„Willst du mein Gehalt haben? Damit du es deiner lieben Mama in den Rachen wirfst?“ fragte Julia Huber und blinzelte ihren Mann kühl an

So ungerecht, dass Stolz und Not kollidieren.
Geschichten

…dass nun endlich er das Sagen im Haus habe. Sogar Markus Walter rief er an, um sich für dessen „wertvolle Ratschläge“ zu bedanken.

— Nicht schlecht, Leon! — lachte Markus ins Telefon. — Genau so macht man das. Geld gehört nicht in Frauenhände, das wird doch sofort für Klamotten verpulvert!

Eine Woche verging, dann noch eine. Allmählich wurde Leon unruhig.

— Julia, was ist eigentlich mit deinem Gehalt?

— Ich habe dir doch gesagt, es verspätet sich. Laut Buchhaltung sollte es in den nächsten Tagen kommen.

— Wie lange soll das denn noch dauern? Das ist doch lächerlich!

— Leon, ich kann das nicht beschleunigen. Die Entscheidung liegt bei der Geschäftsleitung.

Widerwillig gab er sich fürs Erste zufrieden, doch seine Geduld schmolz dahin. Besonders, als die Rechnungen eintrafen — Miete, Internet, Handyvertrag. Julia beglich alles selbst, allerdings mit einer spürbaren Zurückhaltung, als würde es sie Überwindung kosten.

— Dein Konto wird bald leer sein — bemerkte Leon spitz. — Und was dann?

— Ich habe eine Kreditkarte — erwiderte sie gelassen und zuckte mit den Schultern.

Am Monatsende platzte ihm endgültig der Kragen. Als er in den sozialen Netzwerken Fotos von Markus mit dessen brandneuem Smartphone entdeckte, stand für ihn fest: Schluss mit dem Warten. Außerdem hatte er längst Tatsachen geschaffen. Vor einer Woche hatte er auf Raten die neueste Spielekonsole bestellt — in der festen Überzeugung, sie mit Julias Gehalt zu begleichen.

— JULIA! — brüllte er, kaum dass er abends die Wohnungstür hinter sich zugeschlagen hatte. — Wie lange willst du mich noch hinhalten?!

Sie steckte ruhig den Kopf aus der Küche.

— Was ist los?

— WO IST DAS GELD? Ein ganzer Monat ist rum! Spielst du ein Spiel mit mir?

— Leon, ich habe es dir erklärt …

— Du hast gar nichts erklärt! Du willst es mir einfach nicht geben! Hältst du mich für blöd?

Julia trocknete sich die Hände am Geschirrtuch und trat ins Wohnzimmer. Leon folgte ihr, die Stimme überschlug sich vor Wut.

— Dreihunderttausend! Dreihunderttausend hast du angekündigt! Wo sind sie?

Sie sah ihn direkt an.

— Weißt du was, Leon? Lassen wir die Ausreden. Es gibt keine Verzögerung. Mein Gehalt ist seit zwei Wochen auf dem Konto.

Er erstarrte. Hitze schoss ihm ins Gesicht, seine Hände zitterten.

— WAS? Du… du hast mich angelogen?

— Ja. Habe ich. Und weißt du warum? Ich wollte sehen, wie weit deine Gier dich treibt.

— Gier? Ich kümmere mich um meine Mutter!

Julia lachte kurz auf.

— Ach bitte. Deiner Mutter geht es bestens. Von ihrer Rente lebt sie gut — und von den Überweisungen, die ich ihr schicke. Ich habe erst letzte Woche mit ihr gesprochen. Sie fährt ins Sanatorium, die Reise ist längst gebucht.

Leon wurde blass. Seine Mutter hatte tatsächlich etwas von einem Kuraufenthalt erwähnt, doch er hatte kaum zugehört.

— Das spielt keine Rolle! Du bist meine Ehefrau! Du hast dich zu fügen!

— Mich zu fügen? — Sie zog die Augenbrauen hoch. — Und aus welchem Grund?

— Weil das nun mal so ist! Der Mann ist das Oberhaupt der Familie! Er verdient das Geld!

— Verdienen? — Julia schüttelte langsam den Kopf. — Du bringst vierzigtausend im Monat nach Hause. Ich hundertzwanzig. Wer von uns ist also der Versorger?

Er ballte die Fäuste.

— Wie kannst du so mit mir reden? Ich habe dich damals aus dem Studentenwohnheim geholt! Diese Wohnung haben meine Eltern gekauft!

— Sie haben sie vor unserer Hochzeit gekauft. Und ich habe acht Jahre lang in Renovierung, Möbel und Geräte investiert. Wenn überhaupt, gehört hier alles uns beiden.

— RAUS! — schrie Leon. — Verschwinde aus meiner Wohnung!

Ein sonderbares Lächeln huschte über ihr Gesicht.

— Wenn du das willst.

Sie ging ins Schlafzimmer. Leon hörte Schranktüren klappen, das Rollen von Koffern über den Boden. Wenige Minuten später erschien sie im Flur, drei Gepäckstücke hinter sich herziehend.

— Du meinst das ernst? — stammelte er.

— Was dachtest du denn? — Sie stellte die Koffer neben die Tür. — Nur, mein Lieber… gehen musst du.

— Wie bitte?!

— Erinnerst du dich? Vor drei Monaten haben wir den Vertrag umschreiben lassen. Auf meinen Namen. Du hast selbst unterschrieben und gemeint, es sei steuerlich einfacher.

Ja, da war etwas gewesen. Julia hatte ihm ausführlich von Abschreibungen und Vorteilen erzählt — und er hatte kaum hingehört.

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