…wie nach einer radikalen Entrümpelung: Zehn Säcke Gerümpel vor die Tür gestellt, die Luft endlich klarer – und trotzdem brennen die Muskeln, die Hände zittern, und man möchte sich nur noch auf einen Hocker setzen und minutenlang die Wand anstarren.
Aus dem Schlafzimmer drang seine Stimme:
— Wo ist mein blauer Koffer?
Clara rief zurück, ohne sich umzudrehen:
— Wahrscheinlich dort, wo du auch dein Gewissen abgelegt hast!
— Sehr witzig!
— Ich fange gerade erst an, Gefallen daran zu finden!
Eine halbe Stunde später schleifte Florian Sommer seine Taschen in den Flur. Der Trotz in seinem Gesicht war einer gespielten Milde gewichen.
— Vielleicht beruhigst du dich noch, dann können wir vernünftig reden, — sagte er mit gedämpfter Stimme. — Wie Erwachsene. Ohne Drama.
Clara hielt ihm die Tür auf.
— Vernünftig haben wir zehn Jahre lang geredet. Damals war ich nur noch naiver.
Er musterte sie kühl.
— Du wirst sehen, wie schnell man allein dasteht. In deinem Alter sind solche Spielchen nicht mehr gefragt.
Langsam zog sie die Augenbrauen hoch.
— Drohst du mir gerade mit meinem Geburtsdatum? Wie originell. Geh jetzt. Bevor ich anfange, ehrlich zu werden.
— Du bist unmöglich, — zischte er.
— Schön, dass es dir endlich auffällt.
Die Tür fiel ins Schloss. Die Stille danach war so dicht, dass selbst das Tropfen des Wasserhahns in der Küche wie ein Hammerschlag klang. Clara ging ins Schlafzimmer, setzte sich auf die Bettkante – und zum ersten Mal an diesem Tag ließ sie die Tränen zu. Nicht einmal wegen ihm. Sondern wegen der Frau, die sie früher gewesen war. Wegen all der Momente, in denen sie weggesehen hatte. Wegen der Sätze, mit denen sie ihn entschuldigt hatte: „Er hat gerade Stress.“ – „Das legt sich wieder.“ – „Es ist nur eine Phase.“
Nichts legt sich von allein. Von allein sammelt sich höchstens Staub unter dem Schrank.
Die Scheidung zog sich über vier Monate hin. Vier Monate, die an einen Zirkus erinnerten – nur dass der Clown längst bei ihr eingezogen gewesen war. Florian verlangte plötzlich einen größeren Anteil an der noch laufenden Eigentumswohnung, sprach von „ungleicher finanzieller Beteiligung“, dann von „seelischem Schaden“ und schließlich davon, Clara habe gemeinsame Einnahmen verschwiegen. Das Einzige, was sie tatsächlich zurückgehalten hatte, war der Impuls, ihm im Gerichtsflur mit der Aktenmappe eins überzuziehen.
— Ich habe auch meinen Teil beigetragen! — fauchte er nach einer Verhandlung und lief ihr hinterher. — Ohne mich hättest du dir diese Wohnung nie leisten können!
— Natürlich, — erwiderte Clara ruhig. — Dein Beitrag war unbezahlbar. Viel Lärm, viel Luft und Hannah Peters.
— Hör auf mit dem Spott!
— Was soll ich denn sonst tun? Um dich trauern? Tut mir leid, ich habe einen vollen Terminkalender. Finanzamt, Anwalt und Fliesenlieferung warten.
Er blinzelte irritiert.
— Welche Fliesen?
— Für meine Bäckerei.
— Das ist nicht dein Ernst. Du willst wirklich eine Bäckerei aufmachen?
— Genau das.
— Von dem Geld aus der Wohnung?
— Von meinem Anteil an meiner Wohnung, — betonte sie deutlich.
Er schnaubte.
— In drei Monaten bist du pleite.
— Danke für die Ermutigung. Zehn Jahre lang hast du es ja nie versäumt, meine Ideen kleinzureden.
— Ich bin eben Realist.
— Nein, Florian. Du bist es nur gewohnt, dass sich alles um dich dreht. Und wenn es das nicht tut, erklärst du es für unrealistisch.
Clara eröffnete die Bäckerei tatsächlich. Nicht in einer schillernden Innenstadtlage mit Kristalllüster, sondern in einem unscheinbaren Eckladen im Erdgeschoss eines Neubaus nahe der U‑Bahn. Nebenan: Apotheke, Paketshop, Tierbedarf – und ständig Menschen mit Einkaufstüten. Der Raum war heruntergekommen: vergilbter Bodenbelag, Wände in deprimierendem Büro-Beige, eine Elektrik, bei der der Handwerker trocken meinte: „Wenn Sie Wasserkocher und Mixer gleichzeitig einschalten, denkt das Haus vermutlich über sein Lebensende nach.“
— Nehmen wir es? — fragte die Maklerin vorsichtig.
— Wir nehmen es, — sagte Clara. — Nach zehn Jahren Ehe erschreckt mich so etwas nicht mehr.
Die Maklerin grinste.
— Dann erst recht. Nach manchen Männern wirkt jede Immobilie wie eine Investition.
Die ersten Wochen bestanden aus einem Dauerzustand zwischen Müdigkeit und Adrenalin. Clara verhandelte mit Lieferanten, jonglierte Kostenvoranschläge, suchte Öfen aus und diskutierte mit Handwerkern, deren „morgen ganz bestimmt“ offenbar einem eigenen Kalender folgte. Abends fiel sie in ihrer gemieteten Einzimmerwohnung aufs Schlafsofa und fragte sich, ob sie den Verstand verloren hatte. Dann setzte sie Teewasser auf – der Beutel ergab eine Brühe von der Farbe frischer Baustellenmasse – und murmelte sich selbst Mut zu:
— Andere Frauen haben ganz anderes überstanden. Manche haben ihre Männer sogar später hinausgeworfen.
Eine Woche vor der geplanten Eröffnung klingelte abends das Glöckchen über der Tür. Clara stand bis zu den Unterarmen im Mehl, ein Bleistift steckte in ihrem Haar, in der Hand hielt sie eine Einkaufsliste.
— Wir haben noch nicht geöffnet! — rief sie aus dem Hinterraum. — Und nein, auch keinen Kaffee, die Maschine streikt noch!
— Ich bin nicht wegen Kaffee hier, — antwortete eine ruhige Männerstimme.
Als sie in den Verkaufsraum trat, erkannte sie ihn erst auf den zweiten Blick. Groß, dunkler Mantel, aufmerksame Augen. Dann fiel es ihr ein: David Baumann. Der Mann, der ihre Wohnung gekauft hatte.
— Guten Abend, — sagte sie vorsichtig. — Gibt es Probleme mit den Unterlagen?
— Ganz im Gegenteil. Alles ist in Ordnung. Ich habe nur etwas gefunden, das Ihnen gehört.
Er stellte eine Pappschachtel auf den Tisch. Clara hob den Deckel – und erstarrte. Fotoalben, die alte Schmuckschatulle ihrer Großmutter, zwei abgegriffene Rezepthefte, ein Umschlag mit vergessenen Notizen.
— Das lag oben auf dem Zwischenboden im Flur, — erklärte David. — Sie haben es wohl übersehen. Ich dachte, ich bringe es persönlich vorbei.
Clara strich über eines der Hefte und atmete scharf ein.
— Ich habe sie überall gesucht. Ich war sicher, sie sind weg.
— Das wäre schade gewesen. Ich habe versehentlich eine Seite aufgeschlagen. Ihre Großmutter wurde offenbar mehr vertraut als jedem Hausarzt.
Clara musste lächeln.
— Absolut. Zu ihr kam man lieber für Kuchen als für Ratschläge.
— Solche Menschen braucht jede Familie, — sagte David. — Meine Tante kann mit einem Blick entscheiden, wer wirklich Hunger hat und wer nur jammern will.
— Und was gewinnt?
— Der Hunger. Immer.
Zum ersten Mal an diesem Tag lachte Clara unbeschwert.
— Möchten Sie einen Tee? Kaffee verspreche ich nicht, aber einen Test‑Croissant könnte ich anbieten.
— Für einen experimentellen Croissant gehe ich jedes Risiko ein.
Sie saßen zwischen Kartons, Vanilledosen und noch nicht aufgestellten Stühlen. David erzählte von der Restaurierung der Stuckdecken, von einem Parkettleger, der moderne Materialien verachtete, und von der Nachbarin unter ihm, die jede Bauphase strenger kontrollierte als ein Bauamt.
— Nimmt sie Sie auch in die Mangel? — fragte Clara.
— Täglich. Gestern meinte sie, in diesem Tempo sei ich „zur Rente fertig“. Danach drückte sie mir ein Glas Gewürzgurken in die Hand, weil „Männer ohne ordentliches Essen nur im Weg stehen“.
Clara nickte.
— Typisch bei uns. Erst schimpfen, dann versorgen.
— Vielleicht funktioniert es genau deshalb irgendwie, — erwiderte er.
Als er schließlich zur Tür ging, bemerkte Clara, dass sie nicht wollte, dass dieser Abend endete. Einen Moment zögerte sie, dann hob sie den Blick.
— Kommen Sie doch zur Eröffnung, — sagte sie.
