Hannah Meier ahnte bereits beim Aufstehen, dass ihr ein anstrengender Tag bevorstand. Schon am Morgen wirbelte Daniel Huber durch die Wohnung, rückte Stühle zurecht, zählte Teller und überprüfte, ob genügend Besteck vorhanden war. Wenn seine Verwandtschaft kam, dann nie einzeln, sondern gleich im Pulk: seine Schwester Sandra Engel mit ihrem Mann Sebastian Ludwig, Tante Beatrice Koch und der Cousin Lukas Winter samt Ehefrau. Und jedes Mal beschlich Hannah das Gefühl, nicht die Hausherrin zu sein, sondern eher eine geduldete Mitbewohnerin auf Zeit.
„Könnten wir es diesmal nicht einfach lassen?“, fragte sie vorsichtig, während sie Gurken in feine Scheiben schnitt. „Vielleicht nur wir drei, ruhig und gemütlich?“
Daniel hob nicht einmal den Blick von der Zeitung. „Ach, Hannah. Du weißt doch, wir feiern immer gemeinsam. Das ist schließlich Familie.“
Familie, dachte sie bitter. Für ihn mochte es so sein. Für sie waren es Menschen, die ihre Wohnung behandelten wie Gemeinschaftseigentum, ihren Kühlschrank wie einen Selbstbedienungsladen und sie selbst wie eine Servicekraft.
Punkt vierzehn Uhr klingelte es. Sandra stürmte als Erste herein, wie gewohnt laut und ohne jede Zurückhaltung. Mit frisch gefärbtem Haar und einer Stimme, die selten unter Zimmerlautstärke sank, steuerte sie direkt auf die Küche zu.

„Daniel, hallo!“ Sie küsste ihren Bruder flüchtig auf die Wange und riss im selben Moment die Kühlschranktür auf. „Was ist denn hier los? Ziemlich leer, oder? Hannah, wo ist die Torte? Ich dachte, du überraschst uns mit etwas Selbstgebackenem.“
„Sie steht im Karton auf dem Tisch“, entgegnete Hannah beherrscht, ohne ihre Arbeit zu unterbrechen.
„Ach, gekauft?“ Sandra verzog das Gesicht. „Du hättest dir doch ein bisschen Mühe geben können. Hände zum Backen hast du doch.“
Kurz darauf betrat Sebastian die Wohnung. Der eher kleine Mann mit lichter werdendem Haar und dauerhaft missmutigem Blick schlenderte ins Wohnzimmer, musterte die Einrichtung kritisch und ließ sich schwer in einen Sessel fallen.
„Daniel, wann schafft ihr euch endlich ein neues Sofa an?“, rief er von dort. „Das Ding ist total durchgesessen. Bequem ist was anderes.“
Als Letzte erschien Beatrice Koch. Schlank, um die sechzig, mit spitzem Kinn und ebenso spitzen Bemerkungen, trat sie ein, als sei sie beauftragt worden, hier Ordnung zu schaffen.
„Hannah, meine Liebe“, sagte sie und ließ den Blick prüfend über die Küche schweifen, „warum glänzt die Spüle nicht? Und diese Handtücher – die sehen ja grau aus. Eine Frau sollte ihr Zuhause im Griff haben. Das ist doch ihre Visitenkarte.“
Hannah ballte die Hände, schwieg jedoch. Daniel trat hinter sie und legte ihr beschwichtigend die Hand auf die Schulter – eine Geste, die beruhigen sollte, sie aber nur noch mehr irritierte.
„Kommt doch alle an den Tisch“, sagte er in versöhnlichem Ton. „Hannah hat sich große Mühe gegeben und so viel vorbereitet.“
Kaum saßen sie, begann das, was Hannah insgeheim als „Familiengericht“ bezeichnete. Sandra nahm einen Löffel vom Salat, probierte und verzog sofort das Gesicht.
„Irgendwie fad“, urteilte sie. „Hannah, mit Salz darf man nicht sparen. Männer mögen es würziger. Und Mayonnaise fehlt auch – das ist ja ganz trocken.“
Sie setzte erneut an und hob bedeutungsvoll den Finger. „Gestern habe ich zu Daniel noch gesagt“, begann sie.
