„Weil ich die Schlösser austauschen ließ, Lukas“ sagte sie ruhig und ließ ihren tobenden Ex-Mann vor verschlossener Tür stehen

Feige Wut trifft auf herrlich kühle Gelassenheit.
Geschichten

Sie habe die meiste Zeit auf dem Sofa gelegen und darüber sinniert, welchen Sinn sein Dasein wohl haben möge. „Wenn Sie wirklich vor Gericht ziehen wollen, steht es Ihnen selbstverständlich frei“, fügte sie kühl hinzu. „Allerdings wird Ihr Sohn dann sämtliche Kosten tragen müssen – Gericht, Anwalt, alles. Und ich bin überzeugt, dass Julia Walter von dieser Aussicht hellauf begeistert sein wird.“

Am anderen Ende der Leitung entstand eine zähe, drückende Stille. Maria Braun war keine einfältige Frau. Sie wusste sehr genau, dass Sophie Winter mit jedem einzelnen Argument richtiglag. Doch aus Gewohnheit versuchte sie, mit Druck und Lautstärke das Blatt zu wenden – aus falsch verstandener Mutterliebe zu ihrem längst erwachsenen Sohn.

„Du bist kalt, Sophie“, sagte sie schließlich verbittert. „Kein Funken Mitgefühl in dir. Der Mann steht praktisch mit nichts da, und dich freut es auch noch. Wenigstens seine Sachen hättest du ihm ordentlich übergeben können. Anständig.“

„Ich gebe ihm alles zurück“, erwiderte Sophie sachlich. „Bis hin zu den ausgeleierten Socken und den kaputten Angelruten. Die Taschen stehen im Flur. Wenn Sie sich so sehr sorgen, kommen Sie gern vorbei und helfen ihm beim Abholen. Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Abend, Frau Braun. Und vor allem Gesundheit.“

Ohne eine weitere Reaktion abzuwarten, beendete sie das Gespräch und stellte ihr Handy auf lautlos. Es gab noch einiges zu erledigen.

Im Eingangsbereich türmten sich vier riesige, karierte Taschen – diese unförmigen Modelle, mit denen früher Händler ihre Waren transportierten. Zwei Abende hatte Sophie gebraucht, um alles zusammenzutragen. Systematisch war sie jeden Schrank, jede Schublade und jedes Regal durchgegangen. Sie hatte verblichene T‑Shirts hervorgezogen, ausgebeulte Jeans, Kabelknäuel unbekannter Herkunft, irgendwelche Autoteile, die offenbar „noch gebraucht“ würden, sowie eine Sammlung leerer Biergläser, die Lukas Simon aus unerfindlichen Gründen auf dem oberen Regalbrett hortete. Selbst vom Balkon hatte sie die Winterreifen hereingeschleppt und in stabile Müllsäcke verpackt.

Beim Packen hatte sie weder Wehmut noch nostalgische Anflüge verspürt. Stattdessen nur ein trockenes, fast angewidertes Erstaunen darüber, wie viel Gerümpel ein Mensch anhäuft, der dem Haushalt nichts beisteuert außer leeren Versprechungen und ständigen Vorwürfen.

Sie öffnete die Wohnungstür einen Spalt und warf einen prüfenden Blick auf das Treppenpodest. Niemand war zu sehen, es herrschte Ruhe. Entschlossen begann sie, eine Tasche nach der anderen hinauszuziehen. Das Gewicht ließ die Henkel schmerzhaft in ihre Handflächen schneiden, doch sie biss die Zähne zusammen. Anschließend rollte sie die vier Autoreifen hinaus und stellte sie ordentlich neben dem Aufzug ab.

Zuletzt folgte der Werkzeugkoffer – ein massiver Kunststoffkasten, überzogen mit einer feinen Schicht Baustaub. Lukas hatte ihn vor etwa zehn Jahren gekauft, voller Tatendrang, um die neue Küche eigenhändig aufzubauen. Am Ende hatte er entnervt aufgegeben und doch einen Monteur bestellt.

Nachdem sämtliche Gegenstände draußen standen, trat Sophie wieder ein, schloss die Tür und drehte den Schlüssel zweimal herum. Das satte Klicken des Schlosses klang in ihren Ohren wie ein kleines Triumphlied.

Mit einem feuchten Lappen wischte sie gründlich den Boden im Flur. Sie entfernte Schuhabdrücke, Staubspuren und jede sichtbare Erinnerung an das eben Hinausgetragene. Es ging ihr nicht nur um Sauberkeit. Sie wollte auch die Atmosphäre reinigen – die stickige Luft aus Vorwürfen, das ewige Nörgeln über zu salzige Suppe, den penetranten Duft seines billigen Aftershaves, den er großzügig auftrug, bevor er zu seiner neuen Bekanntschaft aufbrach.

Etwa zwei Stunden vergingen. Sophie bereitete sich ein leichtes Abendessen zu, buk Fisch mit Gemüse im Ofen und ließ leise Musik im Hintergrund laufen. Sie saß an dem aufgeräumten Tisch, genoss die Stille und das Alleinsein, als es plötzlich energisch an der Tür klingelte.

Der Klingelton schrillte lang und fordernd. Ohne Hast legte sie die Gabel beiseite, tupfte sich mit einer Serviette die Lippen ab und ging in den Flur.

Durch den Türspion erkannte sie Lukas Simon. Neben ihm stand Julia Walter, von einem Fuß auf den anderen tretend, einen Kaugummi kauend und mit genervtem Blick auf ihr Handy starrend. Etwas abseits wartete ein fremder Mann in blauem Arbeitsanzug, einen schweren Werkzeugkoffer in der Hand.

Sophies Herz machte einen kurzen Sprung, doch sie fing sich rasch. Sie ahnte, was dieser Auftritt bedeuten sollte.

„Sophie, mach auf!“, rief Lukas und hämmerte mit der Faust gegen die Tür. „Ich habe einen Fachmann dabei! Wenn du nicht freiwillig öffnest, nehmen wir die Tür samt Rahmen auseinander! Ich habe ein Recht, die Wohnung zu betreten – meine Sachen sind schließlich noch drin!“

Julia verzog das Gesicht. „Lukas, wie lange dauert das noch? Mir ist kalt. Und diese Taschen da stinken nach altem Kram. Wir sind wegen der Kaffeemaschine hier, du hast es versprochen.“

Sophie entriegelte das Schloss, ließ jedoch die massive Sicherheitskette eingehängt, die sie vorsorglich zusammen mit den neuen Schlössern hatte montieren lassen. Durch den schmalen Spalt drang der Geruch von Zigarettenrauch herein.

„Guten Abend“, sagte Sophie Winter höflich und blickte dem Handwerker direkt in die Augen.

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