„Was hast du dir dabei gedacht?“ Jonas’ Stimme schnitt durch den Raum. „Du jagst ein Kind wegen eines Tellers Suppe in die Kälte?“
„Jonas, mein Junge, er hat mich beleidigt!“, jammerte Helena Sommer, doch ihre frühere Sicherheit war verschwunden. „Ich habe mir Mühe gegeben, und er… Laura hetzt ihn doch gegen mich auf!“
„Kein Wort mehr!“ Jonas fuhr sie so scharf an, dass sie unwillkürlich einen Schritt zurückwich. „Begreifst du überhaupt, was hätte passieren können? Er hätte krank werden können. Oder vor Angst auf die Straße laufen. Bist du noch bei Verstand?“
„Ich wollte doch nur das Beste…“, schluchzte sie und verschmierte sich die Wimperntusche über die Wangen. „Mit mir ist man früher auch so umgegangen… Ich liebe ihn doch…“
„Liebe heißt, ein Kind zu versorgen. Nicht, es vor die Tür zu setzen.“ Jonas atmete schwer. „Hast du ihn gefragt, warum es ihm nicht schmeckt? Ob es vielleicht versalzen war? Nein. Du hast eine Strafvorführung daraus gemacht. Mama, ich habe dich lieb, aber jetzt ist Schluss. Du entscheidest nicht, wie mein Sohn erzogen wird.“
Für einen Moment war es vollkommen still. Nur Helenas ersticktes Schluchzen war zu hören. Laura trat aus dem Kinderzimmer und stellte sich neben ihren Mann. Sie sah ihre Schwiegermutter ruhig an, mit einem Blick, in dem keine Angst mehr lag.
Jonas ließ langsam die Luft aus den Lungen.
„Du fährst jetzt nach Hause. Und bis wir geklärt haben, wie es weitergeht, kommst du Lukas nicht mehr zu nahe. Besuche gibt es nur, wenn Laura oder ich dabei sind. Verstanden?“
„Jonas… ich bin doch deine Mutter…“
„Genau deshalb rufe ich dir ein Taxi, statt dich einfach ins Treppenhaus zu stellen. Merk dir den Unterschied. Pack deine Sachen.“
Er nahm sein Handy. Helena wankte weinend in den Flur, wo ihre Reisetasche an der Garderobe hing. Fünf Minuten später kam sie im offenen Mantel zurück. Lange starrte sie Laura an, wortlos; nur ihre Lippen bebten.
Als die Tür hinter ihr ins Schloss fiel, ging Jonas vor Lukas in die Hocke.
„Es tut mir leid, mein Sohn. Ich hätte früher eingreifen müssen. Oma wird dir nicht mehr wehtun. Das verspreche ich.“
Lukas warf sich an ihn und brach laut in Tränen aus, als löse sich endlich die Angst, die sich stundenlang in ihm festgesetzt hatte. Jonas strich ihm über den Rücken, während seine eigenen Augen feucht glänzten. Laura stand daneben und weinte still, vor Erschöpfung und Erleichterung zugleich.
Am Abend schlief Lukas im Schlafzimmer seiner Eltern ein; in sein eigenes Zimmer traute er sich nicht. Jonas und Laura saßen später in der Küche. Der Topf mit jener Suppe stand noch immer unberührt auf dem Herd. Laura empfand dabei kein Bedauern.
