— Willst du mein Gehalt haben? Damit du es deiner lieben Mama in den Rachen wirfst? — fragte Julia Huber und blinzelte ihren Mann kühl an.
Einige Tage zuvor hatte Markus Walter, während er gemütlich an seinem Bier nippte, beiläufig in die Runde geworfen:
— Sag mal, Leon, wie läuft das bei euch mit dem Geld? Also bei uns ist das klar geregelt: Laura überweist mir ihren kompletten Lohn, und ich entscheide dann, wofür wir ihn verwenden.
Laura Krause hatte zustimmend genickt und ihrem Mann ein verschmitztes Lächeln geschenkt.
— Markus hat einfach mehr Überblick. Er kann besser mit Geld umgehen als ich.
Leon Peters kam in jener Nacht erst kurz vor Mitternacht nach Hause. Das Gelächter von Markus und Laura klang ihm noch in den Ohren. Eigentlich hatte das Treffen nur ein harmloses Feierabendbier werden sollen, doch es hatte sein Bild von Ehe und Rollenverteilung gründlich ins Wanken gebracht.

Nach außen hin hatte er nur spöttisch geschnaubt. Innerlich jedoch nagte etwas an ihm. Seit einem halben Jahr verdiente Julia als leitende Managerin beinahe das Doppelte von ihm. Er selbst steckte noch immer in derselben Position fest, mit einem Gehalt, das kaum Spielraum ließ. Dieses Missverhältnis brannte wie eine offene Wunde.
— Leon, warum schaust du so finster? — Julia trat im Morgenmantel aus dem Schlafzimmer. — Du bist spät dran heute.
— War noch mit Markus unterwegs — murmelte er und verzog sich in die Küche.
Sie stellte ihm wortlos eine Tasse Tee hin und setzte sich dazu. Man sah ihr die Erschöpfung an; wieder einmal hatte sie wegen eines dringenden Lieferantenproblems länger im Büro bleiben müssen.
Leon räusperte sich.
— Wir müssen über unsere Finanzen reden.
— Was ist los? Hat das Auto schon wieder Probleme?
— Nein! — fuhr er scharf dazwischen. — Es geht um meine Mutter. Ihr geht es im Moment nicht gut. Die Rente ist lächerlich niedrig, und die Medikamente kosten ein Vermögen.
Julia zog die Stirn in Falten.
— Aber wir unterstützen sie doch jeden Monat. Erst letzte Woche habe ich ihr zehntausend Euro überwiesen.
— Das reicht vorne und hinten nicht! — Er schlug mit der Hand auf den Tisch. — Sie hat ihr Leben lang geschuftet, mich allein großgezogen, und jetzt muss sie jeden Cent umdrehen!
— Leon, bitte. Lass uns sachlich bleiben. Wie viel braucht sie denn?
Er atmete tief durch. Jetzt oder nie.
— Sobald dein Gehalt eingeht, überweist du es auf mein Konto — sagte er mit Nachdruck. — Komplett. Ich leite es weiter an meine Mutter. Dein ganzes Gehalt.
Julia erstarrte, die Teetasse noch in der Hand. Für einen Moment war es so still, dass man nur das Brummen des Kühlschranks hörte.
— Meinst du das ernst? — fragte sie leise.
— Absolut. So gehört sich das. Ein Mann sollte die Finanzen verwalten. Mein Vater hat es genauso gemacht, er nahm das Geld meiner Mutter an sich, und es gab nie Diskussionen.
Langsam stellte Julia die Tasse ab.
— Und wovon lebe ich dann?
— Ich gebe dir, was nötig ist. Für Einkäufe, Rechnungen, alles. Aber zuerst kommt meine Mutter.
In der folgenden Nacht fand Julia kaum Schlaf. Seine Worte kreisten unaufhörlich in ihrem Kopf. Als sie ihn am Morgen betrachtete, wie er friedlich schlief, fragte sie sich, wann ihr der Mann, den sie vor acht Jahren geheiratet hatte, so fremd geworden war.
Beim Frühstück lag Spannung in der Luft.
— Und? Hast du darüber nachgedacht? — fragte Leon und strich Butter auf sein Brot.
Sie nickte knapp.
— Gut. Ich mache es.
Er verschluckte sich fast.
— Wirklich?
— Ja. Allerdings wird das Gehalt noch etwas auf sich warten lassen. Die Firma zahlt verspätet aus, du weißt doch, die Wirtschaftslage. Man spricht von ein paar Wochen. Und es soll eine Prämie geben — insgesamt ungefähr dreihunderttausend Euro.
DREIHUNDERTTAUSEND! In Leons Kopf spielte ein Triumphmarsch. Er sah sich bereits mit dem neuen Smartphone, das er seit Monaten wollte. Vielleicht neue Kleidung, endlich etwas Ordentliches. Und ein Angelausflug mit den Jungs nach Hamburg wäre auch drin. Für seine Mutter… nun ja, für sie würde selbstverständlich ebenfalls etwas abfallen.
— Perfekt! — grinste er selbstzufrieden. — Du wirst sehen, so läuft es endlich richtig.
In den darauffolgenden Tagen schwebte Leon förmlich. Im Büro erzählte er jedem, der es hören wollte, dass er zu Hause klare Verhältnisse geschaffen habe, dass nun endlich er die Kontrolle über das gemeinsame Geld übernommen habe und dass ab jetzt alles nach seinen Regeln laufen werde.
