„Ich komme später. Besprechung.“ sagte er am Telefon, während sie die Torte auf den Tisch stellte und mit dem Finger die Brosche an ihrem Kleid berührte

Erbärmlich, wie Nähe zur Routine verkümmert.
Geschichten

Über ihr Gesicht glitt ein Schatten. Die Brauen zogen sich zusammen, ihre Finger verkrampften sich so heftig in der Serviette, dass der Stoff knitterte.

Sie wusste es nicht. In diesem Augenblick begriff ich es mit erschreckender Klarheit: Sie hatte keine Ahnung, was er vorhatte.

„Emilia“, sagte Alexander Beck und wandte sich mir zu. Seine Augen waren vom Wein gerötet, seine Stimme klang weich, beinahe gönnerhaft. „Du bist eine außergewöhnliche Frau. Fünfundzwanzig Jahre lang hast du dieses Haus zusammengehalten, gekocht, gearbeitet, alles getragen. Aber ich muss aufrichtig sein. Ich habe jemanden kennengelernt. Und ich möchte mit ihr leben.“

Stille.

Eine solche Stille, dass das Ticken der Wanduhr plötzlich viel zu laut war. Dass ich aus der Küche das leise Blubbern des Wassers im Kessel hörte. Dass ich bemerkte, wie Alexanders Mutter die Finger in die Tischdecke krallte, bis der Stoff sich spannte und ein silberner Serviettenring klirrend zu Boden fiel.

Achtzehn Augenpaare. Auf mir. Auf ihm. Auf Stella Bauer, die das Glas noch immer an den Lippen hielt und sich nicht rührte.

Clara Köhler stieß einen erstickten Laut aus. Niklas Schulz schob seinen Stuhl zurück. Sandra Engel stellte ihr Glas ab, langsam und vorsichtig, als könne schon die kleinste falsche Bewegung es zerspringen lassen.

Ich stand nicht auf. Ich brach nicht in Tränen aus. Ich schleuderte ihm auch keinen Teller entgegen.

Stattdessen tasteten meine Finger nach der Brosche meiner Großmutter. Der Türkis hatte sich von meiner Haut erwärmt. Glatt lag der Stein unter meinen Fingerspitzen, vertraut wie etwas, das einen schon ein Leben lang begleitet. Sechzig Jahre war er alt, und doch hatte er sich nicht verändert.

„Interessant“, sagte ich. „Und weiß sie davon?“

Alexander runzelte die Stirn.

„Wovon?“

„Dass du sie liebst. Ist sie darüber informiert?“

Ich drehte den Kopf zu Stella Bauer. Sie starrte Alexander an, als hätte er soeben in einer Sprache gesprochen, die sie nicht verstand. Ihre Lippen waren leicht geöffnet, das Glas hing irgendwo auf halbem Weg in der Luft.

„Alexander“, sagte sie und stellte das Glas ab. Ihre Hand zitterte, Rotwein schwappte über den Rand und spritzte auf die weiße Tischdecke. Der Fleck breitete sich dunkel aus und sog sich gierig in den Stoff. „Was machst du denn da? Wir haben doch… also, ich dachte nicht, dass das so ernst ist.“

Die Stille im Raum veränderte sich. Sie wurde dichter, schwerer, drückender. Wie kurz vor einem Gewitter, wenn die Luft an den Schläfen presst und jeder Atemzug Mühe macht.

Alexander stand noch immer da, das Glas erhoben, den Mund halb geöffnet. Der Ring an seinem kleinen Finger fing das Licht des Kronleuchters ein.

„Wie meinst du das, nicht ernst?“ Seine Stimme brach, wurde rau. „Wir treffen uns seit einem halben Jahr. Ich habe dir gesagt, dass ich meine Frau verlassen werde. Ich habe alles geplant. Ich dachte, wir würden zusammen sein.“

„Na ja“, murmelte Stella und wich seinem Blick aus. Ihr Fingernagel schabte über das Glas, ein dünnes, hohes Geräusch, fast wie das Sirren einer Mücke. „Ein halbes Jahr, ja. Aber ich habe das irgendwie nicht so aufgefasst wie du.“

Genau in diesem Moment klingelte es an der Tür.

Niemand bewegte sich. Alexanders Mutter legte sich die Hand auf die Brust. Niklas Schulz hob sich halb vom Stuhl. Sandra Engel sah mich an, und in ihrem Gesicht flackerte für einen Sekundenbruchteil Verstehen auf.

Ich erhob mich und ging hinaus. Meine Beine trugen mich, ohne dass ich darüber nachdenken musste. Im Flur hing der Geruch von Ente und angebrannter Kerze; eine der dekorativen Kerzen war auf dem Regal zusammengesunken, Wachs lief über das Holz. Ich wischte mir die Hände an der Schürze ab, die ich noch immer nicht ausgezogen hatte, und öffnete.

Vor der Tür stand ein Mann von etwa fünfunddreißig. Lockiges Haar, breite Schultern, Lederjacke. In seinen Armen hielt er einen Strauß roter Rosen, bestimmt fünfzehn Stück. Mit ihm kam der Geruch eines Blumenladens herein: feuchte Stiele, frisches Grün und Zellophan.

„Hallo!“ Er lächelte breit, mit weißen Zähnen und Grübchen in den Wangen. „Ich bin Daniel Werner. Mir wurde gesagt, Stella sei hier. Überraschung von ihren Freundinnen!“

„Kommen Sie herein“, sagte ich. „Sie sitzt am Tisch.“

Daniel Werner trat ins Wohnzimmer. Als er Stella entdeckte, wurde sein Lächeln noch größer. Er hob den Strauß über den Kopf.

„Stellchen! Überraschung!“

Stella wurde kreidebleich. Das Glas in ihrer Hand schwankte, wieder lief Wein heraus, über die Tischdecke, auf den Teller, über den Ärmel ihres roten Kleides. Sie bemerkte es nicht einmal.

„Daniel?“ Sie stand auf. Ihr Absatz verfing sich am Stuhlbein, der Stuhl scharrte über den Boden. „Was machst du denn hier?“

„Deine Freundinnen haben das eingefädelt.“ Er trat zu ihr und legte ihr die Hand auf die Schulter. „Na? Freust du dich?“

Stella sah Alexander an. Alexander starrte Daniel Werner an. Daniel Werner betrachtete Stella. Und die achtzehn Gäste ließen ihre Blicke von einem Gesicht zum anderen wandern.

Alexanders Mutter nahm ihre Brille ab und legte sie auf den Tisch. Clara Köhler presste die Serviette an den Mund. Sandra Engel lehnte sich in ihrem Stuhl zurück. Um ihre Lippen zuckte ein Lächeln, das sie kaum unterdrücken konnte.

„Moment“, sagte Alexander und senkte endlich sein Glas. Wein schwappte ihm über die Manschette, ausgerechnet über jene, die ich am Abend zuvor gebügelt hatte. „Wer ist das?“

„Das ist Daniel Werner“, sagte ich. Meine Stimme blieb ruhig. Es war genau dieser Ton, den ich im Unterricht benutzte, wenn ich Regeln erklärte: sachlich, klar, ohne jede Verzierung. „Ihr Freund. Seit zwei Jahren. Der echte.“

Der Türkis meiner Brosche lag warm unter meinen Fingern. Ich hielt ihn fest, ohne es zu merken, genauso wie meine Großmutter es getan hatte, wenn sie nervös gewesen war.

Alexander setzte sich. Schwer, als ließe jemand einen Mehlsack fallen. Der Stuhl ächzte und rutschte ein Stück nach hinten. Seine Hände sanken auf die Knie.

„Nein“, sagte er und schüttelte den Kopf. „Nein, das ist irgendein Irrtum.“

„Es ist kein Irrtum.“ Stella richtete sich plötzlich auf. Mit einer Serviette wischte sie an ihrem Ärmel herum und sah dann von oben auf Alexander hinunter; sie stand, er saß. „Daniel ist mein Freund. Wir sind seit zwei Jahren zusammen. Und du, Alexander… du warst eben eher nebenbei.“

Nebenbei.

Fünfundzwanzig Jahre Ehe. Ein halbes Jahr seiner Nachrichten mit Herzchen. Die Wohnung, die Raten, seine Hemden, die Besuche bei seiner Mutter. Und er war: nebenbei. Ich hätte gelacht, wenn da nicht der Tisch mit achtzehn Tellern gewesen wäre und Alexanders Mutter, die so weiß dasaß wie ihr beiger Anzug und kein Wort hervorbrachte.

Daniel ließ Stellas Schulter los. Sein Blick glitt über den Tisch, blieb an Alexander hängen, dann an dem weinroten Fleck auf der Decke. Langsam senkte er den Rosenstrauß.

„Ich verstehe gerade gar nichts“, sagte er und zog die Stirn kraus. „Stella, wer ist dieser Typ?“

„Niemand“, sagte sie hastig, griff nach ihrer Handtasche, die über der Stuhllehne hing, und riss sie an sich. „Komm, wir fahren. Ich erkläre es dir später.“

Ihre Absätze klackerten durch den Flur.

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