„Es wird leider nichts mit dem Kommen“ — sagte Markus am Telefon, während die Mutter allein vor dem geöffneten Umschlag stand

Herzzerreißend, liebevoll und doch zutiefst enttäuschend.
Geschichten

Ich blickte hinaus: der Hof, die kahlen Äste der Bäume, der Spielplatz, die Bank neben dem Hauseingang. Sechzig Jahre. Eigentlich war alles wie immer, und doch stand im Spiegel nun eine Frau vor mir, deren Schläfen grau geworden waren und um deren Augen sich feine Linien gelegt hatten.

Dann klingelte das Telefon. Laura Schubert.

„Mama, alles Liebe zum Geburtstag! Ich drücke dich ganz fest!“

„Danke, mein Mädchen.“

„Mama, Daniel Köhler kommt heute kurz vorbei und bringt dir einen Umschlag. Von uns allen. Kauf dir bitte etwas Schönes, ja?“

„Ja, mache ich.“

„Ich wäre wirklich gern gekommen, aber morgen habe ich diese fünfstöckige Hochzeitstorte, ich drehe hier schon völlig durch.“

„Ich verstehe dich, Liebes.“

Markus Hermann schrieb nur bei WhatsApp: „Mama, herzlichen Glückwunsch. Ich liebe dich. Fühl dich umarmt. Daniel schaut vorbei.“ Drei Sätze. Mehr nicht.

Daniel Köhler erschien gegen Mittag. Er trat ein, zog die Schuhe aus und umarmte mich flüchtig mit einem Arm, weil er in der anderen Hand sein Handy hielt.

„Mama, alles Gute. Hier, das ist von uns.“

Er reichte mir einen weißen Umschlag. Ganz schlicht. Ohne Namen, ohne Karte, ohne ein paar handgeschriebene Worte, nicht einmal ein kleines Herz auf der Rückseite. Nur ein weißes Rechteck aus Papier.

„Danke“, sagte ich und legte ihn auf den Küchentisch.

„Machst du ihn nicht auf?“

„Später.“

„Okay. Mama, ich muss auch gleich wieder los. Anna Mayer wartet, wir fahren zu ihren Eltern ins Wochenendhaus.“

„Natürlich. Fahr nur.“

Er schlüpfte wieder in seine Schuhe, gab mir einen Kuss auf die Wange und drehte sich schon an der Tür noch einmal um.

„Mama, alles in Ordnung? Du siehst müde aus.“

„Es ist alles gut. Ich bin sechzig, Daniel. Nur sechzig.“

Er nickte und ging. Alles in allem war er vielleicht eine Viertelstunde bei mir gewesen.

Der Umschlag blieb auf dem Küchentisch liegen. Zwei Stunden lang ging ich daran vorbei, als läge dort etwas, das ich nicht berühren durfte. Schließlich setzte ich mich, nahm ihn in die Hand und öffnete ihn.

Darin steckten sechstausend Euro. Sechs Scheine zu je tausend.

Sie hatten zusammengelegt. Drei erwachsene Kinder. Sechstausend Euro.

Ich stand einfach da und starrte auf das Geld. Markus Hermann verdient zweihunderttausend im Monat; er hatte es selbst einmal erwähnt, als er mit seinem neuen Auto prahlte. Bei Laura Schubert weiß ich es nicht genau, aber ihre Konditorei läuft gut, die Bestellungen reißen nicht ab, und erst letzte Woche hatte sie in den sozialen Netzwerken eine Torte für fünfzehntausend gezeigt. Daniel Köhler ist Ingenieur, kein reicher Mann, aber arm ist er auch nicht. Mit seinem Tiguan fährt er schließlich regelmäßig zu den Eltern von Anna Mayer hinaus.

Sechstausend. Durch drei geteilt: zweitausend von jedem. Und nicht einmal den Umschlag hatten sie beschriftet.

Ich weinte nicht. Vielleicht wäre es leichter gewesen, wenn Tränen gekommen wären. Stattdessen wurde in mir alles still und kalt, wie in einer leeren Wohnung im Winter, wenn die Heizung ausgefallen ist.

Ich schob den Umschlag in die Schublade. Dann spülte ich das Geschirr, wischte die Arbeitsfläche ab, goss die Blumen. Alles tat ich wie ferngesteuert. Meine Hände arbeiteten von allein, doch meine Gedanken blieben an einem einzigen Punkt hängen: sechstausend. Sie hatten zusammengelegt. Ein Umschlag ohne jede Beschriftung.

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