„Auf den kalten Beton. In nichts als einem T-Shirt. Nur weil ihm Ihre Suppe nicht geschmeckt hat. Ist Ihnen überhaupt klar, was Sie da getan haben?“
„Wag es nicht, in diesem Ton mit mir zu reden!“, fuhr Helena Sommer auf. „Das ist meine Wohnung! Ich bin seine Großmutter, und ich darf Respekt verlangen. Mich hat man auch streng erzogen, und geschadet hat es mir nicht.“
„Das Ergebnis sehe ich.“ Laura deutete auf Lukas, der noch immer zitterte. „Ab heute wird er bei dem Wort Großmutter zusammenzucken. Und das war das letzte Mal, dass Sie sich an ihm als Erzieherin versucht haben.“
Sie zog ihr Handy hervor. Helena verzog spöttisch den Mund, als wollte sie sagen: Ruf doch an, wen du willst, Jonas steht ohnehin auf meiner Seite. Fünf Jahre lang war Laura in dieser Familie kaum mehr gewesen als die Frau, die den Enkel geboren hatte. Helena hatte ihr erklärt, wie man kochte, wusch, sprach, ja beinahe, wie man atmete. Jonas hatte alles abgetan mit: „Mama meint es doch nur gut.“ Laura hatte geschluckt, immer wieder. Doch diesmal ging es nicht um sie. Diesmal ging es um ihren Sohn.
Es tutete. Dann meldete sich Jonas, seine Stimme überlagert vom Lärm der Werkstatt.
„Laura, ich kann gerade nicht, ein Kunde—“
„Jonas. Deine Mutter hat Lukas ohne Jacke ins Treppenhaus gesetzt. Er saß auf dem Beton und hat geweint. Wegen einer Suppe. Wenn du in fünfzehn Minuten nicht hier bist, packe ich unsere Sachen und gehe mit meinem Kind. Für immer. Entscheide dich.“
Sie sprach laut genug, damit Helena jedes Wort hörte. Deren Gesicht wurde lang und fahl, wie alte, bröckelnde Spachtelmasse. Ihre Finger krallten sich in den Türrahmen.
„Was bildest du dir ein?“, zischte sie. „Er wird dich hinauswerfen!“
Aus dem Telefon klang Jonas’ Stimme plötzlich hart und fremd.
„Was? Im Treppenhaus? Ich fahre sofort los. Geh nirgendwohin.“
Laura legte auf. Einen langen Moment sah sie Helena an, ohne Triumph, aber auch ohne Angst. Dann führte sie Lukas ins Zimmer, wickelte ihn in eine Decke und brachte ihm warme Milch. Sie setzte sich neben ihn, strich ihm durchs Haar und erzählte von dem Kater der Nachbarn. Nach und nach hörte der Junge auf zu beben; nur die Nase zog er noch hoch, während sein Blick immer wieder zur Tür huschte.
Zehn Minuten später krachte die Wohnungstür. Jonas stürmte in seiner nach Öl riechenden Arbeitsjacke herein, die Augen vor Wut geweitet. Er rannte ins Kinderzimmer, sah seinen Sohn in der Decke, sah Laura mit geröteten Augen und wandte sich dann zu seiner Mutter.
