Sie waren nicht gekommen, um Frieden zu schließen. Sie wollten Besitz ergreifen. Wie ein Schwarm Ungeziefer, der glaubt, eine leere Ecke entdeckt zu haben.
Sophia Hartmann bemerkte das schiefe Grinsen von Lukas Beck, Alexanders Kumpel, der bereits mit prüfendem Blick den Flur musterte, als würde er gedanklich Möbel verrücken.
— Raus hier, — sagte sie ruhig.
— Wie bitte? — Alexander Engel blieb abrupt stehen. — Sophia, jetzt übertreib nicht. Zier dich nicht so. Ich bin immer noch dein Mann, zumindest offiziell noch. Den Scheidungsantrag ziehen wir zurück …
— Ich habe gesagt: verschwinde! — Ihre Stimme schnitt durch das Treppenhaus.
Diesmal wartete sie nicht ab. Keine Diplomatie mehr. Kein Entgegenkommen. Sie packte Alexander an den Revers seines schicken Sakkos. Der Stoff spannte gefährlich.
— Spinnst du jetzt völlig? — kreischte er und versuchte, ihre Finger abzuschütteln.
Doch Sophia arbeitete täglich mit schweren Steinplatten, mit Erde, mit Werkzeugen, die Kraft verlangten. Niemand hatte geahnt, wie stark sie tatsächlich war. Mit einem Ruck zog sie ihn zu sich heran und stieß ihn im nächsten Moment mit voller Wucht nach hinten ins Treppenhaus.
— Das ist für „verschwenderisch“! — fauchte sie.
Alexander verlor das Gleichgewicht und krachte rücklings gegen Lukas. Der Strauß Pfingstrosen segelte zu Boden. Ohne zu zögern trat Sophia darauf, bis Blütenblätter zerquetscht auf den Fliesen klebten.
— Bist du irre geworden?! — schrie Katharina Roth und fuchtelte mit ihrer Handtasche nach ihr. — Du fasst meinen Sohn nicht an!
Wut rauschte in Sophias Ohren. Sie fing den Arm der Schwiegermutter ab und stieß ihn energisch zur Seite. Katharina hatte nicht mit Gegenwehr gerechnet; sie stolperte, knickte in ihren hohen Absätzen um und landete kreischend auf dem Boden. Einer der Schuhe löste sich und polterte die Stufen hinunter.
Alexander rappelte sich auf, das Gesicht verzerrt vor Zorn und gekränktem Stolz.
— Du Miststück! — brüllte er und hob die Faust. — Ich werde dir …
Er machte einen Schritt auf sie zu, überzeugt, sie würde zurückweichen. Er kannte nur die Version von ihr, die schluckte und schwieg.
Doch Sophia ging ihm entgegen.
In diesem Augenblick verteidigte sie mehr als vier Wände. Sie verteidigte den Respekt ihres Vaters, die Güte ihrer Mutter, ihr eigenes Selbstwertgefühl.
Ihre Faust war unbeholfen geballt, der Daumen falsch gekrümmt — aber der Schlag trug all ihre Enttäuschung. Er traf Alexander hart unterhalb des Auges.
Ein dumpfes Knacken.
Er heulte auf und presste die Hand an sein Gesicht. Damit hatte er nicht gerechnet. Frauen, so dachte er immer, weinten. Sie schlugen nicht zurück.
— Das ist für deinen Verrat! — stieß sie hervor.
Sie packte ihn am Hemdkragen, riss daran, sodass Knöpfe über die Stufen sprangen und seine schmale Brust freilegten.
— Verschwinde. Und wage es nie wieder, hier aufzutauchen!
Alexander wich zurück, jammernd, ein Auge schützend. Lukas Beck dachte nicht im Traum daran, einzugreifen.
— Alex, komm, wir hauen ab! Die ist völlig durchgedreht! — rief er und stürmte als Erster die Treppe hinunter.
— Mein Schuh! Wo ist mein Schuh?! — kreischte Katharina Roth und versuchte, sich auf einem Bein aufzurichten.
Sophia drehte Alexander noch einmal zu sich herum und verpasste ihm einen kräftigen Tritt unterhalb des Rückens. Er stolperte die Stufen hinab, sein angeblich „italienischer“ Anzug sammelte Staub. Die Naht seiner Hose platzte hörbar.
— Und jetzt raus mit euch! — rief sie, außer Atem, die Haare zerzaust. — Wenn ich euch noch einmal sehe, trage ich euch einzeln die Treppe runter!
Katharina, den zweiten Schuh in der Hand, humpelte barfuß hinterher und schimpfte etwas von Polizei und Psychiatrie. Alexander, hinkend und mit geschwollenem Auge, folgte ihr, ohne sich umzudrehen. Dass seine Hose hinten aufgerissen war und grellrote Unterwäsche preisgab, schien ihm gleichgültig. Seine Gefolgschaft zerstreute sich wie Ratten.
Nachbarn öffneten vorsichtig ihre Türen. Einige kicherten. Theo Hermann vom Erdgeschoss hob anerkennend den Daumen.
Sophia blieb im Türrahmen stehen, bis das Getrampel verklungen war. Ihre Hand pochte, ihr Herz raste — doch in ihr breitete sich eine ungewohnte Leichtigkeit aus. Sie hatte sie nicht nur hinausgeworfen. Sie hatte die Rolle des Opfers abgestreift.
Sie hob den zertrampelten Strauß auf und schleuderte ihn hinterher ins Treppenhaus.
— Nehmt euren Besen mit! — rief sie.
Dann schloss sie die Tür und betrachtete ihre aufgeschlagenen Knöchel.
— Na gut, — murmelte sie in die Stille ihrer eigenen, ganz persönlichen Wohnung. — Jetzt kann ich mich wieder um den Moosgarten kümmern.
Draußen heulte plötzlich eine Autoalarmanlage auf — vermutlich hatte Alexander im blinden Rückzug ein fremdes Fahrzeug gestreift. Er hatte seine Frau verloren, die Wohnung, seinen Stolz.
Und Sophia? Sie hatte sich selbst zurückgewonnen.
