die sie dort ansah, versprach Thomas Albrecht nichts Gutes.

Der Schlussstrich war gesetzt. Am nächsten Morgen würde Thomas Papiere unterschreiben, von denen er glaubte, sie machten ihn reich und unabhängig. Mathilda wusste jedoch, dass in jenem Archiv, das sie erwähnt hatte, eine unscheinbare Bescheinigung lag. Dieses eine Blatt verwandelte seinen Anwalt in einen Mitwirkenden — und seine große Liebe in das wichtigste Beweisstück.

Nur ein Risiko blieb. Lena konnte im entscheidenden Moment einknicken.

„Lena, vertraust du mir?“ Mathilda sah ihr fest in die Augen.

„Ja“, brachte Lena zwischen zwei Schluchzern hervor.

„Dann tust du morgen genau das, was ich dir sage. Ganz gleich, wie es klingt: Du schweigst und nickst. Wir gehen nicht zu einer Scheidung. Wir gehen in eine kontrollierte Maßnahme.“

Die Notariatskanzlei empfing sie am nächsten Morgen mit dem Geruch von Amtsstubenpapier, Toner und klimatisierter Luft. Thomas saß bereits in einem Ledersessel, ein Bein lässig über das andere geschlagen. Neben ihm hatte Stefan Winter Platz genommen, glatt rasiert, im dreiteiligen Anzug, mit dem Gesichtsausdruck eines Mannes, der mehr als ein raffiniertes Modell überlebt hatte. Christina Schubert wartete auf dem Flur und betrachtete demonstrativ ihre Fingernägel.

„Sie kommen spät, meine Damen. Zeit ist Geld.“ Thomas warf Mathilda nur einen kurzen Blick zu; in seinen Augen blitzte Spott auf. „Lena, setz dich. Unterschreib, und du bist frei. Ferienhaus, Auto und zusätzlich fünftausend Euro Ausgleich. Mehr bekommst du von mir nicht.“

Lena war bleich und wirkte eingefallen. Suchend sah sie zu Mathilda hinüber. Diese nickte kaum merklich. Ihre kornblumenblauen Augen hatten nun die Kälte von Polareis. Sie beobachtete nicht bloß — sie erfasste jeden Winkel des Raums. Um 10:05 Uhr trat Johann Klein in Zivil ein, doch die Haltung, die kein billiger Pullover verbergen konnte, verriet ihn sofort.

„Einen Augenblick.“ Mathilda legte ihre Hand auf den Vertragsentwurf, den Stefan Winter Lena bereits zugeschoben hatte. „Bevor meine Freundin diese hübsch verpackte Farce unterschreibt, möchte ich einen Punkt klären. Herr Albrecht, Sie haben in den Unterlagen angegeben, dass die Vektor GmbH als Ihr Kreditgeber auftritt.“

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