„Lena Huber, willst du mich eigentlich verhöhnen?“ donnerte Wilma Engels Stimme gegen die Küchenfliesen

Diese selbstgerechte Zumutung ist herzlos und unfair.
Geschichten

Sie las die Nachrichten, löschte sie wieder und fuhr nach Feierabend nicht nach Hause, sondern ins Schwimmbad. Dreißig Minuten im Wasser halfen ihr mehr als jedes Gespräch über Familienpflichten. Unter der Oberfläche wollte niemand von ihr wissen, ob der Salat schon geschnitten war. Niemand fragte, weshalb sie so ernst schaute. Niemand erwartete ein Lächeln.

Erst gegen zehn kam sie zurück. In der Wohnung hing der Geruch von Fertigklößen, männlicher Kränkung und fremden Ansprüchen.

Zwei Tage vor dem Geburtstag trat Michael König ins Schlafzimmer. Sein Gesichtsausdruck verriet bereits, dass er sich im Voraus beleidigt fühlte, weil er mit einer Absage rechnete.

„Ich muss dich was fragen.“

„Das klingt schon gefährlich.“

„Mama feiert jetzt bei Julia. Aber ihr Backofen ist eine Katastrophe, oben verbrennt alles. Mach wenigstens dein Fleisch und diese Wrap-Rollen. Wir holen es ab. Du musst nicht mal mitkommen.“

„Wie großzügig von euch.“

„Lena, bitte ohne Spott.“

„Wie denn sonst? Soll ich gerührt sein? Ich habe Nein gesagt.“

„Du machst das absichtlich. Nur damit alle merken, dass du deinen Kopf durchsetzt.“

„Nein, Michael. Ich höre nur zum ersten Mal auf, etwas zu schlucken, das mir seit Jahren im Hals steckt.“

„Wegen dir läuft die ganze Feier schief.“

„Nein. Weil ihr euch daran gewöhnt habt, ein Fest auf den Rücken einer einzigen Person zu stellen.“

Er blieb einen Moment stehen, dann sagte er hart:

„Du bist richtig gemein geworden.“

„Ich bin müde geworden. Das ist nicht dasselbe.“

Am Samstag verließ Lena Huber die Wohnung um elf. Sie ging zum Friseur, stöberte danach in einer Buchhandlung und setzte sich später in ein Café am Einkaufszentrum. Dort las sie, während draußen Einkaufswagen vorbeiratterten, Tüten an Händen baumelten und fremde Kinder in viel zu großen Jacken hinter ihren Eltern herstolperten.

Sie war weder glücklich noch beschämt. In ihr war es einfach still. Als hätte jemand nach Jahren endlich die Dunstabzugshaube ausgeschaltet, die ununterbrochen in ihrem Kopf gedröhnt hatte.

Ihr Handy stellte sie auf lautlos. Als sie am Abend aufs Display sah, warteten dort zwölf verpasste Anrufe von Michael, acht von Julia Lange und eine knappe Nachricht: „Mama ist im Krankenhaus. Blutdruck. Komm sofort.“

In der Notaufnahme roch es nach nasser Kleidung, Medikamenten und Angst. Michael saß zusammengesunken auf einem Plastikstuhl. Julia stand daneben in einer festlichen Bluse und weinte so heftig, als wäre sie die eigentliche Verletzte.

„Was ist passiert?“, fragte Lena.

„Was passiert ist?“ Julia fuhr sofort hoch. „Wegen diesem ganzen Chaos wäre Mama fast umgekippt. Das warme Essen kam zu spät, die Kinder haben eine Platte vom Tisch gestoßen, sie hat sich aufgeregt, der Blutdruck ist hochgeschossen. Wenn du geholfen hättest, wäre das nicht passiert.“

Lena sah sie nicht einmal an.

„Was sagt der Arzt?“

Michael antwortete dumpf:

„Bis jetzt hypertensive Krise. Sie untersuchen sie noch.“

„Hat sie heute Morgen ihre Tabletten genommen?“

Julia stockte.

„Keine Ahnung. Sie war seit sieben auf den Beinen. Aufschnitt, Häppchen, Kuchen, Gäste…“

Langsam wandte Lena den Kopf zu ihr.

„Das heißt, niemand hat darauf geachtet, dass eine Frau mit Blutdruckproblemen ihre Medikamente nimmt. Aber für die gefüllten Blätterteigteilchen gab es offenbar Zuständige.“

„Spiel dich jetzt nicht auf“, fauchte Julia. „Dafür ist gerade wirklich nicht der Moment.“

„Doch. Genau dafür. Nur passt es euch nicht.“

Die Ärztin kam aus dem Behandlungszimmer. Sie wirkte erschöpft, streng und vollkommen frei von tröstlichen Floskeln.

„Angehörige von Frau Engel?“

„Ja.“

„Der Zustand ist stabil. Es ist kein Schlaganfall. Ausgelöst wurde das Ganze durch Stress, Überlastung und ausgelassene Medikamente. Morgen bringen Sie bitte Bademantel, Hausschuhe und Wasser mit. Und beim nächsten Mal lassen Sie eine Frau über sechzig nicht den ganzen Tag um ein Festessen herumrennen.“

Julia begann wieder zu schluchzen. Michael senkte den Blick. Lena spürte auf einmal keine Wut mehr, nur eine schwere, zähe Erschöpfung. Erwachsene Menschen standen hier, benahmen sich aber, als sei das Leben eine Schulaufführung, bei der am Ende nur zählt, ob der Tisch ordentlich aussieht.

Am nächsten Tag fuhr sie ins Krankenhaus. In ihrer Tasche lagen frische Sachen, außerdem hatte sie eine Thermoskanne mit Brühe dabei. Wilma Engel lag ungewohnt still im Bett. Nichts war übrig von der sonst so geraden, befehlenden Haltung. Da lag nur eine ältere, erschöpfte Frau.

„Du bist gekommen“, sagte sie statt einer Begrüßung.

„Bin ich.“

„Julia konnte nicht?“

„Julia hat Kinder, Mann, Verkehr und eine empfindsame Seele. Also lauter ernste Gründe.“

Die Schwiegermutter schloss die Augen.

„Stichel nicht. Mir platzt der Kopf.“

„Dann halten wir es kurz. Ich habe Ihnen Sachen gebracht und Brühe.“

„Hast du die selbst gekocht?“

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