„Warum seid ihr denn so still geworden? Schenkt ein, bevor der Wodka schal wird! Das hier ist doch keine Beerdigung – ich feiere Geburtstag, Gott sei Dank!“
Die kräftige, vom Alkohol bereits angeraute Stimme von Helena Wolf durchschnitt das Klirren der Gabeln und das gedämpfte Stimmengewirr, das sich in dem überfüllten Wohnzimmer staute.
Mit schwerfälliger Bewegung erhob sie sich am Kopfende des Tisches und stemmte ihre weichen Fäuste in die Tischdecke, die längst von Fettflecken der Sprotten und Mayonnaisesalate übersät war. Ihr Gesicht glänzte vom Alkohol und von der stickigen Hitze unter der billigen Deckenlampe, die jede Pore gnadenlos beleuchtete. Die Perlenkette aus Plastik schnürte ihren Hals ein, darunter pochte sichtbar eine bläuliche Ader. In der typischen Dreizimmerwohnung, vollgestellt mit wuchtigen Möbeln aus DDR-Zeiten, saßen an die fünfzehn Gäste dicht gedrängt. Schulter an Schulter schwitzten sie, kauten, nippten an Gläsern – und verstummten jedes Mal gehorsam, sobald die Gastgeberin das Wort ergriff, wie Schüler vor einer gestrengen Direktorin.
Mia Mayer hatte den ungünstigsten Platz erwischt – direkt an der Ecke. Mit verkrampften Fingern hielt sie ihr Glas mit billigem Wein, bis die Knöchel weiß hervortraten. Sie sehnte sich nach einer Zigarette, nach einem Schritt hinaus auf den Balkon, nach kalter Luft in den Lungen. Am liebsten wäre sie einfach unsichtbar geworden, in der gemusterten Tapete verschwunden. Doch Sebastian Lorenz, ihr Mann, hatte ihr unter dem Tisch bereits zweimal schmerzhaft ins Knie gekniffen. Die Botschaft war klar: „Zieh kein Gesicht. Verderb meiner Mutter nicht den Abend.“
Er selbst lümmelte breitbeinig auf seinem Stuhl, Hemdkragen geöffnet, und hatte bereits fünf oder sechs Gläser gekippt. Mit glasigem Blick und seligem Lächeln sah er zu seiner Mutter auf – wie ein Hund, der auf ein Lob wartet.

„Ich möchte etwas sagen, meine Lieben“, begann Helena Wolf und ließ ihren trüben, aber wachsamen Blick über die Runde schweifen. Für einen Moment blieb er an ihrer Schwiegertochter hängen, was Mia einen eisigen Schauer über den Rücken jagte. „Ihr haltet hier Reden: ,Helena, wie großartig du bist. Helena, wie du deinen Sohn großgezogen hast.‘ Aber ich sage euch – ich habe nicht nur einen Sohn großgezogen. Ich betreibe hier praktisch Wohltätigkeit. Schaut euch doch mal unsere Mia an. Eine richtige Königin, nicht wahr?“
Wie auf Kommando drehten sich sämtliche Köpfe zu Mia. Manche hörten auf zu kauen, andere grinsten erwartungsvoll. Marie Huber, in glitzerndem Lurex, hielt sich die Hand vor den Mund, um ihr zahnloses Lachen zu verbergen. Jonas Meier, der Nachbar aus dem Erdgeschoss, stieß ein kehliges Prusten aus und tat so, als hätte er sich an einer Gewürzgurke verschluckt.
„Da sitzt sie nun“, fuhr Helena fort, der Ton honigsüß, aber mit schneidender Schärfe darunter, „in Seide und Gold – und verzieht das Gesicht. Weißt du noch, Sebastian, wie sie zum ersten Mal zu uns kam? Erinnerst du dich?“
„Klar, Mama“, kicherte Sebastian und stocherte mit der Gabel nach einem eingelegten Pilz. „In dieser kaputten Jacke. Blau war die. Mit Flicken.“
Mia spürte, wie ihr das Blut in die Wangen schoss – nicht aus Scham, sondern vor Wut, die ihr die Sicht trübte. Natürlich erinnerte sie sich. Eine ganz normale Winterjacke, die sie drei Jahre getragen hatte, während sie jeden Euro für eine Eigentumswohnung zurücklegte. Eine Wohnung, die sie und Sebastian nie kauften, weil „Mama dringend Geld für neue Zähne brauchte“, dann für „Renovierungen im Schrebergarten“ und schließlich für eine „Kur, das Herz macht Probleme“.
„Ganz genau!“ Helena hob triumphierend den Zeigefinger, an dem der Lack schon abblätterte. „Arm wie eine Kirchenmaus war sie! Als ich ihre Stiefel sah – die Sohle hing schon halb ab – da habe ich mich bekreuzigt. Ich dachte nur: Mein Gott, wo hast du dieses Geschöpf aufgelesen, mein Sohn?“
Gelächter schwappte über den Tisch. Der Alkohol hatte die Hemmungen gelöst; die Gäste genossen das Schauspiel. Nichts schmeckt besser als die Erniedrigung eines anderen.
„Helena Wolf, reicht das nicht?“ Mias Stimme war trocken, hart wie ein brechender Ast. Ihre Lippen bebten trotz aller Anstrengung.
„Was heißt hier reicht? In meinem eigenen Haus willst du mir den Mund verbieten?“ Die Gastgeberin steigerte sich, getragen vom Beifall der Runde. „Ich sage doch nur die Wahrheit! Wir haben dich geschniegelt, gefüttert, zu einem Menschen gemacht! Aus dem Nichts zur feinen Dame. Wir haben dir eine Meldeadresse hier in Leipzig verschafft, du Provinzmädchen, damit dich nicht an jeder Ecke die Polizei kontrolliert! Du solltest mir täglich die Füße küssen, dass ich dich in unsere Familie aufgenommen habe, statt dich hinauszuwerfen!“
„Mama, jetzt übertreibst du aber“, murmelte Sebastian träge, doch seine Stimme trug keinen Widerspruch, nur dumpfe Zustimmung. „Muss das vor allen sein?“
„Doch, genau so war es! Und alle sollen es hören!“ Sie kippte einen Cognac hinunter, als wäre es Wasser. „Damit jeder weiß, wie undankbar du bist. Du sitzt hier, isst meinen Sülzkuchen, trinkst meinen Wein und ziehst ein Gesicht, als läge Dreck auf dem Teller. Steh auf! Wenn ich mit dir rede, stehst du auf! Ein bisschen Respekt vor der Mutter deines Mannes!“
Die Luft im Raum wurde schwer wie nasser Stoff. Man hörte nur das Ticken der alten Wanduhr und das laute Hochziehen einer Nase.
Langsam erhob sich Mia. Ihr Blick fiel auf den gewaltigen Sahnetorte in der Mitte des Tisches – verziert mit rosa Buttercremerosen und der Aufschrift aus Schokolade: „55 – Jetzt beginnt die beste Zeit“. Helena hatte eine halbe Stunde lang betont, wie teuer dieses Meisterwerk gewesen war.
„So ist es richtig“, nickte Helena zufrieden und tupfte sich die fettigen Lippen ab. „Und nun verbeug dich. Sag Danke. Laut – damit jeder hört, wem du dein neues Leben verdankst.“
Sebastian zupfte schwach am Saum ihres Kleides. „Mia, bitte. Sag einfach Danke. Mama regt sich sonst auf, ihr Blutdruck… Ist das zu viel verlangt?“
Mia sah auf ihn hinab. Auf sein aufgequollenes, selbstzufriedenes Gesicht, die unruhigen Augen voller Angst vor der Mutter – und ohne jede Spur von Liebe. Dann wandte sie sich wieder Helena zu, die in ihrem grell glitzernden Paillettenkleid dastand wie eine aufgeblähte Kröte, bereit zum Sprung.
In Mia war nichts mehr übrig von Nachsicht oder Angst vor Gerede. Alles war ausgebrannt. Zurück blieb eine klare, kalte Wut, scharf wie Glas. Dieses Theater dauerte schon viel zu lange.
„Danke?“, wiederholte sie leise.
„Lauter! Ich höre nichts!“ befahl Helena und genoss ihre Macht. „Und tief verbeugen!“
Mia atmete die abgestandene Luft ein und trat einen Schritt auf den Tisch zu.
Der Raum schien sich zusammenzuziehen, dick vor Alkoholgeruch, billigem Parfum und altem Groll. Die Gäste erstarrten mit erhobenen Gabeln, als seien sie Figuren in einem Wachsfigurenkabinett. Sie warteten auf die Verbeugung, auf den süßen Moment der Demütigung, der diesen Abend krönen sollte. Helena Wolf stand am Kopfende, das Gesicht bereits zu einem siegessicheren Lächeln verzogen, bereit, die Kapitulation ihrer Schwiegertochter entgegenzunehmen.
