Er machte sich nicht einmal mehr die Mühe, den freundlichen Nachbarn von früher zu spielen. Breit stand er in ihrer Tür, eingehüllt in den Geruch teuren Tabaks und in jene dreiste Selbstsicherheit, die nur Menschen ausstrahlen, die fest daran glauben, ihnen könne ohnehin niemand etwas anhaben.
„Sie ist dreißig Jahre jünger!“, fuhr er auf, als Mathilda Stein versuchte, an den Rest seines Gewissens zu appellieren. „Und ja, ich habe ein Recht darauf. Ich habe mein ganzes Leben geschuftet. Irgendwann steht mir auch mal ein Fest zu und nicht dieses ewige Grau mit Lena Weiß. Misch dich da nicht ein, Mathilda. Sonst erinnere ich mich vielleicht daran, wie du damals aus dem Dienst ausgeschieden bist. Ganz sauber lief das doch auch nicht, oder?“
Mathilda sah ihn nur an. In ihren kornblumenblauen Augen lag keine Spur von Angst. Da war lediglich diese kühle, berufliche Aufmerksamkeit, mit der man einen Beschuldigten betrachtet, kurz bevor man ihm die Anklagepunkte vorlegt.
„Thomas, du begehst gerade einen schweren Fehler“, sagte sie leise. „Du hältst dich für den Jäger. In Wirklichkeit bist du in dieser Sache nicht mehr als eine Spur im Sand.“
Er lachte laut auf, warf die Tür hinter sich ins Schloss und verschwand.
Eine Stunde später klingelte bei Mathilda das Telefon. Der Anruf kam aus genau jenem Archiv, über das sie Christina Schuberts Verbindungen hatte überprüfen lassen.
„Frau Stein? Zu Ihrer Person gibt es Neuigkeiten. Christina Schubert ist keineswegs nur eine Geliebte. Vor drei Jahren wurde sie verurteilt. Betrug in großem Stil. Und ihr sogenannter Betreuer ist ausgerechnet der Jurist, der Thomas Albrechts Scheidungsunterlagen vorbereitet.“
Mathilda beendete das Gespräch langsam. Die Falle war zugeschnappt. Nur nicht um Lena Weiß.
Thomas Albrecht fühlte sich wie ein Sieger. In seiner Vorstellung bestand die Welt aus Räubern und Beute, aus denen, die nahmen, und denen, die benutzt wurden. Lena Weiß, mit der er drei Jahrzehnte verbracht hatte, war für ihn innerhalb weniger Tage zu bloßem Ballast geworden. Er verbarg es nicht einmal, wenn er in die Wohnung kam, um weitere Sachen mitzunehmen.
„Thomas, du hattest doch gesagt, wir fahren im September zusammen zur Kur. Ich hatte mir schon Angebote angesehen…“ Lena stand in der Schlafzimmertür und zerknüllte nervös ein Küchentuch zwischen den Fingern.
„Vergiss den September, Lena. Den verbringe ich auf einer Insel. Mit jemandem, der nicht dauernd über Blutdruckwerte und Sonderangebote für Waschpulver redet.“ Thomas schleuderte eine teure Lederjacke in den Koffer. „Und hör auf, mich so anzusehen. Ich lasse dir genug, damit du nicht auf der Straße landest. Das Wochenendhaus vierzig Kilometer vor der Stadt hat hervorragende Luft.“
Mathilda verfolgte die Szene von der offenen Tür aus. Sie war gekommen, um ihre Freundin zu sich zu holen. Ihre blauen Augen blieben unbewegt. In ihrer Tasche lag ein kleines Aufnahmegerät; diese ganze Vorführung der Selbstentlarvung war bereits gespeichert. Als ehemalige Ermittlerin wusste sie genau: Vor Gericht nach § 263 StGB, Betrug, war so eine Aufnahme nur ein Begleitstück. Doch bei Gegenüberstellungen, wenn Nerven und Fassaden brüchig wurden, konnte sie unbezahlbar sein.
„Thomas“, sagte Mathilda schließlich und lehnte sich an den Türrahmen, „bist du wirklich sicher, dass diese Firma ‚Vektor‘ ein sicherer Hafen ist?“
Er fuhr herum. Für einen winzigen Moment verzog sich sein Gesicht, Misstrauen blitzte in seinem Blick auf. Dann zwang er sich wieder zur Beherrschung.
„Fängst du schon wieder mit deinen Fragen an, Mathilda? Ich habe dir gesagt, du sollst dich raushalten. Du bist hier niemand. Nur eine gescheiterte Freundin mit einer fragwürdigen Vergangenheit. Kümmer dich lieber um deine Akten.“
„Akten können sehr unterschiedlich sein“, erwiderte Mathilda und trat einen Schritt ins Zimmer. „Manche liegen zum Beispiel in den Archiven des Justizvollzugs. Wusstest du, dass deine Christina Schubert nicht einfach die große Liebe deines Lebens ist, sondern eine professionelle Manipulatorin? Ihr echter Nachname ist nicht der, mit dem sie sich auf Instagram schmückt. Sie tauchte in einem Verfahren wegen Vermögensabschöpfung in Hamburg auf. Das Muster war jedes Mal gleich: Vertrauen eines wohlhabenden Mannes gewinnen, Geld über Scheinfirmen herausziehen und anschließend verschwinden.“
Thomas lachte, doch es klang trocken und viel zu kurz. Gleichzeitig begann er auffallend häufig zu blinzeln. Sein Gehirn suchte fieberhaft nach einer Antwort.
„Unsinn. Du bist nur neidisch. Christina liebt mich, nicht mein Geld. Wir haben alles besprochen. Morgen unterschreibe ich den letzten Vertrag bei dem Anwalt, dann sind wir frei.“
„Der Anwalt ist übrigens ebenfalls eine interessante Figur“, fuhr Mathilda fort. Sie blieb bei einem Punkt, ruhig, hartnäckig, gnadenlos wie in einem Verhör. „Stefan Winter, richtig? Derselbe Mann, der in den vergangenen fünf Jahren auf wunderbare Weise immer dort auftauchte, wo auch Christina Schuberts neue Zielpersonen waren. Du glaubst, du ziehst das Vermögen aus deiner Familie ab. Nein, Thomas. Du verpackst es nur ordentlich für die beiden.“
Thomas trat so dicht an Mathilda heran, dass sie seinen teuren Duft und den scharfen Geruch von Adrenalin wahrnahm.
„Wenn du Lena auch nur ein einziges Wort über ‚Vektor‘ oder die Unterlagen sagst, mache ich dich fertig. Ich habe Kontakte ganz oben, das weißt du.“
