…sie rechtzeitig zu informieren. Doch der endgültige Auslöser kam an einem Nachmittag, als Sophie wegen einer unerträglichen Migräne früher aus dem Büro heimkehrte. Kaum hatte sie die Wohnungstür geöffnet, fiel ihr im Flur ein Paar fremder, schneeweißer Sneakers mit überdimensionierter Sohle ins Auge. Aus dem Wohnzimmer drang Gelächter – Lukas Simons vertrautes Lachen, vermischt mit dem hellen Kichern seiner neuen Begleiterin. Angeblich wollten sie nur „die Winterjacke abholen“, hatten es sich jedoch gleichzeitig mit Tee und den letzten Butterkeksen auf Sophies Sofa gemütlich gemacht.
Sophie verzichtete damals auf eine Szene. Ohne ein Wort ging sie in die Küche, nahm den Schlüsselbund, den Lukas Simon achtlos auf der Kommode hatte liegen lassen, und steckte ihn ein. Danach trat sie zurück in den Flur und bedeutete den beiden mit einer knappen Handbewegung die Tür. Lukas Simon protestierte lautstark, Julia Walter verdrehte demonstrativ die Augen – dennoch verschwanden sie. Am nächsten Morgen stand ein Schlüsseldienst vor der Tür.
„Sophie, jetzt übertreib doch nicht“, tönte es nun von draußen, und sein Tonfall wandelte sich abrupt von aufbrausend zu schmeichelnd. Genau dieser Klang, mit dem er früher Geld für irgendein neues Zubehör für sein Auto lockerzumachen versuchte. „Wir sind doch keine Kinder. Wir haben uns getrennt, ja – aber muss man gleich alles so extrem machen? Ich brauche die Schlüssel doch nur praktisch. Vielleicht kommt Post für mich, irgendwelche Rechnungen. Und außerdem stehen noch etliche meiner Sachen bei dir.“
„Deine Briefe werfe ich in deinen Briefkasten unten im Erdgeschoss. Den Schlüssel dazu besitzt du“, erwiderte Sophie ruhig. „Und deine Habseligkeiten sind bereits gepackt. Sie stehen hier in Taschen. Bestell dir einen Wagen.“
„Ich habe kein Geld für einen Transporter!“, fuhr er sie an. „Und kein Auto. Ich bin mit dem Bus gekommen. Mach wenigstens auf, ich stelle die Taschen im Flur ab und hole sie später. Und ich muss dringend auf die Toilette!“
Sophie schloss kurz die Augen. Diese Mischung aus Trotz und gespielter Hilflosigkeit – sie kannte sie seit Jahren.
„Im Einkaufszentrum an der Ecke gibt es kostenlose Sanitäranlagen“, antwortete sie kühl. „Ich stelle deine Taschen ins Treppenhaus. Wenn sie heute Abend noch hier stehen, beauftrage ich eine Entrümpelungsfirma.“
Sie beendete das Gespräch. Hinter der Tür murmelte er noch etwas Unverständliches, dann entfernten sich schwere Schritte die Treppe hinunter. Kurz darauf fiel die Haustür ins Schloss.
Sophie blieb einen Moment reglos stehen, die Stirn an den kühlen Türrahmen gelehnt. Dann ging sie in die Küche, setzte Wasser auf und stützte sich mit beiden Händen auf die Arbeitsplatte. Ein leichtes Zittern lag noch in ihren Fingern, doch in ihrem Inneren breitete sich eine unerwartete Leichtigkeit aus. Sie hatte es tatsächlich getan. Der letzte Faden, an dem er gezogen hatte, war durchtrennt.
Das Handy vibrierte erneut auf dem Tisch. Auf dem Display erschien der Name: Maria Braun. Die ehemalige Schwiegermutter.
Sophie goss sich heißes Wasser in eine Tasse, ließ einen Beutel Kamillentee hinein und nahm sich Zeit, bevor sie den Anruf annahm.
„Guten Tag, Frau Braun.“
„Sophie, was soll das alles?“ Die Stimme der älteren Dame überschlug sich fast vor Empörung. „Lukas hat mich eben angerufen, völlig aufgelöst! Er sagt, du hättest ihn ausgesperrt, die Schlösser ausgetauscht und seine Sachen ins Treppenhaus gestellt. Hast du jedes Maß verloren?“
„Mit zunehmendem Alter gewinnt man gewöhnlich an Klarheit“, entgegnete Sophie sachlich und setzte sich an den Küchentisch. „Hat Lukas Ihnen nicht erzählt, dass unsere Scheidung seit sechs Wochen rechtskräftig ist?“
„Was spielt das für eine Rolle? In Ehen gibt es Höhen und Tiefen! Man streitet, man trennt sich vorübergehend. Der Junge hat einen Fehler gemacht, das kommt vor. Diese junge Person an seiner Seite wird ihm bald langweilig, und dann wäre er sowieso zurückgekommen. Aber du verbrennst alle Brücken! Wie soll er jetzt wieder nach Hause kommen?“
„Es ist nicht mehr sein Zuhause“, sagte Sophie ruhig. „Die Wohnung gehört mir. Und er hat sich nicht verirrt – er hat bewusst beschlossen, ein neues Leben anzufangen. Also soll er es auch eigenständig führen.“
„Deine Wohnung!“, fauchte Maria Braun. „Als ob ihr nicht verheiratet gewesen wärt! Mein Sohn hat hier Herzblut investiert! Wir gehen vor Gericht. Wir fordern die Hälfte – für Renovierungen, Möbel, für die vergeudeten Jahre!“
Sophie nahm einen kleinen Schluck Tee. Die Wärme beruhigte sie.
„Frau Braun, ich schätze Ihr Alter und Ihre Lebenserfahrung, aber bleiben wir bei den Tatsachen. Die Wohnung habe ich von meiner Tante geerbt. Nach geltendem Recht fällt solches Eigentum nicht in den Zugewinnausgleich. Es gab keine gemeinsamen Kernsanierungen. Sämtliche Möbel wurden von meinem Gehaltskonto bezahlt; Rechnungen und Kontoauszüge liegen vor. Ihr Sohn war in den vergangenen fünf Jahren vielleicht anderthalb Jahre erwerbstätig, den Rest der Zeit verbrachte er weitgehend untätig zu Hause.“
