„Katharina, hast du den Krebs mitgebracht?“ fordert Sebastian theatralisch — sie legt wortlos eine Packung tiefgekühlte Lodde auf die Arbeitsplatte

Sein Anspruch ist unverschämt, ihre Geduld bewundernswert.
Geschichten

„…und nach vierzig braucht eine Frau den Ehering wie die Luft zum Atmen. Sonst blamiert sie sich doch vor ihren Freundinnen.“

Ich stand wie angewurzelt im Flur. Der Mantel hing noch über meinem Unterarm, als hätte ich vergessen, dass ich ihn trug.

„Ich erzähle ihr das ganz geschickt“, fuhr Sebastian fort, begleitet vom zufriedenen Klirren eines Glases – vermutlich Bier. „Rede von Depressionen, davon, dass man mir keine Stelle anbietet, die meinem Niveau entspricht. Für ein paar Kröten wieder ans Steuer? Sicher nicht. Ich bin doch nicht vom Müll aufgelesen worden. Soll sie malochen. Sie ist Köchin, die ist doch zum Dienen geboren. Morgen erkläre ich ihr, ich brauche wegen meines Rückens so einen Massagesessel für hunderttausend. Den kauft sie mir ohne Murren. Ich liege dann rum und erhole mich – und sie bleibt sowieso.“

Nichts zog sich in meiner Brust zusammen. Keine Tränen, kein Schwindel, kein Drang, Teller an die Wand zu schleudern. Stattdessen breitete sich eine frostige Klarheit in mir aus. In diesem Moment begriff ich, dass ich all die Jahre keinen vom Leben gebeutelten Mann gestützt hatte, keinen vom Schicksal gebrochenen Ehemann – sondern einen berechnenden Schmarotzer, der kaltblütig meine Zeit, mein Geld und meine Kraft verschlang.

Ich ging ins Schlafzimmer. Vom oberen Regal holte ich zwei riesige karierte Taschen hervor – diese unverwüstlichen Dinger, mit denen früher Händler durch die Republik reisten. Dann öffnete ich Sebastians Kleiderschrank.

Kein Zittern, kein Drama. Ich arbeitete ruhig, fast sachlich. Pullover, Jeans, seine endlose Sammlung von T‑Shirts, Unterwäsche – alles landete wahllos in den Taschen. Ordentliches Falten erschien mir plötzlich überflüssig. Danach setzte ich mich an meinen Schreibtisch, zog ein Blatt Papier heran und begann zu schreiben.

„Sportkanäle im Abo – 1.500 €. Pistazien und Craftbier pro Woche – 8.000 €. Seidenbademantel mit Drachenstickerei – 12.000 €. Handyvertrag – 1.000 €. Summe: 22.500 € reiner Verlust allein in diesem Monat.“

Mit den prall gefüllten Taschen schleifte ich zurück in den Flur. Das Rascheln des dicken Plastiks weckte schließlich die Aufmerksamkeit des selbsternannten Hausherrn.

Sebastian trat aus dem Wohnzimmer. Erst zeigte sich Irritation auf seinem Gesicht, dann dieses gewohnte gönnerhafte Lächeln.

„Katharina, warum bist du schon da? Und was soll der Kram? Fährst du etwa zur Datsche? Und wer macht dann Abendessen? Ich hab Hunger.“

Ich richtete mich auf und sah ihn direkt an. „Ich fahre nirgends hin, Sebastian. Du hingegen trittst eine Reise an – zu Fuß. Vielleicht findest du unterwegs so etwas wie Selbstachtung.“

„Wie bitte?“ Er lachte kurz auf, als hielte er das für eine Laune. „Spielen die Hormone verrückt? Hör auf mit dem Theater. Ich hatte heute einen anstrengenden Tag – drei Top-Manager-Stellen gesichtet. Das stresst.“

„Ich habe dein Gespräch mit Jonas Krause mitgehört.“

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