„Ich verlasse dich“ — Thomas verkündete die Scheidung, während Martina ohne Hast den Fisch mit einem Holzspatel umdrehte

Erbarmungslos verletzend und seltsam ungerecht, zutiefst erschütternd.
Geschichten

…wo selbst das Toilettenpapier nicht mehr das gewohnte war. Martina hatte auch dort vorgesorgt: Statt der weichen Zewa-Rollen hing nun ein kratziger, grauer Kartonstreifen – als letzte Erinnerung daran, dass sich die Zeiten geändert hatten.

Am Freitagmorgen übergab sie Thomas kommentarlos den Wohnungsschlüssel. Er starrte sie an, als hätte man ihm gerade den Boden unter den Füßen weggezogen. Ohne weitere Erklärungen packte sie ihre Tasche und fuhr zu ihrer Mutter.

Helga Krüger war neunundsiebzig, aufrecht wie eine Gardesoldatin und mit einer Stimme gesegnet, die selbst Presslufthämmer übertönt hätte. Ihr Wesen erinnerte an gehärteten Stahl – unnachgiebig, solide, verlässlich. Sie lebte in einem kleinen Ort am Stadtrand, zog dort mit Hingabe seltene Tomatensorten heran und verbrachte die Abende vor politischen Talkrunden, wobei sie den Moderatoren so energisch widersprach, dass selbst der Kater regelmäßig das Weite unter das Sofa suchte.

Als Martina ihr die ganze Geschichte schilderte, blieb Helga mitten in der Bewegung stehen – ein halbfertiger Kloß Teig in der Hand.

„Also behauptet er, die Wohnung gehöre ihm?“, fragte sie langsam. In ihren Augen blitzte es gefährlich auf. „Und tapeziert hat er auch noch selbst?“

„Ja, Mama. 1998. Und in der Ecke löst sich die Tapete bis heute.“

„Ein wahrer Baumeister“, brummte Helga trocken und wischte sich das Mehl von den Fingern. „Und diese Isabella – mit der Harfe, sagst du? Nun gut. Geben wir dem jungen Glück doch ein paar Tage Vorsprung. Drei sollten reichen. Am Dienstag fahren wir in die Stadt.“

Noch am selben Abend telefonierte Helga mit ihrem Neffen, der in einer Immobilienagentur arbeitete. Sie verlangte nach dem energischsten Makler, den man auftreiben konnte – laut, durchsetzungsstark, ohne Skrupel. Er schickte ihr Sebastian Wolf: geschniegelt, in einem etwas zu glänzenden Anzug, aber mit dem Talent, selbst Wüstensand gewinnbringend zu vermarkten.

Dienstagabend. In Martinas früherer Wohnung herrschte gedämpfte Kerzenseligkeit. Thomas und Isabella saßen in der Küche. Isabella – schwer zu schätzen, irgendwo zwischen Esoterik und Ewigkeit – trug ein wallendes Leinengewand und eine Sammlung hölzerner Perlenketten. Sie ließ getrockneten Beifuß in einer Schale verglimmen, um, wie sie erklärte, „die Aura von den Rückständen der Ex-Frau zu reinigen“. Der Geruch erinnerte eher an ein verbranntes Reisigbündel. Auf dem Herd köchelte in einem einsamen Topf Linseneintopf vor sich hin.

„Mein lieber Thomas“, hauchte sie und rückte ihre Ketten zurecht, „die Schwingungen hier sind unerquicklich. Doch wir reißen diese Wand ein, verbinden Küche und Wohnzimmer. Dort stelle ich meinen Webstuhl auf…“

Ein Schlüssel drehte sich im Schloss.

Die Tür flog auf.

Im Rahmen stand Helga Krüger, auf ihren Stock gestützt, den sie wie ein Zepter hielt. Hinter ihr Martina – mit einem kaum deutbaren Lächeln. Und direkt dahinter drängte Sebastian Wolf herein, gefolgt von einer fünfköpfigen Familie mit neugierigen Blicken.

„Bitte treten Sie ein!“, rief Sebastian mit geübter Maklerstimme und ignorierte Thomas, der wie angewurzelt im Flur stand. „Drei Zimmer, durchdachter Schnitt, Fenster nach zwei Seiten, separates Bad! Die Ausstattung ist etwas in die Jahre gekommen, aber genau das spiegelt sich im attraktiven Preis wider!“

Die Interessenten – zwei Erwachsene, drei Kinder – verteilten sich augenblicklich in sämtliche Räume, öffneten Schränke, spähten unter Betten.

Thomas wurde kreidebleich, dann fleckig rot. „Martina… Frau Krüger… was soll das? Das ist meine Wohnung! Ich rufe die Polizei! Das ist Hausfriedensbruch!“

Helga trat langsam auf ihn zu, öffnete ihre geräumige Handtasche und zog eine Klarsichthülle hervor. Mit bedächtiger Geste entnahm sie ein offizielles Dokument.

„Hausfriedensbruch?“, wiederholte sie dröhnend, sodass selbst das Kinderlachen aus dem Schlafzimmer verstummte. „Hier ist der aktuelle Grundbuchauszug. Eigentümerin: Helga Krüger. Also ich. Du, mein Lieber, warst hier lediglich gemeldet. Aus reiner Großzügigkeit.“

Thomas schnappte nach Luft, als hätte man ihn ins kalte Wasser gestoßen. „Wie… wie bitte? Ich… wir sind doch verheiratet… ich bin doch der Ehemann…“

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