„Du hast das hinter meinem Rücken durchgezogen!“ rief Florian, die Faust auf den Tisch schlagend

Diese selbstsüchtige Dreistigkeit ist kaum zu fassen.
Geschichten

— Ich werde kommen, — versprach David Baumann. — Und wenn ich für ein Croissant kämpfen muss.

Clara lächelte schief.
— Wir sind ein anständiger Laden.

— Dann liefern wir uns eben ein kultiviertes Gefecht.

Er tauchte tatsächlich auf. Zur Eröffnung. Danach wieder. Und wieder. Zunächst kaufte er Brot, dann entdeckte er plötzlich seine Vorliebe für ihren Kaffee, später „lag die Bäckerei zufällig auf seinem Weg“. Clara war keineswegs naiv — sie bemerkte sehr genau, dass an diesen Zufällen nichts zufällig war. Und seltsamerweise tat es gut.

Bei ihm musste sie nicht stark spielen, nicht ständig Stimmungen erraten, nicht so tun, als sei sie begeistert, wenn sie in Wahrheit nur funktionierte. David stellte keine bohrenden Fragen, drängte sich nicht in ihre innersten Gedanken und inszenierte sich auch nicht als Retter. Er war einfach da. Verlässlich. Erwachsen. Eine Spezies, die man inzwischen fast für ausgestorben halten konnte.

Eines Abends, kurz vor Ladenschluss, half er ihr, Mehlsäcke ins Lager zu tragen.

— Sag mal, gönnst du dir eigentlich irgendwann eine Pause? — fragte er, während er einen Sack an die Wand lehnte.

— In meinen Fantasien, — entgegnete Clara trocken. — Manchmal auch im Wartebereich des Finanzamts. Dort schaltet mein Gehirn automatisch ab.

David grinste.
— Gefährlich. Du kannst vermutlich selbst eine Liebeserklärung in eine betriebswirtschaftliche Kalkulation verwandeln.

— Das erledigt das Leben ganz von allein. Besonders jenseits der vierzig.

— Und was passiert nach fünfzig?

Sie wischte sich Mehl von den Händen.
— Dann entscheidet man sich. Entweder lebt man endlich für sich selbst oder man bleibt dauerhaft das kostenlose Zusatzprogramm für die Probleme anderer. Ich habe mich für Variante eins entschieden. Etwas verspätet, aber immerhin.

— Eine gute Wahl.

— Finde ich auch. Nicht immer bequem, aber zumindest ohne Zirkusnummern.

— Zirkus, hm? — Seine Stimme wurde leiser. — Dein Ex?

Clara schnaubte.
— Kein Zirkus. Eine ganze Tournee.

Im November stand diese „Tournee“ plötzlich wieder vor ihr. Regen peitschte gegen die Scheiben, Clara war gerade dabei, die Auslage zu säubern und die zweite Tür zu verriegeln, als jemand heftig gegen den Rahmen schlug.

Sie drehte sich um — und sah Florian Sommer. Zerzaust, durchnässt, die Wut im Gesicht. Früher hatte er Räume betreten wie ein selbsternannter Sieger. Nun wirkte er wie jemand, der feststellen musste, dass das Leben keinen Vertrag mit ihm unterschrieben hatte.

Mit sichtbarem Widerwillen öffnete sie.

— Fass dich kurz, — sagte sie kühl. — Für Dramen habe ich weder Zeit noch Sitzgelegenheiten frei.

Er trat ein, ließ den Blick durch den Raum gleiten.
— Ganz ordentlich hier. Läuft wohl.

— Überraschung, — erwiderte sie und verschränkte die Arme. — Man kann auch ohne deine Ratschläge existieren.

— Ich bin nicht zum Streiten hier.

— Das klingt ja fast hoffnungsvoll. Also willst du etwas.

Er setzte sich schwer auf einen Stuhl und rieb sich das Gesicht.
— Ich brauche Geld.

— Ach wirklich? So unerwartet wie Schnee im Januar.

— Clara, bitte. Es ist ernst.

— Wie hoch ist dein Ernst in Euro gemessen?

Sein Blick schwankte zwischen Trotz und Scham.
— Ich stecke in Schwierigkeiten. Job weg. Schulden. Wohnung auch.

— Und Hannah Peters? — fragte Clara ruhig. — Eure große Liebe, die Zukunftspläne in meiner damaligen Wohnung?

Sein Kiefer zuckte.
— Wir sind getrennt.

— Wie tragisch. Ist die große Leidenschaft etwa am Kontostand gescheitert?

— Sie war nicht der Mensch, für den ich sie hielt.

Clara konnte sich ein kurzes Lachen nicht verkneifen.
— Sag bloß, die Frau, die du wegen ihres Aussehens und ihrer Bewunderung für dich anhimmeltest, hat sich im Alltag als weniger tragfähig erwiesen? Diese Wendung überrascht mich zutiefst.

— Hör auf! — Er schlug mit der Hand auf den Tisch. — Ja, sie ist gegangen. Ja, sie hat Geld mitgenommen. Und ja, im Job wurde ich reingelegt. Ich habe momentan niemanden.

— Und deshalb bin ich wieder zuständig? Nach allem?

— Wir waren zehn Jahre zusammen! Bedeutet dir das gar nichts?

— Doch. Sehr viel. Zum Beispiel, dass ich inzwischen Menschen besser einschätzen kann.

— Ich zahle es zurück, — sagte er hastig. — Nicht sofort, aber bald. Ich muss nur Schulden abdecken und mir für ein paar Monate etwas mieten. Dein Geschäft läuft. Für dich ist das machbar.

Langsam trat Clara näher an seinen Tisch.

— Hör mir gut zu, Florian, — begann sie leise. — Als ich von dir und Hannah erfuhr, stand ich allein da. Während der Gerichtsverhandlungen war ich allein. Als ich hier jeden Cent umdrehte, um Ofen, Miete und Gehälter zu finanzieren, ebenfalls. Du kamst damals nicht mit der Frage, ob du helfen kannst. Du kamst mit einem Anwalt und dem Gesicht eines beleidigten Eigentümers. Warum sollte ich jetzt die soziale Auffangstation für gescheiterte Ehemänner spielen?

— Weil ich dir nicht egal sein kann! — rief er.

— Doch. Genau das bist du inzwischen. Menschen, die man liebt, tun nicht, was du getan hast.

— Was habe ich denn so Schreckliches gemacht? — fauchte er. — Eine Affäre? Das passiert überall. Du bist ja auch keine Heilige.

Claras Blick wurde schmal.
— Eine Affäre mag verbreitet sein. Aber nicht jeder finanziert seiner Geliebten ein gemütliches Nest mit dem Geld der Ehefrau. Das war schon deine ganz persönliche Handschrift.

— Du hieltest dich immer für überlegen, — spie er. — Vernünftig, korrekt, gesetzestreu. Aber menschlich bist du leer.

— Menschlich betrachtet sollte ich dich jetzt hinausbitten, bevor du wieder gleichzeitig Opfer, Ankläger und Beleidigter spielst.

— Gib mir wenigstens zweihunderttausend, — beharrte er. — Für dich ist das nichts.

— Für mich ist es sehr viel. Weil ich weiß, was Arbeit bedeutet.

Er sprang auf.
— Du bist kalt geworden. Ein paar erfolgreiche Brötchen und schon fühlst du dich wie eine Königin? Wer hat dich all die Jahre getragen? Wer war an deiner Seite?

Clara lachte laut.
— Du? An meiner Seite? Florian, du warst wie Feuchtigkeit in der Wand. Man merkt dich kaum — bis der Schaden sichtbar wird und die Renovierung teuer.

— Du… — Er machte einen Schritt auf sie zu und packte plötzlich ihren Arm. — So redest du nicht mit mir!

— Lass los, — sagte sie eisig.

— Oder?

— Oder ich sorge selbst dafür. Und das wird dir nicht gefallen.

— Was willst du denn tun?

— Zum Beispiel die Polizei rufen, — erklang hinter ihm eine ruhige Männerstimme.

Florian drehte sich um. Aus dem Lager trat David, noch im Arbeitshemd, die Ärmel hochgekrempelt. Er hatte gerade ein Regal befestigt. Seine Haltung war nicht theatralisch bedrohlich — eher die eines Menschen, der keine Lust auf Spielchen hatte.

— Nimm die Hand von ihr, — sagte er.

— Und du bist wer? — knurrte Florian, ließ Claras Arm jedoch los.

— Jemand, der heute schon genug erlebt hat, — antwortete David gelassen. — Und ungern zweimal dasselbe sagt.

— Das geht dich nichts an. Das ist privat.

— Ehemalig privat, — korrigierte Clara. — Und du bist hier überflüssig, Florian. Sehr sogar.

Er musterte sie beide mit bitterem Lächeln.
— Aha. Ersatz also schon gefunden.

— Du erkennst schneller als früher das Offensichtliche, — entgegnete sie ruhig. — Fortschritt.

— Pass auf, du—

— Ich höre nur noch ein Geräusch, — unterbrach David. — Nämlich wie sich die Tür hinter dir schließt.

Florian machte noch eine ruckartige Bewegung nach vorn, als wolle er Stärke demonstrieren. Doch David trat ihm lediglich einen halben Schritt entgegen. Das reichte. Florian wich zurück, murmelte einen Fluch und steuerte auf den Ausgang zu.

An der Tür blieb er noch einmal stehen, drehte sich um und sah Clara mit einem Blick an, in dem verletzter Stolz und Trotz miteinander rangen.

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