„Wer sollte dich so überhaupt wollen?“ schleuderte Dorothea Fuchs in den Flur, während Stefan mit gesenktem Blick stumm danebenstand

Diese erbärmliche Härte fühlt sich unendlich ungerecht an.
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— Hast du dich eigentlich mal im Spiegel betrachtet? Wer sollte dich so überhaupt wollen? Kein Geld, keine Leistung, kein Verstand – aber auftreten wie eine Ministerin! — Dorothea Fuchs’ Stimme schnitt durch den schmalen Flur, als wolle sie nicht diskutieren, sondern Mauerwerk zum Einsturz bringen.

— Bitte schreien Sie nicht gleich los, — erwiderte ich ruhig, noch immer im Mantel. — Ich bin vor zehn Minuten von der Arbeit gekommen. Seit dem Morgen fünf Anfragen, zwei handfeste Streits in der Abteilung und ein Bus, der mitten auf der Brücke liegenblieb. Lassen Sie mich wenigstens die Stiefel ausziehen, bevor die Vorstellung beginnt.

— Die gnädige Frau möchte erst ihre Stiefel ablegen! — höhnte sie, rückte ihre glänzende Handtasche auf der Schulter zurecht und musterte mich, als hätte ich mich absichtlich im Dreck gewälzt, nur um sie zu provozieren. — Seit wann muss ich in diesem Haus um Erlaubnis bitten?

Stefan Bergmann lehnte im Durchgang zur Küche, in einer ausgewaschenen grauen T‑Shirt und Jogginghose, die Hände tief in den Taschen vergraben. Er sah aus, als ginge es um das Wetter. Nur seine Augen verrieten ihn: Sie wanderten nervös zwischen seiner Mutter, dem Boden und irgendwo neben mir hin und her.

— Ach, Mama, lass gut sein, — murmelte er lustlos. — Muss das direkt an der Tür anfangen?

— Und wann dann? Auf dem Friedhof? — fuhr sie ihn an. — Oder erst, wenn sie uns ganz aus der Wohnung gedrängt hat? Schau sie dir doch an. Sie stolziert hier herum wie die Eigentümerin des Lebens. Sagt man ein Wort, zieht sie ein Gesicht, als stünden wir bei ihr mit ausgestreckter Hand.

Ich stellte meine Tasche langsam auf die Kommode. Die Müdigkeit stieg in mir auf wie eine schwere, bekannte Flut, die bis zur Übelkeit vertraut war. Ich kannte den Ablauf inzwischen auswendig. Zuerst ein harmloser Vorwurf aus dem Alltag. Dann das Thema Geld. Danach mein Äußeres, mein Alter, mein Charakter, meine Herkunft. Stefan verwandelt sich in ein Möbelstück. Ich schweige. Und nachts liege ich wach, das Herz hämmert, während ich die Decke anstarre.

Fünf Jahre. Fünf Jahre dasselbe Stück, nur angepasst an Jahreszeit und Lebensmittelpreise.

— Worum geht es diesmal? — fragte ich. — Ist die Suppe zu wenig gesalzen? Hängen die Handtücher falsch? Oder habe ich wieder im falschen Ton „Guten Abend“ gesagt?

— Jetzt spottest du auch noch? — Sie kam einen Schritt näher. — Ich sage nur die Wahrheit. Mein Sohn schuftet sich ab, und du kannst nichts außer Grimassen ziehen. Du schiebst deine Akten hin und her, schnupperst Archivstaub und kommst heim wie die große Ernährerin.

— Mama, bitte, — brummte Stefan.

— Was bitte? Ist es gelogen? — Sie fuhr herum, den ganzen Körper gegen ihn gewandt. — Zahlen sich die Nebenkosten von selbst? Füllt sich der Kühlschrank allein? Tankt das Auto eigenständig?

Ich musste fast lachen. Das Auto. Ihre heilige Kuh. Stefans kreditfinanzierter Wagen, den er verehrte wie andere eine Ikone. Für ihn nahm er Nebenjobs an, verschob Reparaturen im Haushalt, jammerte über „schwere Zeiten“ und bemerkte dabei nie, dass Waschmittel, Toilettenpapier, Öl und Medikamente verschwanden, dass der Wasserhahn in der Küche tropfte und die Stromrechnung seltsamerweise auf meinen Namen lief — und auch von mir beglichen wurde.

— Die Nebenkosten, — wiederholte ich ruhig. — Und die Einkäufe. Und Reinigungsmittel. Und Internet. Und dein Sohn, der sich nun schon zum dritten Mal in diesem Jahr Winterstiefel kaufen wollte und stattdessen wieder eine „dringende“ Autoreparatur bezahlt hat.

— Wage es nicht, fremdes Geld zu zählen! — kreischte Dorothea Fuchs.

— Fremdes? — Ich sah ihr direkt in die Augen. — Also ist es nicht mein Geld? Dann wäre interessant zu wissen: Wer kauft seit drei Jahren die Lebensmittel? Wer hat die Reparatur der Waschmaschine bezahlt? Wer hat den neuen Kühlschrank bestellt, als der alte endgültig den Geist aufgab? Und wer hat die Türen einbauen lassen, nachdem Ihr Sohn meinte: „Machen wir irgendwann“?

— Lügen kannst du! — Sie schlug mit der Hand auf die Kommode. — Stefan macht alles! Alles! Du hast dich an ihn gehängt wie eine Klette, saugst ihn aus und sitzt hier! Und dann noch mit deinem Temperament! Wer hätte dich denn vor ihm gewollt? Womit bist du gekommen? Mit einer einzigen Tasche! Ohne Familie, ohne Mitgift! Er hat dich erst auf die Beine gestellt!

— Mama, leiser, — sagte Stefan, doch nicht um mich zu verteidigen. Eher so, wie man jemanden im Treppenhaus ermahnt. — Die Nachbarn hören das.

In mir klickte etwas kalt und endgültig.

Nicht: „Mama, so redest du nicht mit meiner Frau.“

Nicht: „Hör auf.“

Nicht: „Du bist ungerecht.“

Nein. „Die Nachbarn hören das.“ Das Problem war also nicht, dass ich in meinem eigenen Zuhause zerlegt wurde. Das Problem war, dass es jemand mitbekommen könnte.

— Großartig, — sagte ich leise. — Ein Musterbeispiel von einem Ehemann.

— Fang nicht an, Anna, — seufzte Stefan, als hätte ich den Streit entfacht. — Du steigerst dich immer rein. Mama war grob, aber im Grunde…

— Im Grunde? — Ich blieb erstaunlich ruhig. — Bitte, führ den Satz zu Ende. Ich bin gespannt, was heute unser „im Grunde“ ist.

Er zuckte mit den Schultern wie ein Schüler vor einer Prüfung.

— Na ja… in letzter Zeit benimmst du dich tatsächlich so, als wären dir alle etwas schuldig. Du schnappst zurück. Bist respektlos zu Mama. Dauernd unzufrieden. Wenn ich heimkomme, schaust du drein wie bei einer Beerdigung.

— Natürlich, — nickte ich. — Ich stehe um sechs auf, fahre quer durch die Stadt zur Arbeit, erledige danach die Einkäufe, komme nach Hause und höre mir an, was für ein wertloser Mensch ich bin. Da strahlt man eben nicht wie ein Sonnenschein.

— Siehst du, Stefan? — fiel Dorothea Fuchs sofort ein. — Sie dreht es so, dass am Ende du schuld bist. Schau sie dir doch an. Weder…

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