„Lukas! Was machst du denn auf dem Betonboden? Und das ohne Jacke!“
Die Einkaufstaschen entglitten Laura Köhlers Händen und schlugen auf den Stufen auf. Eine Milchflasche rollte polternd hinunter, klackerte über den Beton, doch Laura nahm das Geräusch kaum noch wahr. Auf dem Treppenabsatz zwischen dem zweiten und dritten Stock kauerte ihr sechsjähriger Sohn. Seine schmalen Schultern bebten in dem dünnen T-Shirt mit dem Dinosaurier, während der kalte Luftzug durchs Treppenhaus zog. Er hatte die Arme um die Knie geschlungen und weinte lautlos; nur seine Lippen zuckten, als fürchte er sich sogar davor, hörbar zu schluchzen.
„Mein Schatz, was ist passiert? Du bist ja völlig durchgefroren!“
Der Junge hob seine verweinten, geröteten Augen zu ihr.
„Oma hat gesagt… sie lässt mich erst wieder rein… wenn ich mich entschuldige.“

„Wofür denn?“ Laura umfasste seine kleinen Hände und hauchte warme Luft darüber.
„Ich hab nur gesagt, dass die Suppe nicht schmeckt. Nur das. Mama, du sagst doch immer, man soll nicht lügen. Da hat sie geschrien, ich wäre frech, und mich rausgeschoben. Ich soll hier sitzen und nachdenken. Und nicht klingeln.“
Vor Lauras innerem Auge entstand das Bild ihres Sohnes, wie er erst zaghaft, dann verzweifelt auf den Klingelknopf drückte, während hinter der Tür niemand reagierte. Wie er sich irgendwann auf den eiskalten Boden setzte, weil seine Beine ihn nicht mehr trugen. Zehn Minuten? Eine halbe Stunde? Ihr Brustkorb zog sich zusammen, als hätte jemand Draht um ihre Rippen gewickelt.
Am Morgen hatte Helena Sommer von sich aus angeboten, auf den Enkel aufzupassen. Laura war überrascht gewesen; ihre Schwiegermutter half selten, ohne dass ein versteckter Vorwurf mitschwang. Trotzdem hatte sie gedacht: Vielleicht wird es ja besser. Nur kurz war sie einkaufen gegangen. Und so sah also dieses „Ich bleibe bei ihm“ aus.
Laura riss sich die Strickjacke von den Schultern, legte sie Lukas um und drückte ihn fest an sich.
„Alles gut, mein Liebling. Mama ist da. Wir gehen jetzt.“
Sie hob ihn hoch — leicht wie ein kleiner Spatz — und drückte auf die Klingel. Lange. Ohne den Finger vom Knopf zu nehmen.
Die Tür öffnete sich erst nach einer Weile. Auf der Schwelle stand ihre Schwiegermutter im Morgenmantel, die Haare sorgfältig gelegt, die Lippen nachgezogen. Ihre Haltung war die einer beleidigten Kaiserin.
„Da bist du ja endlich“, zischte Helena Sommer. „Nimm deinen kleinen Erzieher gleich mit. Drei Stunden habe ich Knochensuppe gekocht, und er sagt mir ins Gesicht: ‚Oma, das schmeckt nicht.‘ Weißt du überhaupt, wie sich so etwas anfühlt?“
Laura stellte Lukas im Flur ab, ließ seine Hand aber nicht los. Ihre Stimme wurde kalt und scharf wie eine Klinge.
„Sie haben meinen sechsjährigen Sohn vor die Tür gesetzt.“
