„Dreihunderttausend Euro auf meinen Namen aufgenommen! Dreihunderttausend!“ schrie Alexander verzweifelt und schob die Scheine wie wertlosen Abfall auf das Bett

Dieses nervöse Schweigen ist unerträglich und beschämend.
Geschichten

Sophia schluchzte auf.
— Und sie meinten sogar, unsere Geschenke seien billig gewesen.

Thomas Becker tauschte einen langen Blick mit seiner Frau. Ein bitteres Lächeln huschte über sein Gesicht. Ohne ein weiteres Wort ging er zum alten Wohnzimmerschrank, öffnete eine der unteren Schubladen und zog einen großen, festen Umschlag hervor.

— Eigentlich wollten wir morgen früh bei euch klingeln, — sagte er ruhig und legte das Kuvert vor seine Tochter. — Als Überraschung. Wir dachten, ihr schlaft erst mal aus und freut euch über eure erste Nacht als Ehepaar.

Sophia wischte sich die letzten Tränen aus dem Gesicht.
— Was ist das?

— Schau selbst nach.

Im Umschlag befanden sich mehrere Dokumente: ein notarieller Schenkungsvertrag, ein aktueller Grundbuchauszug, dazu ein Schlüsselbund.

— Eine Zwei-Zimmer-Wohnung, — erklärte ihr Vater. — Neubaugebiet am Stadtrand, komplett renoviert. Deine Mutter und ich haben jahrelang gespart. Tante Clara hat ihre Rücklagen beigesteuert. Onkel Andreas hat seine alte Garage verkauft und sogar sein Auto hergegeben, damit genug zusammenkommt. Unsere ganze „arme“ Verwandtschaft hat zusammengelegt, Sophia. Damit ihr nicht von einer Mietwohnung in die nächste ziehen müsst. Deshalb war in den Hochzeitsumschlägen nicht viel Bargeld — alles steckte in diesen vier Wänden.

Sophia starrte auf die Unterlagen. Es fühlte sich an, als würde sich der Boden unter ihr verschieben. Die Menschen, die Alexander und Katharina Roth verächtlich als „Bettler“ bezeichnet hatten, hatten ihr nahezu ihr Letztes gegeben. Und Alexander… hatte ihre Ehe für einen Kredit von dreihunderttausend Euro aufs Spiel gesetzt.

— Die Wohnung läuft auf deinen Namen, — ergänzte Sabine leise. — Dein Vater hat darauf bestanden. Schenkung, nicht gemeinsames Eigentum. Im Falle einer Scheidung zählt sie nicht zum Zugewinn. Morgen müssen wir nur noch alles korrekt beim Notar eintragen lassen.

Sophia hob den Blick. Ihre Augen waren klar.

— Also fällt sie nicht in eine Scheidung, — sagte sie langsam. — Das ist gut. Sehr gut.

— Willst du zu ihm zurück? — fragte Thomas.

— Nein, — kam es ohne Zögern. — Morgen lassen wir die Ehe annullieren oder scheiden uns. Mir ist egal wie — Hauptsache schnell.

Am nächsten Morgen fuhr sie lediglich ins Hotel zurück, um ihre restlichen Sachen zu holen. Alexander lag quer über dem Bett und schlief. Von seiner Mutter war nichts zu sehen. Auf dem Nachttisch ließ sie einen Zettel zurück: „Ich stimme der Scheidung zu. Die Unterlagen reiche ich selbst ein.“

Es ging überraschend zügig. Alexander erschien nicht einmal persönlich beim Standesamt. Stattdessen schickte er Katharina Roth mit einer Vollmacht, damit sie sicherstellen konnte, dass „keine vermögensrechtlichen Ansprüche“ gestellt würden. Sophia unterschrieb wortlos. Sie blickte durch ihre ehemalige Schwiegermutter hindurch, als wäre sie Luft.

Zu diesem Zeitpunkt wohnte sie bereits in ihrer neuen Wohnung. Auf der Loggia richtete sie sich ein Atelier ein und gestaltete aufwendige Arrangements aus Moos, Stein und Treibholz, die innerhalb weniger Tage ausverkauft waren.

Zwei Wochen vergingen wie ein einziger Atemzug. Sie fühlte sich leicht, beinahe schwerelos. Doch sie wusste, dass Stille selten von Dauer war. Gerüchte verbreiten sich schnell.

An einem Samstagmorgen klingelte es. Dreimal hintereinander. Hartnäckig. Vertraut.

Sophia trat an die Tür und sah durch den Spion.

Davor stand Alexander. In den Händen hielt er einen riesigen Strauß teurer Pfingstrosen — genau jener Sorte, die er bei der Hochzeit so demonstrativ verschenkt hatte. Hinter ihm drängten sich Katharina Roth und Lukas Beck, sein Trauzeuge, dem er damals beim Empfang seine Beschwerden über die „misslungene Investition“ anvertraut hatte.

Sophia öffnete.

— Hallo, mein Schatz! — Alexander grinste breit, als wäre nichts geschehen. Er setzte bereits einen Fuß über die Schwelle, doch sie wich keinen Zentimeter zurück. — Jetzt tu doch nicht so fremd. Wir haben nachgedacht… Alle waren überreizt. Hochzeit bedeutet Stress, das weißt du doch.

Katharina Roth beugte sich über seine Schulter und setzte ein Lächeln auf, das an Künstlichkeit kaum zu überbieten war.

— Liebes, nun sei nicht nachtragend, — säuselte sie. — Wir wussten ja von nichts! Man hört, du hast eine Wohnung bekommen? Zwei Zimmer? Was für tüchtige Eltern du hast! Ganz heimlich organisiert!

— Wir sind doch eine Familie, — sagte Alexander und versuchte, sich mit der Schulter an Sophia vorbeizuschieben. — Und in einer Familie gehört alles allen. Wir sollten die Wohnung einweihen, schauen, wie man die Möbel stellt. Vielleicht machen wir aus einem Zimmer mein Streaming-Studio…

Die Wut, die sie zwei Wochen lang in Arbeit verwandelt hatte, stieg plötzlich in ihr hoch. Sie sah wieder das Hotelzimmer vor sich. Hörte das Wort „Ballast“. Dachte an Onkel Andreas ohne Auto.

— Familie? — wiederholte sie ruhig. Ihre Stimme vibrierte gefährlich leise. — Du hast gesagt, du bereust die Hochzeit.

— Ach, das war doch im Affekt! — winkte Alexander ab und stand nun halb im Flur. — Die Jungs haben mich aufgezogen, der Kredit hat genervt… Vergiss es. Wichtig ist doch, dass wir jetzt eine Wohnung haben! Den Kredit kriegen wir locker weg, wenn wir das zweite Zimmer untervermieten. Oder Mama zieht zu uns, dann kann sie ihre Wohnung vermieten…

Diese Dreistigkeit war grenzenlos. Sie waren nicht gekommen, um sich zu versöhnen.

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