Ihr Blick blieb an Sebastian Lorenz hängen. Sie erkannte jede einzelne Pore auf seiner glänzenden Nase, sah den gelblichen Schleier auf seinen Zähnen, bemerkte dieses primitive Selbstvertrauen, gespeist aus der Überzeugung, ihm könne ohnehin nichts geschehen. Und in genau diesem Moment wurde ihr klar: Sie hatte keine Angst mehr.
Die Furcht, die sie jahrelang wie ein Schraubstock umklammert hatte – die Angst vor dem Alleinsein, vor Vorwürfen, vor eskalierenden Szenen – war plötzlich fort. Einfach verschwunden. Geplatzt wie eine überreife Blase. Zurück blieb eine vibrierende Leere und eine schneidende Klarheit darüber, mit wem sie ihr Bett und ihr Leben geteilt hatte. Vor ihr stand kein Ehemann. Vor ihr stand ein jämmerlicher Blender, der sich nur deshalb für einen König hielt, weil sie ihm selbst die Krone aufgesetzt hatte.
„Zwei!“, brüllte Sebastian, doch seine Stimme kippte unangenehm nach oben. Ihr Blick verunsicherte ihn. Darin lag kein Flehen mehr. Keine Unterwerfung. Nur Dunkelheit.
Langsam stemmte Mia sich mit der Hand an der Wand hoch. Ihre Beine zitterten, das Knie brannte von dem Aufprall, aber sie richtete sich vollständig auf. Sie senkte den Blick nicht. Im Gegenteil – sie musterte ihn, als sähe sie ihn zum ersten Mal. So betrachtet man etwas Ekelhaftes am Schuh oder einen zertretenen Käfer auf dem Boden.
Im Raum herrschte eine Stille, die fast schmerzte. Man hörte das monotone Brummen des alten Kühlschranks aus der Küche und irgendwo draußen eine heulende Alarmanlage. Die Luft war elektrisch geladen. Jeder Anwesende spürte: Gleich würde etwas geschehen, das sich nicht mehr zurückdrehen ließ.
„Drei!“, stieß Sebastian hervor, doch der Nachdruck fehlte. Er hatte Tränen erwartet. Vielleicht ein Zusammenbrechen, ein Niederknien. Stattdessen stand Mia kerzengerade vor ihm, und ihre aufgeplatzte Lippe verzog sich zu einem unheimlich ruhigen Lächeln.
Sie sog tief die Luft ein – den beißenden Geruch von Alkohol und billigem Parfum – und mit diesem Atemzug fiel die letzte Benommenheit von ihr ab. Die Zeit des Schweigens war vorbei. Die Zeit des Erduldens ebenso. Jetzt begann die Abrechnung.
Mit dem Handrücken wischte sie über ihre blutige Lippe. Ein leuchtend roter Streifen blieb auf ihrer Haut zurück, salzig auf der Zunge. In ihren Ohren dröhnte es, als würde eine riesige Glocke über ihr geschlagen, doch seltsamerweise fühlte sie sich klarer denn je. Sie sah Sebastian, dessen Gesicht vor Zorn entstellt war, sie sah Helena Wolf, die mit verschmiertem Make-up und Tortenresten im Haar wie eine groteske Karikatur wirkte – und verspürte nichts als Abscheu. Als wäre sie in einer fremden Wohnung zwischen fremden, unangenehmen Menschen aufgewacht.
„Auf die Knie?“, wiederholte sie ruhig, ihre Stimme fest und überraschend deutlich, während Helenas schrilles Kreischen im Hintergrund verhallte. „Meinst du das ernst, Sebastian? Glaubst du wirklich, ich krieche vor euch?“
„Halt den Mund und geh runter!“, fauchte er und machte einen Schritt auf sie zu, die Hand bereits wieder erhoben. „Bevor ich dich richtig treffe!“
Doch Mia wich nicht zurück. Wie eine gespannte Feder löste sie sich von der Wand und trat ihm entgegen. Ihr Blick war so konzentriert, so glühend vor Hass, dass er unwillkürlich innehielt und den Arm sinken ließ.
„Vielleicht erzählen wir unseren Gästen lieber, warum ich kriechen soll“, sagte sie, und ein raues, bellendes Lachen brach aus ihr hervor. Ihr Blick fuhr über die verstummten Verwandten, die mit eingezogenen Schultern dastanden, unfähig einzugreifen. „Ihr haltet Sebastian doch für den großen Geschäftsmann, nicht wahr? Und seine Mutter für eine Heilige, die mich arme Waise großzügig aufgenommen hat?“
„Sei still, du Miststück!“, kreischte Helena und versuchte verzweifelt, ein Stück Biskuit von ihrem Augenlid zu zupfen. Mit gespreizten Fingern stürzte sie auf Mia zu, die langen lackierten Nägel wie Krallen. Doch ihr Absatz rutschte auf dem verschmierten Tortenrest aus, der über das Parkett verteilt war.
Mit einem ungeschickten Rudern verlor sie das Gleichgewicht und krachte schwer auf ein Knie, nur knapp am Tischrand vorbei. Ein erschrockenes Raunen ging durch die Gäste. Einige sprangen auf, doch niemand half ihr. Sie alle starrten wie gebannt auf dieses absurde Schauspiel.
„Vorsicht, Helena“, sagte Mia kalt. „Ist glatt hier. Fast so glatt wie dein Gewissen.“ Dann hob sie die Stimme. „Wollt ihr die Wahrheit hören? Dieses Fest, dieser gedeckte Tisch, der Alkohol, den ihr in euch hineinschüttet – alles bezahlt mit meiner Kreditkarte!“
„Lügen!“, schrie Helena vom Boden aus und versuchte vergeblich, sich im Fettfilm des Kuchens aufzurichten. „Sie ist verrückt! Sebastian, bring sie zum Schweigen!“
„Ich lüge nicht!“ Mia griff nach einer schweren Kristallschüssel, gefüllt mit Salat. Die Mayonnaise schwappte bedrohlich. Das war mehr als nur ein Geständnis – das war Gewicht. Sebastian machte einen Satz auf sie zu, stoppte jedoch abrupt, als er die Entschlossenheit in ihrem Griff sah. „Seit drei Jahren lebt euer gefeierter Sebastian von meinem Geld! Sein sogenanntes Unternehmen besteht aus Schulden bei drei Banken – und wer zahlt die Raten? Ich! Die angebliche Nichtsnutzige!“
„Genug!“, brüllte er, das Gesicht fleckig rot, die Adern an seinem Hals hervortretend. Die laut ausgesprochene Wahrheit traf ihn härter als jeder Schlag. In den Augen der Familie war er stets der Ernährer gewesen – nun wurde ihm diese Maske brutal heruntergerissen.
„Peinlich, was?“, sagte Mia und schleuderte die Schüssel nicht auf ihn, sondern mitten auf den Tisch.
Ein ohrenbetäubendes Krachen folgte. Kristall zerbarst, der Salat explodierte in einer Welle aus Mayonnaise, die sich über Aufschnitt, Sülze und Weinflaschen ergoss. Splitter flogen durch den Raum. Kreischend duckten sich einige Gäste unter den Tisch, andere wichen panisch zurück.
„Du wirfst mir vor, ich hätte hier kein Recht zu wohnen?“ Mias Stimme war nun kein Schrei mehr, sondern ein bedrohliches Knurren, als sie auf Sebastian zuging. „Diese Wohnung ist längst verpfändet! Du hast sie vor einem halben Jahr beim Wetten verzockt! Ich zahle die Zinsen, damit deine Mutter nicht von Inkassoleuten auf die Straße gesetzt wird! Ich! Die Frau, die sie als Straßenköter beschimpft!“
Eine tödliche Stille senkte sich über den Raum. Nur Helenas schweres Keuchen war zu hören, während sie sich mühsam an einem Stuhl hochzog. Ihr Kleid war ruiniert, die Frisur zerfallen, das Gesicht verschmiert – und in ihren Augen flackerte nackte Angst. Das Geheimnis, das sie so verbissen gehütet hatten, lag nun offen zwischen Glassplittern und Salatresten.
„Das… das durftest du nicht…“, presste Sebastian hervor. Seine Fäuste ballten und lösten sich wieder. Er wusste, dass in dieser Sekunde alles zerbrach – sein Ansehen, seine Rolle, sein sorgfältig konstruiertes Bild.
„Ich durfte nicht?“ Mia packte eine Flasche Rotwein am Hals. Die dunkle Flüssigkeit schwappte über die Tischdecke wie Blut. „Ich habe drei Jahre eure Demütigungen geschluckt. ‚Mia, räum auf‘. ‚Mia, bring das‘. ‚Mia, überweis Geld‘. Ich dachte, wir wären eine Familie. Dabei seid ihr nichts weiter als Parasiten. Zwei satte, selbstzufriedene Parasiten, die sich an mir festgesaugt haben.“
„Verschwinde!“, kreischte Helena hysterisch. „Raus aus meinem Haus!“
„Dein Haus?“ Mia fuhr zu ihr herum. „Ich bezahle dieses Haus! Die Nebenkosten, die Renovierungen, deine Medikamente, deine endlosen Jubiläumsfeiern – alles von meinem Gehalt und meinen Nebenjobs! Und dein Sohn? Der liegt auf dem Sofa, trinkt Bier und schwadroniert von großen Plänen!“
Das war zu viel. Die Scham erstickte den letzten Rest Vernunft in Sebastian. Mit einem tierischen Laut sprang er über einen umgestürzten Stuhl hinweg auf sie zu, nicht mehr mit der Absicht zu drohen, sondern zu vernichten.
Doch Mia war vorbereitet. Das Adrenalin ließ die Welt in Zeitlupe laufen. Sie sah seine blutunterlaufenen Augen, den verzerrten Mund. Weglaufen kam nicht infrage. Stattdessen machte sie einen schnellen Schritt zur Seite und stieß mit aller Kraft den Servierwagen auf Rollen, der an der Wand stand, direkt in seinen Laufweg.
Sebastian stolperte, seine Beine verfingen sich in den Metallstreben des Wagens, und im nächsten Augenblick verlor er vollständig das Gleichgewicht…
