„Ich gehe, damit du endlich begreifst, wen du verlierst! Leb mal eine Woche allein, heul den Mond an ohne einen Mann im Haus – vielleicht lernst du dann, Fürsorge zu schätzen!“ Lukas Hermann stopfte mit übertriebener Dramatik eine Rolle Socken in seine Sporttasche und riss dabei beinahe meine Lieblingsvase vom Regal.
Ich lehnte stumm am Türrahmen und betrachtete dieses Schauspiel. In mir brodelte es – irgendwo zwischen gekränktem Stolz und hysterischem Gelächter. Mein Ehemann, dreißig Jahre alt und emotional irgendwo in der Pubertät steckengeblieben, stand mitten in meiner Einzimmerwohnung – wohlgemerkt lange vor der Hochzeit von mir allein gekauft – und drohte mir mit seiner Abwesenheit. Offenbar war er fest überzeugt, dass ohne sein kostbares Dasein die Wände einstürzen und ich wie eine vergessene Topfpflanze vertrocknen würde.
Begonnen hatte alles wie so oft nach dem obligatorischen Sonntagsbesuch bei Katharina Hermann. Meine Schwiegermutter war eine Frau von bemerkenswerter Begabung: Sie konnte Komplimente so verpacken, dass man sich danach am liebsten in Luft aufgelöst hätte, und ihre Ratschläge klangen stets wie Befehle eines Feldwebels, der einen Rekruten wegen schmutziger Stiefel zusammenstaucht.
Lukas kam von ihr zurück wie aufgeladen. Man sah es sofort: zusammengepresste Lippen, prüfender Blick, leicht geblähte Nasenflügel – als suche er bereits nach Staubkörnern.
„Anna Möller, warum hängen die Handtücher im Bad schon wieder nicht farblich sortiert?“ eröffnete er das Verhör noch in der Tür, ohne die Schuhe auszuziehen. „Meine Mutter sagt, das erzeugt visuellen Lärm und stört den Energiefluss im Raum.“

Ich atmete tief durch und rührte weiter im Schmortopf.
„Lukas, deine Mutter kennt ‘Energiefluss’ nur aus irgendeiner Fernsehsendung der Neunziger. Die Handtücher hängen dort, weil es praktisch ist.“
Er verzog das Gesicht, stapfte in die Küche und tippte missbilligend auf den Topfdeckel.
„Schon wieder Gemüse in Stücken? Mama meint, eine richtige Ehefrau püriert alles. Das sei bekömmlicher für den männlichen Organismus. Du machst es dir einfach zu leicht.“
Langsam legte ich den Kochlöffel beiseite.
„Lukas Hermann, deine Mutter isst Brei, weil sie ihr Geld lieber in ein drittes Porzellanservice investiert hat statt in einen Zahnarzt. Du besitzt Zähne. Benutz sie.“
Sein Gesicht lief dunkelrot an. Er holte tief Luft, bereit, eine weitere Dosis mütterlicher Weisheit zu verkünden, brachte jedoch keinen klaren Gedanken zustande.
„Du bist einfach undankbar!“ stieß er schließlich hervor. „Meine Mutter ist übrigens promovierte Expertin für Haushaltsführung!“
„Deine Mutter hat ihr Leben lang am Empfang eines Studentenwohnheims gesessen“, entgegnete ich kühl lächelnd. „Den Titel verleiht sie sich nur selbst, weil er gut klingt.“
Er stand da, den Mund halb offen, suchte verzweifelt nach einem Gegenargument und fand keines. Seine Augen flatterten, die Zähne knirschten, dann machte er eine wegwerfende Handbewegung, als verscheuche er ein lästiges Insekt. In diesem Moment wirkte er erstaunlich lächerlich – fast wie ein beleidigter Pinguin.
Genau da beschloss er offenbar, mir eine „Lektion“ zu erteilen.
„Genug! Ich lasse mich von deinem respektlosen Ton nicht länger behandeln!“ verkündete er feierlich und zog den Reißverschluss der Tasche zu. „Ich fahre zu meiner Mutter.“
