Das spöttische Grinsen auf seinem Gesicht zerfloss langsam, wie billiges Eis in der Sonne. Er blinzelte hastig, als müsse er Zeit gewinnen.
„Na und?“ Sebastian versuchte, sich wieder in seine gewohnte Lässigkeit zu retten, doch seine Stimme kippte verräterisch nach oben. „Männer reden eben so. Man übertreibt ein bisschen. Du wirst ja doch nicht abhauen! Wer will dich denn mit einundvierzig – ständig am Herd und mit deinem ewigen Arbeitsplan?“
„Ich will mich“, erwiderte ich ruhig und hielt ihm ein Blatt mit Zahlen unter die Nase. „Und ganz sicher will ich nicht länger die kostenlose Haushälterin für einen erwachsenen Jungen spielen.“ Ich tippte auf die Aufstellung. „Das ist die Bilanz deines letzten Monats. Betrachte es als meine abschließende Spende an die Rettung bedrohter Unselbstständiger.“
„Das kannst du nicht machen!“ Seine Stimme überschlug sich, als sein Blick auf die gepackten Taschen fiel. „Das ist alles gemeinsames Eigentum! Ich ziehe vor Gericht, ich verlange die Hälfte der Wohnung! Du landest noch auf der Straße!“
Ich zog den Schlüssel aus der Tasche und öffnete die Wohnungstür weit. „Die Wohnung habe ich drei Jahre vor unserer Hochzeit von meiner Großmutter überschrieben bekommen“, sagte ich sachlich. „§ 1363 des Bürgerlichen Gesetzbuches. Schenkungen bleiben persönliches Eigentum. Da gibt es nichts aufzuteilen.“ Ich deutete auf den Flur. „Du gehst jetzt.“
Er wurde kreidebleich. Die selbstgefällige Sicherheit, die ihn sonst umgab wie eine Rüstung, zerbröckelte innerhalb von Sekunden. Vor mir stand kein großspuriger Ehemann mehr, sondern ein verunsicherter Mann in einem viel zu auffälligen bordeauxfarbenen Seidenbademantel.
„Katharina… bitte. Das war doch nur Gerede! Wirklich! Ich hab nicht mal Geld fürs Taxi“, stammelte er und klammerte sich an den Türrahmen, als könne er sich daran festhalten.
„Ein Spaziergang wirkt Wunder“, entgegnete ich gelassen. „Frische Luft verbessert die Durchblutung. Und vielleicht klärt sie auch den Kopf.“ Mit ruhiger Entschlossenheit stellte ich die schweren Taschen vor die Tür. Seine abgetragenen Turnschuhe folgten hinterher und landeten unsanft auf den Fliesen des Hausflurs.
Er blieb draußen stehen. Der Luftzug im Treppenhaus ließ den Seidenstoff seines Mantels lächerlich flattern. Kein Zugriff mehr auf mein Konto, kein Sofa, das ihn auffing, keine warmen Mahlzeiten – und vor allem kein automatisches Rückfahrtticket.
„Den Bademantel darfst du behalten“, sagte ich und legte die Hand an die Türklinke. „Dann kannst du deiner Mutter darin gegenübertreten, wenn sie wieder Märchen von zerbrechlichen Kristallvasen erzählt.“
„Katharina, ich gehe nirgendwohin!“ rief er und machte einen Schritt auf mich zu.
„Doch“, antwortete ich mit einem Lächeln, das sich zum ersten Mal seit Langem leicht und echt anfühlte. „Du hast doch selbst gesagt: Ich komme schon nicht weg.“
Ich schloss die Tür direkt vor ihm und drehte den Schlüssel zweimal im Schloss herum. Stille breitete sich in der Wohnung aus – keine Vorwürfe, kein Gemurre. Es roch nach Sauberkeit, nach Freiheit und ein wenig nach frisch gebratener Fischpfanne. Noch nie hatte sich ein Duft so sehr nach einem Neubeginn angefühlt.
