„Für eine ganze Woche“, hatte er noch ergänzt. „Bleib hier und denk über dein Benehmen nach. Wenn ich zurückkomme, will ich eine blitzblanke Wohnung sehen – und eine Entschuldigung. Schriftlich!“
Dann fiel die Tür ins Schloss.
Zurück blieb Stille.
Zunächst fühlte es sich merkwürdig leer an – und gleichzeitig ungewohnt leicht. Die Kränkung brannte zwar noch, doch unter der Verletzung mischte sich Erleichterung. Er verließ meine Wohnung, um mich zu bestrafen, indem er mich allein in Ruhe und Komfort zurückließ? Ein taktisches Meisterwerk.
Allerdings hatte das Schicksal deutlich mehr Fantasie als Lukas Hermann mit seinen theatralischen Abgängen.
Am Montagmorgen ließ mich mein Chef zu sich bitten.
„Frau Möller, wir haben ein Problem im Standort Hamburg. Ein Projekt steht in Flammen. Abflug morgen, Einsatzdauer drei Monate. Doppelte Spesen, dazu eine Prämie – genug für einen Neuwagen. Sie sind unsere letzte Rettung.“
Ich stand vor seinem Schreibtisch und spürte innerlich, wie sich etwas entfaltete. Drei Monate! Keine Diskussionen mit Lukas, keine belehrenden Anrufe von Katharina Hermann. Stattdessen Meerblick – auch wenn es die raue Nordsee war – und ein Gehalt, das sich sehen lassen konnte.
„Ich übernehme“, sagte ich schneller, als ich nachdenken konnte.
Draußen auf der Straße kam mir ein praktischer Gedanke. Drei Monate würde die Wohnung leer stehen. Bei den aktuellen Nebenkosten war das keine Kleinigkeit. Genau in diesem Moment klingelte mein Handy. Julia Beck.
„Anna, ich stecke in der Klemme! Meine Schwester ist mit Mann und drei Kindern aus dem Süden angereist. Ihre Wohnung wird renoviert, Hotel ist unbezahlbar. Sie sind… nun ja, temperamentvoll. Aber sie zahlen sofort und großzügig für die gesamte Zeit!“
In meinem Kopf klickte es. Ein Plan formte sich, fast teuflisch elegant.
„Schick sie her. Morgen können sie rein. Die Schlüssel deponiere ich beim Concierge. Nur eine Bedingung: Falls irgendein Kerl auftaucht und Ansprüche stellt – sofort vor die Tür setzen.“
Noch am selben Abend packte ich meine Sachen, verstaute alles Wertvolle in einer Kiste und brachte sie zu meiner Mutter. Die Wohnung machte ich bezugsfertig. Lukas ignorierte meine Anrufe konsequent – er war ja beschäftigt, mich „zu erziehen“. Bitte sehr.
Am nächsten Morgen saß ich im Flieger, während in meiner Wohnung die fröhliche Familie Kraus einzog: Vater David, Mutter Stella, drei Kinder im Dauerlaufmodus – und ein riesiger, gutmütiger, aber ohrenbetäubend lauter Labrador namens Bruno.
Eine Woche verging.
Wie ich später erfuhr, hielt Lukas genau sieben Tage im „Paradies“ bei seiner Mutter durch. Katharina Hermann war aus sicherer Entfernung erträglich. Im Alltag jedoch entfaltete ihre Fürsorge eine ganz eigene Wucht.
„Vituschen, schmatz nicht“, tadelte sie beim Frühstück.
„Lukas, warum spülst du zweimal? Der Wasserzähler dreht sich!“
„Sohn, so sitzt man nicht! Dein Rücken wird krumm, willst du enden wie Matthias Peters?“
Nach sieben Tagen kapitulierte er innerlich. In seiner Vorstellung hatte ich inzwischen bitterlich geweint, meine Fehler erkannt und seine Größe begriffen. Zeit für eine triumphale Heimkehr.
Er besorgte drei leicht welkende Nelken – vermutlich als Zeichen großmütiger Vergebung – und machte sich auf den Weg.
Vor der Wohnungstür angekommen, malte er sich wohl meinen überraschten Blick aus. Er steckte den Schlüssel ins Schloss.
Nichts.
Der Schlüssel ließ sich keinen Millimeter drehen. Stirnrunzelnd rüttelte er an der Klinke. Verschlossen. Also drückte er auf die Klingel.
Hinter der Tür ertönte plötzlich ein dumpfes Poltern, als würde eine kleine Herde durch den Flur galoppieren, gefolgt von einem tiefen, durchdringenden Bellen, das selbst das Treppenhaus erzittern ließ.
