Alexander Krüger schleppte währenddessen schweigend die Koffer zum Aufzug. Sein Atem ging stoßweise, doch er würdigte mich keines Blickes. Wahrscheinlich hatte ich mich in seiner Vorstellung gerade in ein Ungeheuer verwandelt. Und wissen Sie was? In mir fühlte es sich an, als hätte ich endlich einen durchnässten, tonnenschweren Mantel abgestreift.
Draußen empfing uns die feuchte Frühlingsluft von Dresden, kühl und leicht salzig vom nahen Fluss. Vor dem Hauseingang wartete bereits ein weißes Taxi. Der Fahrer musterte unseren Zug mit einer Mischung aus Neugier und Unbehagen. Mathilda Böhm ließ sich auf die Rückbank sinken, als führe man sie ins Exil.
„Ich werde dich verfluchen“, fauchte sie zum Abschied.
„Gute Fahrt“, erwiderte ich ruhig. „Bis vor die Haustür ist alles bezahlt.“
Die Rücklichter blinkten auf, dann rollte der Wagen davon und verschwand um die Ecke. Alexander blieb neben mir stehen, die Schultern hochgezogen gegen den Wind.
„Bist du jetzt zufrieden?“, fragte er dumpf.
„Sie ist nicht ausrangierter Müll“, antwortete ich fest. „Sie ist eine erwachsene Frau mit einer eigenen Wohnung. Und ich habe ebenfalls eine. Diese beiden Orte bleiben getrennt, solange sie nicht begreift, dass man seine Hände bei sich behält.“
Ich wandte mich zum Eingang.
„Kommst du mit? Oder willst du hinterherfahren und sie trösten?“
Er zögerte, dann folgte er mir schließlich. Seine Turnschuhe schabten über den Asphalt, als trüge er plötzlich zwanzig Jahre mehr.
In der Wohnung lag eine beinahe dröhnende Stille. Kein Fernseher lärmte, kein scharfer Duft von Pfefferminze hing in der Luft. Nur ein sanfter Hauch von Borschtsch erinnerte daran, dass hier gekocht worden war.
In der Küche entdeckte ich auf dem Boden noch den Löffel. Ich hob ihn auf; das Metall war kalt. Am Spülbecken ließ ich heißes Wasser laufen und schrubbte ihn sorgfältig mit Seife, länger als nötig.
Ich wusch nicht nur Staub ab, sondern auch die Berührung fremder Hände, den Rest von Zorn und Anmaßung. Anschließend trocknete ich ihn gründlich und legte ihn in die hinterste Schublade. Dort sollte er bleiben – als stille Mahnung, dass Grenzen rechtzeitig verteidigt werden müssen.
Alexander saß im Wohnzimmer im Dunkeln. Ich ließ das Licht aus.
„Möchtest du Tee?“, fragte ich vom Türrahmen aus.
„Nein.“
„Du warst grausam, Galina“, sagte er nach einer Weile leise. „Sehr grausam.“
Ich setzte mich an den Tisch, schenkte mir selbst eine Tasse ein und atmete tief durch.
„Grausamkeit“, entgegnete ich ruhig, „ist es, zuzusehen, wie die eigene Frau gedemütigt wird, und nichts zu unternehmen. Was ich getan habe, war nichts weiter als Konsequenz.“
Ich nahm einen Schluck. Der Tee schmeckte stark und klar.
Zum ersten Mal seit drei Jahren hörte ich das alte Haus wieder in den Leitungen rauschen und singen. Es gehörte wieder mir.
Gerechtigkeit bedeutet, im eigenen Bett schlafen zu können, ohne auf den nächsten Angriff gefasst zu sein. Morgen werde ich in Ruhe aufwachen, Kaffee kochen, die Tischdecke glattstreichen – und niemand wird mich eine „Nichtskönnerin“ nennen.
Sich selbst zu schützen ist vielleicht die wichtigste Fähigkeit, die eine Frau besitzen kann.
Was meint ihr? Verleiht graues Haar das Recht auf Demütigungen? Oder gibt es eine Grenze, hinter der „Familie“ nur noch ein Wort im Stammbuch ist? Manchmal hilft eine Geschichte, das eigene Leben klarer zu sehen – und rechtzeitig Nein zu sagen.
