Lena wollte etwas Scharfes erwidern, irgendeinen bissigen Satz, der die Sache leichter gemacht hätte. Doch ihr fiel nichts ein. Wilma hatte zu genau getroffen.
Noch am selben Abend kam Michael König spät nach Hause. Er zog nicht einmal richtig die Jacke aus, sondern setzte sich mit dieser geschäftigen Miene an den Küchentisch, als müsse nun ein wichtiger Familienbeschluss gefasst werden.
„Lena, wir müssen reden.“
„Dann rede“, sagte sie. „Aber bitte ohne feierliche Einleitung.“
Er räusperte sich.
„Julia braucht Geld. Sie haben mit der Renovierung angefangen, jetzt macht die Handwerkertruppe Druck. Könntest du ihr von deiner Prämie hunderttausend Euro leihen? Nur für ein paar Monate.“
Lena sah ihn ruhig an. So ruhig, dass er unwillkürlich die Schultern anzog.
„Nein.“
„Du willst nicht einmal darüber nachdenken?“
„Worüber denn? Vor vier Wochen war ich noch herzlos. Und jetzt soll ich plötzlich die Hausbank spielen?“
„Sie ist meine Schwester.“
„Und es ist mein Geld.“
„Du stellst dich einfach quer.“
„Nein, Michael. Ich bin nur nicht mehr bequem.“
Aus dem Zimmer kam Wilma Engels Stimme. Fest, klar, völlig unerwartet.
„Und das ist auch höchste Zeit.“
Michael fuhr herum.
„Mama, meinst du das ernst?“
„Ernster geht es nicht. Hör endlich auf, so zu tun, als müsse Lena euren ganzen Schlamassel ausbügeln. Julia lebt auf Wirkung und rechnet ständig damit, dass irgendjemand sie auffängt. Und du sitzt dein Leben lang zwischen zwei Frauen und nennst das Frieden. In Wahrheit lässt du nur andere die Arbeit machen.“
„Vielen Dank, Mama. Sehr aufbauend.“
„Ich baue gerade nicht dich auf“, erwiderte Wilma. „Ich habe nur endlich angefangen, meinen Kopf zu benutzen. Nicht Julia hat mir Essen gebracht, nicht du hast mich zu Ärzten gefahren und mir Wasser ans Bett gestellt. Das war Lena. Also wag es nicht, sie anzusehen, als wäre sie ein Portemonnaie auf zwei Beinen.“
Michael wurde blass.
„Was ist das hier? Habt ihr euch verbündet?“
„Nein“, sagte Lena leise. „Zum ersten Mal reden wir nur, ohne dass vorher schon feststeht, dass ich schuld bin.“
Er stand auf und verschwand im Zimmer. Die Tür fiel ins Schloss, doch der Knall hatte nicht mehr dieselbe Wucht wie früher. Es klang eher nach einem Menschen, der gerade begriffen hatte, dass ein alter Trick nicht länger funktionierte.
Ein paar Tage später rief Wilma Engel Lena zu sich.
„Setz dich. Und erschrick nicht, ich verabschiede mich nicht vom Leben.“
„Bei so einem Anfang kann man trotzdem graue Haare bekommen.“
Auf Wilmas Schoß lag eine dicke Mappe mit Unterlagen. Sie strich mit der Hand darüber, als müsse sie sich selbst Mut machen.
„Nach dem Tod meines Mannes und dem Verkauf des kleinen Hauses ist etwas Geld geblieben. Nicht viel. Ich habe es für schlechte Zeiten zurückgelegt. Eigentlich dachte ich, Michael bekommt es irgendwann. Aber ich habe es mir anders überlegt. Du nimmst einen Teil davon und fährst allein in Urlaub.“
Lena brachte nicht einmal ein Lächeln zustande.
„Das meinen Sie nicht ernst.“
„Doch. Sehr sogar. Du hast in all den Jahren so viel Kraft in diese Wohnung, in diese Familie und in fremde Wünsche gesteckt, dass ich es inzwischen selbst kaum ertrage. Ein Mensch braucht wenigstens ein Stück Leben, das sich nicht ständig um den Hunger anderer dreht.“
„Ich kann das nicht annehmen.“
„Du wirst es annehmen“, sagte Wilma unbeirrbar. „Betrachte es meinetwegen als Entschädigung für seelische Abnutzung. Und fang nicht an zu widersprechen. Ich habe viel zu lange Ordnung mit Kontrolle verwechselt. Damit ist jetzt Schluss.“
Lena setzte sich auf die Stuhlkante. Plötzlich wurde ihr etwas klar, so einfach und unangenehm, dass es beinahe wehtat: Sie hatte nicht nur gegen ihre Schwiegermutter gekämpft. Sie hatte gegen eine ganze Lebensordnung angekämpft, in der eine Frau still tragen, lächeln und sich auch noch bedanken sollte, wenn man sie überhaupt zur Familie zählte. Und das Seltsamste war: Ausgerechnet die Frau, von der Lena am wenigsten menschliche Einsicht erwartet hatte, sprach es als Erste aus.
Im Flur schlug die Wohnungstür. Michael steckte den Kopf in die Küche.
„Möchtet ihr Tee?“
„Möchten wir“, antwortete Wilma, noch bevor Lena etwas sagen konnte. „Und du setzt dich dazu. Wir fangen jetzt an zu lernen, wie man lebt, ohne alles auf eine einzige Frau abzuladen. Für den Anfang reicht etwas Einfaches: Über die Maifeiertage fährst du allein zu Julia und hilfst ihr. Lena fährt weg, um sich zu erholen.“
„Wohin denn?“, fragte er völlig überrumpelt.
Lena blickte zum Fenster hinaus. Von den Dächern tropfte Schmelzwasser, unten im Hof brüllte ein Müllwagen, eine Nachbarin schleppte ein Netz Kartoffeln, und vor dem Eingang standen Jugendliche, rauchten und taten so, als bemerke sie niemand. Ein ganz gewöhnlicher deutscher Frühling am Stadtrand: schmutzig, laut, ohne jedes Versprechen. Und trotzdem wurde ihr auf einmal leicht ums Herz.
„Wohin ich will“, sagte sie. „Anscheinend habe ich jetzt endlich das Recht dazu.“
Das Erstaunliche daran war nicht einmal, dass ihre Schwiegermutter sich plötzlich als nicht der schlimmste Mensch in dieser Wohnung erwies. Erstaunlich war vielmehr, wie unspektakulär sich die Welt verschob. Nicht durch große Reden, nicht durch eine feierliche Versöhnung. Sondern in dem Augenblick, in dem jemand aufhörte, dich für bequem zu halten. Manchmal sogar jemand, der genau diesen Vorteil jahrelang als Erster genutzt hatte.
