Meine Kinder legten zu meinem Geburtstag Geld für mich zusammen. Als ich den Umschlag öffnete, begriff ich, was sie mir gegenüber wirklich empfanden.
Sechzig Jahre — das ist kein beliebiges Datum mehr. Eigentlich hatte ich mir eingeredet, dass ich nichts feiern wollte. Und doch gab es tief in mir diesen kleinen, törichten Winkel, in dem noch Erwartungen wohnten. Ich hoffte, die Kinder würden sich etwas einfallen lassen. Nichts Großes. Kein Restaurant, keine laute Feier, keine Überraschung mit Blumen und Musik. Nur dass sie kämen, sich zu mir setzten, ein bisschen blieben, redeten. Einfach bei mir wären. Denn wir hatten schon lange nicht mehr alle an einem Tisch gesessen.
Ich habe drei Kinder. Der Älteste, Markus Hermann, ist einundvierzig. Er lebt in der Hauptstadt und leitet eine Abteilung in einer IT-Firma. Laura Schubert, meine mittlere Tochter, ist sechsunddreißig und besitzt eine kleine Konditorei. Der Jüngste heißt Daniel Köhler, zweiunddreißig Jahre alt. Er wohnt hier in Berlin, keine vierzig Minuten von mir entfernt, und trotzdem sehen wir uns höchstens alle zwei Monate — wenn es gut läuft.
Sie sind alle erwachsen, stehen auf eigenen Beinen, haben Familien, Termine, Verpflichtungen, ihr eigenes Leben. Darauf bin ich stolz. Ich habe sie allein großgezogen. Leicht war es nicht, aber ich habe nie viel darüber gesprochen. So war eben mein Weg. Manchmal frage ich mich nur, ob sie sich noch erinnern. Wissen sie noch, wie ich abends direkt vor der Nähmaschine eingeschlafen bin? Wie ich am Monatsende aus dem, was im Kühlschrank übrig war, eine Suppe kochte und so tat, als sei es ein besonderes Rezept? Wahrscheinlich haben sie es vergessen. Vielleicht müssen Kinder so etwas auch gar nicht behalten. Heute gehört ihr Alltag ihnen selbst.
Eine Woche vor meinem Geburtstag rief Markus Hermann an.

„Mama, wir haben miteinander gesprochen. Es wird leider nichts mit dem Kommen. Bei mir brennt gerade ein Projekt, Laura Schubert steckt mitten in der Hochsaison, sie hat Aufträge ohne Ende. Daniel Köhler fährt bei dir vorbei und bringt dir etwas von uns allen. Wir haben zusammengelegt.“
„Zusammengelegt?“, fragte ich leise.
„Na ja, für dein Geschenk. Daniel Köhler bringt es dir. Du magst doch ohnehin keinen großen Aufwand, stimmt’s?“
Ich antwortete: „Natürlich nicht.“
Dann legte ich auf. Danach blieb ich noch lange in der Küche sitzen und starrte auf die Wand.
Zusammengelegt. Alle drei. Für ihre eigene Mutter. Als wäre ich eine Kollegin aus einer anderen Abteilung, jemand, den man zwar kennt, aber nicht gut genug, um etwas Persönliches auszusuchen. Ein Umschlag mit Geld — die bequemste Lösung für alle, die keine Zeit investieren möchten.
Vielleicht war ich ungerecht. Vielleicht hatten sie wirklich keine freie Minute. Vielleicht macht man es heute eben so: praktisch, nüchtern, ohne Sentimentalitäten. Ich sollte schließlich eine moderne Mutter sein. Eine, die Verständnis hat.
Trotzdem zog sich in mir etwas schmerzhaft zusammen. Es war nur ein kleines Gefühl, kaum greifbar, aber mit jedem Tag sank es tiefer.
An meinem Geburtstag, einem Samstag, dem 7. März, stand ich wie immer um sieben Uhr auf. Ich kochte Kaffee. Dann wandte ich mich zum Fenster.
