Doch Mia verbeugte sich nicht.
Stattdessen richtete sie sich langsam auf, zog die Schultern zurück und hob das Kinn. In ihren Augen, die sonst so ruhig und beinahe duldsam wirkten, flackerte plötzlich ein kaltes, beinahe fiebriges Leuchten.
„Wissen Sie was, Helena Wolf? Ihr Jubiläum ist mir vollkommen egal! Nachdem Sie vor allen behauptet haben, Ihr Sohn hätte mich vom Müll aufgelesen und erst salonfähig gemacht, werde ich mich ganz sicher nicht weiter mit Ihnen an einen Tisch setzen! Diese ständigen Demütigungen reichen!“
Ein scharfes Einatmen ging durch den Raum.
„Bist du völlig durchgedreht?“ fauchte Helena, deren selbstzufriedenes Lächeln in sich zusammenfiel. „So etwas habe ich nie gesagt!“
„Ach nein?“ Mia lachte kurz, trocken. „Glauben Sie, ich höre schlecht? Oder sehe nicht, wie sehr Sie es genießen, die ‚arme Schluckerin‘ kleinzuhalten?“
Helena blinzelte irritiert. Sebastian Lorenz, der bislang lässig in seinem Stuhl gehangen hatte, richtete sich abrupt auf. Seine glasigen Augen wurden schmal.
„Was redest du da für einen Unsinn?“ presste er heiser hervor.
Doch nun war nichts mehr aufzuhalten. Drei Jahre angestauter Zorn brachen hervor.
„Jeden Tag findet ihr etwas! Das Essen ist falsch gewürzt, ich atme zu laut, ich verdiene zu wenig! Und heute wollt ihr noch eine öffentliche Vorführung?“ Mia trat näher an den Tisch. Ihre Hände zitterten – nicht aus Angst, sondern vor überschäumendem Adrenalin. „Ihr wollt, dass ich mich für einen Teller Kartoffelsalat verbeuge? Gut. Dann bekommt ihr euer Spektakel!“
„Wag es ja nicht!“ kreischte Helena und legte schützend die mit Goldringen behängten Hände vor die Brust.
Doch Mia hatte bereits das schwere Tablett gepackt.
Die Torte – ein massiver, sirupgetränkter Biskuitblock, überzogen mit dicken Buttercremerosen und dunklen Schokospänen – hob sich vom Tisch. Fast drei Kilo süßer Prunk, gedacht als Höhepunkt des Abends. Kein harmloser Spaß wie in alten Slapstickfilmen. Das war ein Angriff.
Mit einem heiseren Laut schleuderte Mia das Gebäck nach vorn. Die Bewegung war roh, voller aufgestauter Verletzung, jeder einzelnen Kränkung wegen „Müll“ und „Herumtreiberin“.
Ein dumpfes, feuchtes Klatschen erfüllte den Raum – laut wie ein nasser Lappen, der gegen eine Wand geschlagen wird, nur um ein Vielfaches kräftiger. Creme, Krümel und Glasur explodierten in alle Richtungen. Jonas Meier bekam eine Buttercremerose direkt ins Auge, während eine Tante im Glitzeroberteil entsetzt auf den braunen Fettfleck auf ihrer Bluse starrte.
Helena stand reglos da.
Für einen absurden Moment herrschte Stille. Die Jubilarin war überzogen mit einer dicken Schicht beiger Creme. Nur ihre weit aufgerissenen Augen ragten daraus hervor, der Mund offen zu einem lautlosen Schrei. Das neue Paillettenkleid, ihr ganzer Stolz, war nur noch eine klebrige Masse.
Dann brach der Schrei los.
„Mein Kleid! Mein Gesicht! Sie hat mich angegriffen!“ Ihre Stimme überschlug sich, während sie hektisch versuchte, die süße Masse abzuwischen – und sie dabei nur weiter verteilte. Mascara lief in schwarzen Rinnsalen über ihr nun grotesk bemaltes Gesicht.
Chaos erfasste die Wohnung. Stühle kippten, Flaschen rollten klirrend über den Boden. Einige Gäste sprangen zur Seite, andere starrten wie erstarrt auf das Geschehen.
Sebastian benötigte ein paar Sekunden, um zu begreifen, was geschehen war. Dann färbte sich sein Gesicht dunkelrot. Der Anblick seiner beschmierten, heulenden Mutter ließ in ihm etwas explodieren. Mit einem wütenden Aufbrüllen stürmte er los.
„Bist du völlig wahnsinnig?!“ brüllte er und spuckte vor Wut.
Mia konnte nicht ausweichen. Seine Hand krallte sich brutal in ihr Haar. Ein stechender Schmerz durchzuckte ihre Kopfhaut, Tränen schossen ihr in die Augen, doch sie blieb stumm. Er riss ihren Kopf nach hinten und schleuderte sie grob Richtung Flur. Ihre Hüfte prallte gegen den Türrahmen, sie taumelte, fing sich an der Wand.
„Du bist erledigt!“ zischte er, während er auf sie zuging. Seine Fäuste waren geballt, in seinen Augen loderte unverhüllter Hass. „Verschwinde aus meinem Haus! Sofort!“
Er packte sie an den Schultern und schüttelte sie heftig. Ihre Zähne schlugen aufeinander.
„Weißt du eigentlich, was dieses Kleid gekostet hat? Weißt du, wen du hier angegriffen hast? Das ist meine Mutter!“ Er schrie ihr ins Gesicht, der Geruch von Alkohol und Zwiebeln schlug ihr entgegen. „Ich mache dich fertig, hörst du?“
Hinter ihm jammerte Helena, die noch immer versuchte, Biskuitreste von sich zu zupfen.
„Sebastian! Wirf sie raus!“ kreischte sie. „Sie wollte mich entstellen! Ruf die Polizei! Die gehört in eine Klinik!“
Mit einem kräftigen Stoß schleuderte Sebastian Mia gegen die Garderobe. Ein Mantel fiel zu Boden.
„Hast du gehört?“ brüllte er und deutete auf den cremeverschmierten Boden. „Auf die Knie! Sofort!“
Mia wischte sich mit dem Handrücken über die aufgeplatzte Lippe. Blut. Metallischer Geschmack mischte sich mit der letzten Bitterkeit in ihr – doch etwas veränderte sich. Die Angst, die sie so lange festgehalten hatte, löste sich auf. Übrig blieb eine kalte Klarheit.
„Runter auf die Knie!“ wiederholte er, hob drohend die Hand. „Du kriechst und bittest um Verzeihung, bis meine Mutter zufrieden ist! Und wenn du die Creme vom Boden lecken musst! Sonst werfe ich dich die Treppe hinunter, dass du deine Knochen zusammensuchen kannst!“
Die Gäste standen dicht an den Wänden, als hätten sie Angst, selbst beschmutzt zu werden. Keiner bewegte sich. Nicht einmal Jonas Meier, der Mia seit Jahren kannte, machte einen Schritt. In ihren Blicken lag kein Mitgefühl – nur sensationsgierige Neugier. Ein kostenloses Drama, das sie später genüsslich weitererzählen würden.
Ein warmer Tropfen rann über Mias Kinn. Sie berührte erneut ihre Lippe. Blut. Doch der Schmerz wirkte fern.
„Na los!“ Helena trat hinter ihrem Sohn hervor, halb versteckt hinter seinem breiten Rücken. Trotz der Creme in ihrem Gesicht blitzte triumphierende Bosheit auf. „Hast du gehört, was dein Mann sagt? Fall ihm zu Füßen! Bitte um Entschuldigung! Vielleicht lassen wir dich dann heute Nacht noch hier!“
Sebastian keuchte schwer. Sein Hemd spannte sich über seinem Bauch, ein Knopf drohte zu springen. In seinem Blick lag der fanatische Wille, sie zu brechen – hier und jetzt, vor allen. Sie sollte lernen, wo ihr Platz war.
„Ich zähle bis drei“, knurrte er und hob die Hand erneut, diesmal mehr zur Einschüchterung. „Eins!“
Mia hob langsam den Kopf. Ihr Blick glitt über die verunsicherten Gesichter der Anwesenden, über Helenas verschmiertes, hasserfülltes Antlitz – und blieb schließlich an ihrem Mann hängen.
