„Bring dieses Kötervieh zum Schweigen!“, fauchte Anton, nachdem sein schwerer Sneaker die alte Hündin hart unter den Brustkorb getroffen hatte

Diese kaltblütige Grausamkeit ist schockierend und verwerflich.
Geschichten

Es dauerte einen Moment, bis ich in der gebeugten Gestalt den früher so selbstsicheren Anton Meier erkannte. Die Jacke hing schlaff an ihm herunter, als sei sie ein Fremdkörper, die Schultern eingefallen. Langsam schlurfte er in Richtung Bushaltestelle. Sein Wagen war bereits im Februar gepfändet worden – die Raten hatte er nicht mehr bedienen können.

Das Geschäftsgebäude am Irkutsker Weg existierte ebenfalls nicht mehr. Vor vierzehn Tagen waren die Bagger angerollt und hatten kurzen Prozess gemacht. Anton hatte versucht, sich dem Abriss entgegenzustellen, hatte von „Willkür“ geschrien und sich beinahe vor die Schaufel geworfen. Die Gerichtsvollzieher beendeten die Szene rasch. Selbst die Kosten für den Rückbau wurden ihm auferlegt – eine letzte Rechnung in einer langen Liste offener Posten.

In jener Nacht fand Michael Braun keinen Schlaf. Er wälzte sich unruhig hin und her, atmete schwer. Gegen Morgen durchbrach er schließlich die Stille.

„Weißt du, Anna …“, murmelte er, „irgendwie tut er mir leid. Er ist schließlich mein Bruder.“

Ich starrte in die Dunkelheit über uns. „Mir hat er auch leidgetan“, sagte ich ruhig. „Bis zu dem Moment, als er nach Emma getreten hat. Du verstehst doch, Michael: Wer auf jemanden einschlägt, der sich nicht wehren kann, wird früher oder später auch dich treffen. Du warst für ihn nützlich. Emma nicht.“

Er schwieg. Vielleicht dachte er zum ersten Mal wirklich darüber nach.

Am Abend gingen wir eine Runde um den Block. Emma Lange setzte vorsichtig die linke Pfote auf – die alte Verletzung, kombiniert mit jenem Tritt, machte sich noch bemerkbar. Trotzdem wirkte sie gelassen. Sie hob die Schnauze in den milden Frühlingswind, blinzelte ins fahle Licht und sog die Gerüche des tauenden Bodens ein.

Vor unserem Hauseingang wartete Anton.

Drei Wochen hatte ich ihn nicht gesehen. Er war deutlich schmaler geworden, die Wangen eingefallen, die Augen lagen tief in ihren Höhlen. Er musste schon eine Weile dort gestanden haben.

„Da seid ihr ja“, krächzte er.

Michael stellte sich instinktiv etwas vor mich. „Anton, was willst du hier? Nach dem Auftritt vor meinem Büro hast du doch ein Annäherungsverbot.“

Er reagierte nicht darauf. Sein Blick haftete an mir. Keine Wut mehr darin – nur Leere, stumpf und ausgebrannt.

„Du hast gewonnen, Anna“, sagte er tonlos. „Heute habe ich die Insolvenz unterschrieben. Die Wohnung geht unter den Hammer. Ich fahre zu meiner Mutter aufs Land.“

Ich antwortete nicht. Welche Worte wären angemessen? Im Gesetzbuch gibt es keinen Paragraphen über Mitleid mit Bankrotteuren.

„Eins verstehe ich trotzdem nicht.“ Er machte einen Schritt nach vorn, und ich spürte, wie Michael sich anspannte. „War es das wert? Wegen eines Hundes? Bist du wirklich so kalt?“

Ich betrachtete seine zitternden Hände, die abgewetzte Jacke, den gebrochenen Stolz.

„Es ging nie nur um den Hund“, erwiderte ich sachlich. „Emma war lediglich ein Gradmesser. Du warst überzeugt, Regeln beträfen nur die anderen. Grundstücke annektieren, Vorschriften ignorieren, Schwächere einschüchtern – für dich alles selbstverständlich. Ich habe dir lediglich gezeigt, dass jedes Terrain Grenzen hat. Und dass auch Geduld irgendwann endet.“

Anton sah zu Emma hinunter. Sie lehnte sich schwer an mein Bein, ohne zu knurren. Für sie war er bedeutungslos geworden – in dem Augenblick, als er den Fuß von ihren Rippen genommen hatte.

„Du bist eine verdammte Ingenieurin“, sagte er leise, beinahe nüchtern. „Eiskalt.“

Dann drehte er sich um und ging. Seine Schritte klatschten dumpf auf den nassen Asphalt, schleifend, kraftlos.

„Komm, Michael. Es ist spät“, sagte ich.

Im Aufzug herrschte Schweigen. Zu Hause löste ich als Erstes Emmas Halsband. Die Messingschnalle fühlte sich warm an. Ich legte es ordentlich auf die Kommode im Flur.

Mein Handy vibrierte. Eine Nachricht aus dem Bürochat. Erik Zimmermann hatte ein Foto geschickt: Wo einst der Pavillon am Irkutsker Weg gestanden hatte, erstreckte sich nun eine sauber planierten Fläche, mit Kies bedeckt. In der Mitte ragte ein neuer, blauer Pfosten auf. Darauf ein Schild: „Schutzzone. Bebauung untersagt.“

Ich sperrte das Display.

Aus der Küche drang das Pfeifen des Wasserkochers. Michael hantierte mit Tassen. „Anna, mit Zucker oder ohne?“

„Ohne, bitte.“

Ich setzte mich zu Emma auf den Boden. Sie legte den Kopf auf meine Knie, atmete ruhig, gleichmäßig. Irgendwo tickte eine Uhr und zählte die Minuten unseres neuen, stillen Alltags – eines Lebens ohne fremde Turnschuhe im Flur und ohne laute Drohungen vor der Tür.

Ich schloss die Augen.

Gutschrift: 0 €.
Kontostand: Frieden.

Emma seufzte leise im Schlaf, und ich zog die Decke ein Stück näher an sie heran.

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