„Bald“ seufzte Hannah, als der Aufzug schon den dritten Tag streikte und sie mit zwei vollen Einkaufstaschen die Treppe hinaufstieg

Alte Gewohnheiten wirken tröstlich, aber grausam und ungerecht.
Geschichten

Hannah Lang kam mit zwei vollen Einkaufstaschen aus dem Supermarkt zurück. In der einen lagen Kartoffeln und Möhren, in der anderen eine Flasche Kefir, ein Brotlaib und eine Packung Quark mit gelbem Rabattaufkleber. Wenn sie ein Sonderangebot sah, griff sie automatisch zu – nicht, weil sie es sich anders nicht leisten konnte, sondern weil sich Gewohnheiten über Jahrzehnte festsetzen wie alte Narben. Man legt sie nicht einfach ab.

Der Aufzug im fünfstöckigen Haus war nun schon den dritten Tag außer Betrieb. An der Metalltür klebte ein zerknittertes Blatt Papier, in einer Klarsichthülle mit Klebeband befestigt. Darauf stand, die Reparatur sei in Arbeit und bald abgeschlossen. „Bald“ – ein dehnbares Wort. Hannah wusste aus Erfahrung, wie lang sich dieses „bald“ ziehen konnte.

Also stieg sie die Treppen hinauf. Mit der linken Hand umklammerte sie das Geländer, in der rechten hing die schwerere Tasche. Auf dem Absatz im dritten Stock blieb sie kurz stehen, um Luft zu holen. Das rechte Knie pochte seit dem Morgen – seit dem Moment, als sie aus dem Bett aufgestanden war und über den kalten Boden ins Bad gegangen war. In der kalten Jahreszeit meldete es sich besonders hartnäckig. Der Orthopäde hatte von Arthrose zweiten Grades gesprochen, Salben verschrieben und ihr geraten, regelmäßig schwimmen zu gehen. Doch das Hallenbad lag am anderen Ende der Stadt und war nicht billig. Die Salbe hatte sie gewissenhaft benutzt, wie vorgeschrieben. Der Effekt war so gering gewesen, dass sie lieber nicht daran dachte.

Vierundsechzig Jahre – das ist keine bloße Zahl. Es ist ein Zustand, der sich jeden Morgen neu bemerkbar macht.

Vor ihrer eigenen Wohnungstür drückte sie auf die Klingel. Die Schlüssel lagen irgendwo tief unten in ihrer Handtasche; um sie zu finden, hätte sie beide Taschen auf den Boden stellen müssen, und der Fliesenboden im Treppenhaus war alles andere als sauber. Da war es einfacher zu klingeln.

Paula Schäfer öffnete fast sofort, als hätte sie direkt hinter der Tür gewartet.

Sie trug ihre vertraute Strickjacke in Grau-Blau, weich und mit weiten Ärmeln. Von Oktober bis April lebte sie praktisch in diesem Kleidungsstück, und Hannah hatte sich daran gewöhnt wie an eine bestimmte Tasse, die immer auf demselben Platz im Schrank steht.

„Geben Sie her, Hannah Lang“, sagte Paula und griff nach den Taschen.

„Ach was, ich schaffe das schon“, wehrte Hannah reflexhaft ab – und überließ sie ihr dennoch. Sie sagte fast immer „ich schaffe das“, und fast immer ließ sie sich am Ende helfen. Auch das war so eine alte Angewohnheit.

In diesem Augenblick geschah es. Während Paula sich umdrehte, die Taschen neu fasste und der weite Ärmel ein Stück nach oben rutschte, fiel Hannahs Blick auf ihren Unterarm.

Der Bluterguss war frisch. Dunkelblau bis violett, am Rand bereits leicht gelblich verfärbt – kein Fleck, der von einer Tür oder einer Tischkante stammte. Solche Male entstehen durch festen Griff. Durch Finger. Hannah kannte diese Spuren. Sie hatte sie selbst einmal getragen, vor vielen Jahren, in einem Leben, von dem sie nie sprach. Sie wusste, wie man lange Ärmel wählt, wie man mit ruhiger Stimme „Ich bin gestolpert“ sagt, sodass die Menschen entweder glauben – oder so tun, als glaubten sie es. Oft ist das dasselbe.

Paula bemerkte nichts. Sie brachte die Einkäufe in die Küche und redete nebenbei über den Kefir – dass sie morgens ebenfalls welchen gekauft habe, nun seien es eben zwei Flaschen, halb so schlimm, das reiche für die ganze Woche.

Hannah blieb im Flur stehen.

Sie streifte die Schuhe ab, stellte die Stiefel ordentlich nebeneinander, Spitzen zur Wand, wie immer. Dann trat sie vor den Spiegel. Lange betrachtete sie ihr Spiegelbild: das müde Gesicht, das graue Haar, den Mantel, den sie nun schon im vierten Winter trug und der immer noch gut saß. Sie musterte sich und dachte darüber nach, was nun zu tun sei.

Schließlich zog sie den Mantel aus und hängte ihn an den Haken.

„Möchten Sie Tee?“ rief Paula aus der Küche. Porzellan klirrte, Wasser rauschte in der Leitung.

„Ja, gern“, antwortete sie. „Gern, Paulchen.“

Ihr Sohn Lukas Braun kam gegen halb acht nach Hause. Hannah hörte schon im Treppenhaus, wie seine Schlüssel im Schloss klirrten – das hatte er als Kind getan und nie abgelegt, egal wie oft sie ihn gebeten hatte, den Schlüssel in einem Zug umzudrehen statt daran zu ruckeln. Sie hörte, wie er die Jacke auszog und vermutlich achtlos über einen Stuhl im Flur warf, zumindest wenn er glaubte, sie sehe es nicht. Seine Schritte führten, wie immer, direkt in Richtung Küche. Früher waren sie kleiner gewesen und lauter.

„Mama? Du bist da?“ Seine Stimme klang überrascht, als er ins Zimmer blickte. Hannah saß im Sessel mit einem Buch auf dem Schoß, das seit gut vierzig Minuten ungelesen dort lag.

„Ja. Setz dich bitte.“

Er blieb in der Tür stehen. „Ist etwas passiert?“

Sie sah ihm an, dass er erschöpft war. Nicht die übliche Müdigkeit nach einem langen Arbeitstag, die mit Essen und Schlaf vergeht. Es war eine tiefere, innere Schwere. Graue Schatten unter den Augen, die Schultern leicht nach vorn gezogen, als trüge er noch immer eine Last.

„Setz dich“, wiederholte sie ruhig.

Er seufzte – genauso wie früher, wenn er als Junge diesen Tonfall bei ihr hörte – und ließ sich auf die Bettkante nieder. Sie blieb aufrecht im Sessel sitzen, die Hände gefaltet.

„Du machst mir Angst, Mama.“

„Ich habe die blauen Flecken an Paulas Arm gesehen.“

Stille. Mehrere Sekunden lang schaute er zum Fenster, hinter dem es bereits dunkel war.

„Sie ist gestürzt“, sagte er schließlich. Seine Stimme war glatt. Zu glatt.

„Lukas.“

„Wirklich. Sie meinte, sie sei im Bad am Absatz hängen geblieben und habe sich festgehalten—“

„Lukas.“ Ihre Stimme blieb ruhig. „Sieh mich an.“

Er hob den Blick. Und in seinen Augen lag etwas, das sie kannte. Vielleicht nicht das ganze Wissen, aber genug. Ein Verdacht, ein innerer Konflikt, den er mit sich herumtrug, ohne zu wissen, wohin damit. Diesen Ausdruck hatte sie früher selbst im Spiegel gesehen.

Sie schwieg einen Moment.

„Ich werde dich nicht fragen, ob du es warst oder jemand anderes“, sagte sie dann.

Er wollte etwas erwidern.

„Nicht jetzt“, unterbrach sie ihn sanft, und er verstummte. „Es ist im Augenblick nicht entscheidend, wer. Entscheidend ist, dass so etwas nicht bleiben darf.“

Langsam erhob sie sich, stützte sich am Sessel ab, spürte wieder das Ziehen im Knie, und trat zu ihm. Er saß da wie früher mit zwölf nach irgendeinem Vorfall in der Schule, den er nicht erklären wollte. Und sie stand ebenso vor ihm wie damals.

„Wenn du es warst“, sagte sie leise, „dann verlässt du diese Wohnung. Heute noch. Ich bleibe bei Paula und helfe ihr, bis sie wieder auf eigenen Beinen steht. Aber du wirst hier nicht wohnen.“

Er schwieg, starrte sie nur an.

„Und wenn du es nicht warst“, fuhr sie fort, „dann sagst du mir, wer es war. Und wir überlegen gemeinsam in Ruhe, was zu tun ist. Ohne Schreien. Ohne blinde Wut.“

„Mama…“

„Darüber wird nicht verhandelt, Lukas. Ich habe dich zur Welt gebracht und großgezogen, und ich liebe dich. Aber das hier steht nicht zur Diskussion.“

Paula stand im Halbdunkel der Küchentür. Die Tür war nicht ganz geschlossen gewesen, jedes Wort war klar durch den schmalen Spalt gedrungen. In ihren Händen hielt sie noch das Geschirrtuch, mit dem sie eben ihre Finger getrocknet hatte, bevor sie ihr Handy holen wollte. Doch sie blieb wie angewurzelt stehen.

Sie blickte in den dunklen Flur und wusste nicht, ob sie einen Schritt nach vorn machen oder sich lautlos zurückziehen sollte, und in ihrem Kopf wirbelten Gedanken durcheinander, während draußen hinter den Fenstern der Abend immer dichter wurde und

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