„Ich verlasse dich“ — Thomas verkündete die Scheidung, während Martina ohne Hast den Fisch mit einem Holzspatel umdrehte

Erbarmungslos verletzend und seltsam ungerecht, zutiefst erschütternd.
Geschichten

„Du warst der Ehemann meiner Tochter“, entgegnete Helga Krüger ungerührt und klappte die Mappe mit einem trockenen Geräusch zu. „Diese Wohnung allerdings habe ich allein finanziert. Von meinem Ersparten. Und sie läuft auf meinen Namen. Du, mein Bester, hast es in drei Jahrzehnten nicht einmal geschafft, eine Nebenkostenabrechnung zu begleichen. Dein einziges ‚Vermögen‘ hier sind die Gummistiefel auf dem Balkon und die zerfledderten Ausgaben von ‚Wissenschaft und Technik‘ aus dem Jahr 1989.“

Aus der Küche lugte Isabella Hoffmann hervor. In der Hand hielt sie ein noch glimmendes Bündel Beifuß, dessen Rauch träge durch den Flur zog.

„Thomas, was ist hier los?“, fragte sie mit zittriger Stimme. „Wer sind diese Menschen mit dieser… schweren Energie in unserem Zuhause?“

Helga Krüger musterte sie von oben bis unten so kühl, dass der Rauch in Isabellas Hand beinahe von selbst zu erstarren schien.

„Ah, Sie müssen die Künstlerin sein“, sagte sie trocken. „Keine Sorge, unsere Energie ist völlig legal. Ich werde die Wohnung veräußern. Und Sie, gnädige Frau, haben gemeinsam mit Ihrem Thomas exakt vierundzwanzig Stunden Zeit, meine Räume zu räumen. Morgen kommen Handwerker und reißen den alten Bodenbelag heraus.“

Isabella wandte sich fassungslos an Thomas.

„Du hast mir doch erzählt, du seist der uneingeschränkte Eigentümer! Von exklusiver Immobilie war die Rede! Du wolltest mir ein Atelier für meine Webarbeiten einrichten! Sag bloß, du besitzt hier gar nichts?“

„Isabella, Liebling, bitte, das ist ein Missverständnis“, stammelte Thomas und griff nach ihrer Hand. „Das ist nur juristisches Gerede. Wir gehen vor Gericht, das klärt sich alles…“

Doch Isabella war keineswegs so weltfremd, wie ihre Räucherrituale vermuten ließen. In dem Moment, in dem sie begriff, dass statt einer großzügigen Altbauwohnung womöglich ein möbliertes Zimmer am Stadtrand auf sie wartete – womöglich mit einem alternden wissenschaftlichen Mitarbeiter als Mitbewohner –, wich jede spirituelle Erhabenheit aus ihrem Gesicht.

„In dieser chaotischen Schwingung halte ich es nicht aus! Deine Aura ist zerrissen, Thomas! Du hast mich belogen!“ kreischte sie. Den Beifuß warf sie kurzerhand in einen Topf mit Linsensuppe, schnappte sich ihre Leinentasche voller Holzperlen und stürmte zur Tür hinaus. Beinahe rannte sie dabei Sebastian Wolf um, der noch immer mit professionellem Lächeln im Hausflur wartete.

Thomas blieb wie angewurzelt im Korridor stehen, in ausgeleierten Trainingshosen, die plötzlich so lächerlich wirkten wie seine ganze Selbstgewissheit. Sein bislang bequemes, kostenfreies Universum war innerhalb weniger Minuten implodiert.

Martina Schneider betrachtete ihn ohne Triumph. Eher mit einer leisen, müden Belustigung. Dreißig Jahre hatte sie diesen Klotz am Bein mitgeschleppt, seine hochtrabenden Vorträge ertragen, für ihn gekocht, gewaschen, organisiert. Ein einziger Realitätsschalter – und all seine Wichtigkeit zerplatzte wie eine Seifenblase.

„Morgen um achtzehn Uhr komme ich vorbei und lasse die Schlösser austauschen“, sagte sie ruhig. „Umzugskartons stehen auf dem Balkon. Beeil dich.“

Natürlich hatte Helga Krüger nie ernsthaft vor, die Wohnung zu verkaufen. Sebastian Wolf erhielt eine großzügige Vergütung für seine Mitwirkung an dem Schauspiel, ebenso wie die vermeintlichen Kaufinteressenten – alte Bekannte von ihm –, die bestens unterhalten wieder abzogen.

Eine Woche später war der Geruch von Beifuß verflogen, ebenso wie die letzten Spuren von Thomas’ überdimensionierten Ambitionen. Martina Schneider engagierte eine Baufirma für eine gründliche Renovierung. Diesmal sollte alles richtig gemacht werden: helle Böden, moderne Sanitäranlagen, saubere Leisten – keine schief geklebten Sockel und tropfenden Wasserhähne mehr.

Thomas meldete sich noch einige Male von unbekannten Nummern. Er klagte darüber, dass Isabella ihn blockiert habe, dass er nun bei einem entfernten Verwandten in einer Wohngemeinschaft untergekommen sei. Außerdem seien „die kosmischen Konstellationen ungünstig“ gewesen, weshalb er vom Weg abgekommen sei. Er versprach Besserung, wollte sogar künftig selbst den Müll hinunterbringen.

Martina stand währenddessen in der leergeräumten Wohnung und blätterte in einem Katalog für Fliesen. Draußen senkte sich die Dämmerung über die Straße. Ihr Handy vibrierte erneut – eine fremde Nummer. Sie drückte den Anruf weg.

Und plötzlich wurde ihr klar: Zum ersten Mal seit dreißig Jahren musste sie auf niemanden mehr warten. Niemand würde nach dem Abendessen fragen. Niemand würde sich auf dem Sofa breitmachen.

Die Stille war ungewohnt.

Und sie war wunderbar.

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