„Weil ich die Schlösser austauschen ließ, Lukas“ sagte sie ruhig und ließ ihren tobenden Ex-Mann vor verschlossener Tür stehen

Feige Wut trifft auf herrlich kühle Gelassenheit.
Geschichten

„Bist du eigentlich noch ganz bei Trost? Warum zur Hölle lässt sich mein Schlüssel nicht mehr drehen?“

Die Stimme von Lukas Simon überschlug sich im Telefon, wurde schrill und atemlos. Man hörte deutlich, wie seine Schritte im Treppenhaus widerhallten, begleitet vom metallischen Klirren der Türklinke, an der er rüttelte.

Sophie Winter lehnte mit dem Rücken an der kühlen Fläche ihrer neuen Wohnungstür. Nur wenige Zentimeter trennten sie von ihrem tobenden Ex-Mann auf der anderen Seite. Durch den Türspion erkannte sie sein verzerrtes Gesicht, die geröteten Wangen, die offenstehende Jacke. Mit der Schulter stieß er gegen das Türblatt, als könne er es so bezwingen.

„Weil ich die Schlösser austauschen ließ, Lukas“, erwiderte sie ruhig und beinahe gelassen, während sie im Spiegel des Einbauschranks ihr eigenes, erstaunlich gefasstes Spiegelbild betrachtete. „Heute früh war ein Schlüsseldienst hier. Jetzt ist ein Sicherheitsschloss eingebaut.“

„Was redest du da? Welche Schlösser?“ Ein dumpfer Schlag hallte durch das Metall – offenbar hatte er gegen die Tür getreten. „Mach sofort auf! Ich brauche meine Winterreifen vom Balkon und den Werkzeugkasten! Außerdem wollte ich noch ein paar Sachen holen.“

Sophie ließ den Blick zu den vier großen karierten Taschen wandern, die ordentlich nebeneinander neben dem Schuhregal standen. „Deine Sachen sind gepackt. Die Reifen habe ich vom Balkon in den Flur gerollt. Deine Werkzeuge liegen ebenfalls bereit. Ruf dir einen Transporter, ich bringe dir alles runter. Oder trag es selbst. Aber in die Wohnung kommst du nicht mehr.“

„Du spinnst doch!“ brüllte er, und das Echo im Treppenhaus verstärkte seine Wut. „Das hier ist auch meine Wohnung! Fünfzehn Jahre habe ich hier gelebt! Ich habe renoviert! Die Fliesen im Flur habe ich eigenhändig verlegt!“

Ein leises, kaum hörbares Lächeln huschte über Sophies Gesicht. Diese selektive Erinnerung war beeindruckend. Die Wohnung hatte sie lange vor ihrer Begegnung mit Lukas von ihrer Tante geerbt. Im Grundbuch stand ausschließlich ihr Name. Und die vielzitierte „Renovierung“? Ja, er hatte tatsächlich die Fliesen im Eingangsbereich gelegt – nachdem er fast die Hälfte des Materials ruiniert und den neuen Sockel mit Kleber verschmiert hatte. Die Tapeten hatte eine Fachfirma angebracht, das Laminat war von Handwerkern verlegt worden, die Sanitäranlagen ebenfalls von Profis erneuert. Bezahlt hatte Sophie alles aus ihren eigenen Rücklagen, während Lukas sich damals wieder einmal in einer Phase der „Selbstfindung“ befand und von Gelegenheitsjobs lebte.

„Hör auf, gegen die Tür zu hämmern. Die Nachbarn bekommen schon genug mit“, sagte sie sachlich und strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Rein rechtlich gehört die Wohnung mir. Wir sind geschieden, die Urteile sind rechtskräftig. Du warst hier nie gemeldet, weil du deine Anmeldung bei deiner Mutter nicht ändern wolltest – wegen irgendwelcher Nebenkostenvergünstigungen. Deine Ansprüche auf diese vier Wände sind exakt null.“

Stille. Nur sein schweres Atmen drang durch das massive Türblatt.

Die Trennung war kein schneller Schnitt gewesen, sondern ein zermürbender Prozess. Lukas war nicht ins Ungewisse gegangen – er war zu Julia Walter gezogen, der „verständnisvollen und unkomplizierten“ Frau. Sie arbeitete als Empfangskraft in dem Fitnessstudio, das er angeblich zur Stressbewältigung besuchte. Julia war fünfundzwanzig, lachte hell über seine mäßigen Witze und blickte bewundernd zu ihm auf. Sophie hingegen war zweiundvierzig, sah ihm direkt in die Augen und stellte Forderungen: Beteiligung an Kosten, Mithilfe im Haushalt, Verantwortung. Der Vergleich fiel wenig schmeichelhaft für sie aus – zumindest aus seiner Sicht.

Als er an jenem Abend seinen ersten Koffer packte, gab er sich betont überlegen. Er sprach von Freiheit, davon, dass man nur einmal lebe, dass ihn der Alltag ersticke. Er brauche Inspiration, Weite, neue Horizonte. Sophie hatte keine Träne vergossen. Mit verschränkten Armen stand sie am Fenster und beobachtete, wie er achtlos die teuren Hemden in den Koffer stopfte – Hemden, die sie jahrelang jeden Morgen für ihn gebügelt hatte.

Sie war überzeugt gewesen, mit seinem Auszug sei ein Schlussstrich gezogen. Doch Lukas dachte nicht daran, die Verbindung wirklich zu kappen. Kaum hatte er mit seiner neuen Muse eine Mietwohnung bezogen, behandelte er Sophies Zuhause weiterhin wie ein kostenfreies Lager, eine Service-Station. Samstags tauchte er unangekündigt auf, schloss mit seinem Schlüssel auf, marschierte mit Straßenschuhen in die Küche, kochte sich Kaffee, durchwühlte den Kühlschrank, nahm seine Angelausrüstung mit und verschwand – eine schmutzige Tasse auf dem Tisch zurücklassend.

Anfangs schluckte Sophie ihren Ärger hinunter. Sie redete sich ein, es sei die Trägheit einer langen Ehe, die nachwirke. Sie suchte das Gespräch, bat ihn zumindest, sich vorher anzukündigen, bat ihn, sie rechtzeitig zu informier

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