„Ich komme später. Besprechung.“ sagte er am Telefon, während sie die Torte auf den Tisch stellte und mit dem Finger die Brosche an ihrem Kleid berührte

Erbärmlich, wie Nähe zur Routine verkümmert.
Geschichten

Er arbeitete als Trainer im Fitnessstudio „Olymp“, in der Schillerstraße. Auf seinen Fotos posierte er mit Kurzhanteln, machte Spiegelselfies zwischen Geräten, und unter fast jedem Bild standen Herzen und Kommentare von Stella Bauer. Wenn man den Datumsangaben glauben durfte, waren die beiden seit zwei Jahren zusammen.

Ich legte mir ein neues Profil an. Als Bild wählte ich einen harmlosen Blumenstrauß. Dann schrieb ich ihm: „Hallo! Ich bin eine Freundin von Stella. Wir planen eine Überraschung zu ihrem Geburtstag, nur eine kleine Feier. Könntest du um acht zu dieser Adresse kommen? Sie ahnt nichts!“

Eine Stunde später kam seine Antwort. „Klar! Ich bringe Blumen mit. Welche mag sie?“

„Rosen“, tippte ich zurück.

Dann schickte ich ihm meine eigene Adresse.

Meine Finger kribbelten vor Anspannung. Ich legte das Handy weg, stand auf und ging zum Fenster. Unten im Hof schwankten die Pappeln, der Wind trieb Staub über den Asphalt. Es war Mai, aber die Kälte hing noch immer in der Luft.

Mache ich das Richtige? Vielleicht sollte ich einfach mit Alexander reden. Vielleicht sollte ich schweigend meine Sachen packen. Einen Scheidungsantrag stellen, ohne Gäste, ohne Bühne, ohne dieses ganze Theater.

Ich öffnete den Kühlschrank. Die Ente lag bereits in der Marinade. In den Boxen standen vier verschiedene Salate, jeder einzelne hatte mich Stunden gekostet. Den Rosmarin hatte ich frisch gekauft, nicht getrocknet. Für den Tisch warteten acht bordeauxrote Kerzen, passend zur Tischdecke.

Siebenundvierzigtausend Euro. Drei Tage am Herd. Fünfundzwanzig Jahre.

Nein. Still und leise würde es nicht gehen.

Das hatte er nicht verdient.

Und dann verkündete Alexander, er wolle noch eine „Kollegin aus dem Büro“ einladen.

„Sie ist neu“, sagte er und öffnete nach dem Abendessen seinen Gürtel. „Es wäre irgendwie unhöflich, sie nicht zu fragen. Sie kennt hier in der Stadt ja niemanden.“

Sein Bauch drückte über den Hosenbund. Am kleinen Finger glänzte der silberne Ring mit der dunklen Gravur, den er seit einigen Jahren trug und für besonders würdevoll hielt. Ich nickte nur und holte den neunzehnten Teller aus dem Schrank.

„Natürlich“, sagte ich. „Dann soll sie kommen.“

Um sieben waren fast alle da. Alexanders Mutter erschien in einem beigefarbenen Kostüm und roch nach 4711 Kölnisch Wasser, das sie seit Jahrzehnten benutzte. Sein Bruder Niklas Schulz kam mit seiner Frau Amelie Möller. Aus der Schule waren meine Kolleginnen Clara Köhler und Helena Gross gekommen. Sandra Engel brachte ihren Mann mit. Auch die Nachbarn von oben waren da, die uns kannten, seit wir in diese Wohnung gezogen waren.

Die ganze Wohnung duftete nach gebratener Ente und Rosmarin. Ich stellte Musik an, leisen Jazz, so wie Alexander ihn mochte. Dann schenkte ich Aperitif ein und ordnete die Vorspeisen auf den Platten. Der Tisch sah festlich aus: weiße Tischdecke, dunkle Kerzen, silberne Serviettenringe — ein Geschenk von Sandra Engel vom letzten Silvester.

Alexander stand im Türrahmen in seinem neuen Sakko. Die Knöpfe spannten über dem Bauch, doch er bemerkte es nicht. Sein Ring blitzte jedes Mal auf, wenn er die Hand bewegte. Er lächelte zufrieden.

„Emilia, das ist ja großartig geworden!“ Er machte eine großzügige Bewegung über den Tisch. „Du bist einfach eine Künstlerin.“

Eine Künstlerin. Seine Künstlerin. Noch immer sprach er, als gehörte ich ihm.

Ich lächelte zurück und warf einen Blick auf mein Handy. Eine Nachricht von Daniel Werner: „Bin um 20:00 da, unterwegs!“

Um halb acht klingelte es.

Alexander ging zur Tür. Ich blieb mit der Suppenkelle am Tisch stehen.

Auf der Schwelle stand Stella Bauer. Ein enges rotes Kleid, hohe Absätze, Parfüm — genau dieses süßliche Maiglöckchenaroma, das einem die Kehle zuschnürte. Der Geruch erreichte die Küche, noch bevor sie den Flur ganz betreten hatte. Ihre Nägel waren lang, spitz, beige lackiert und mit Glitzer versehen. Das Haar trug sie offen.

„Hallo!“ Sie reichte Alexander eine Pralinenschachtel und ließ den Blick durch die Wohnung gleiten. „Oh, wie schön es hier ist!“

Ich stand neben dem Herd. Sandra Engel war dicht bei mir und umklammerte plötzlich meinen Arm.

„Ist sie das?“, flüsterte sie.

„Ja.“

Ich trocknete mir die Hände am Geschirrtuch ab und ging zu Stella. Einen Moment lang sah ich ihr direkt in die Augen. Braun waren sie, schwarz umrandet, von künstlichen Wimpern beschattet. Sie war hübsch. Jung. Mindestens zwanzig Jahre jünger als ich.

„Willkommen“, sagte ich ruhig. „Setz dich doch hierhin, neben Alexander. Fühl dich wie zu Hause. Du bist ja beinahe schon zu Hause, nicht wahr?“

Stella blinzelte. Alexander räusperte sich. Die Gäste verstanden nichts. Noch nicht.

Ich kehrte in die Küche zurück. Meine Hände blieben ruhig. Ich verteilte die Ente auf die Teller, gab Sauce darüber und legte auf jedes Stück einen kleinen Zweig Rosmarin. Dann sah ich auf die Uhr.

Noch fünfundzwanzig Minuten bis Daniel.

Alexander schenkte Wein nach und machte Witze. Stella saß an seiner Seite und stocherte mit einem langen Nagel im Salat. Alexanders Mutter betrachtete sie aufmerksam — nicht feindselig, eher prüfend.

„Und Sie arbeiten schon lange mit Alexander zusammen?“, fragte sie.

Stella drehte den Stiel ihres Glases zwischen den Fingern. „Na ja, so ungefähr ein halbes Jahr. Er hat mir halt bei den Berichten geholfen.“

Sandra Engel schnaubte in ihre Serviette. Helena Gross wechselte einen Blick mit Clara Köhler. Ich fing Sandras Augen auf und schüttelte kaum merklich den Kopf.

Noch nicht.

Die Gäste aßen, tranken und erinnerten sich an unsere Hochzeit. Niklas Schulz erzählte, wie Alexander damals den Ring fallen ließ und er unter den Altar rollte. Alle lachten. Alexander lachte am lautesten, dröhnend, den Kopf zurückgeworfen. Er trank schneller als sonst. Sein Gesicht wurde rot. Der Ring an seinem kleinen Finger funkelte jedes Mal, wenn er das Glas hob.

Ich sah wieder zur Uhr.

Viertel vor acht.

Zehn vor acht.

Fünf vor acht.

Dann erhob er sich.

„Meine Freunde!“ Alexander hob sein Glas. Der Wein schwappte dunkelrot und schwer darin. „Fünfundzwanzig Jahre. Silberhochzeit. Das ist, nun ja, ihr versteht schon, ein wirklich bedeutender Tag.“

Es wurde still. Alexanders Mutter rückte ihre Brille zurecht. Niklas Schulz legte die Gabel ab. Helena Gross faltete die Hände im Schoß.

„Ich habe lange überlegt, wie ich es sagen soll.“ Alexander wiegte das Glas leicht hin und her. Ein Tropfen lief an der Außenseite hinunter. „Aber da wir nun alle hier versammelt sind, unter Menschen, die uns nahestehen, möchte ich ehrlich sein.“

Er sah zu Stella Bauer hinüber.

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