Im Laufe der Jahre nahm die Geschichte ihren gewohnten Gang. Thomas Berger hangelte sich als wissenschaftlicher Mitarbeiter durch irgendein verstaubtes Forschungsinstitut, verdiente so wenig, dass es kaum über sein Monatsticket und ein paar Packungen Tee hinausreichte. Martina Schneider dagegen arbeitete unermüdlich. Sie stieg zur Leiterin eines großen Logistiklagers auf und stemmte praktisch allein sämtliche Ausgaben: Nebenkosten, Lebensmitteleinkäufe, Renovierungen, neue Möbel, Winterreifen – und sogar jene metallkeramischen Zahnkronen, mit denen Thomas nun so selbstbewusst seine vermeintlichen Ansprüche auf die Wohnung untermauerte.
In seinem eigenen Selbstbild war Thomas ein verkannter Denker. Er trank nicht, randalierte nicht, doch er besaß die bemerkenswerte Fähigkeit, mit dem Sofa zu verschmelzen. Stundenlang durchforstete er historische Internetforen und dozierte über Weltpolitik. Offenbar hatte dieses bewegungsarme Dasein bei ihm etwas ausgelöst, das Martina insgeheim „Wohnungsamnesie“ nannte. Drei Jahrzehnte hatte er sich daran gewöhnt, alles hier als selbstverständlich „sein“ zu betrachten – seine vier Wände, sein Sessel, sein Fernseher. Dass die Eigentumsurkunde eine andere Sprache sprach, war in seinem Gedächtnis schlicht verblasst.
„Nun gut, Thomas“, sagte Martina mit gespielter Sanftmut und einem kaum unterdrückten Lächeln. „Wenn große Gefühle und himmlische Harfenklänge rufen, will ich euch nicht im Weg stehen. Gib mir bis zum Wochenende Zeit, dann packe ich meine Sachen.“
„Sehr vernünftig“, nickte der beinahe Ex-Gatte gönnerhaft. „Aber die Möbel bleiben hier. Isabella ist keinen kargen Lebensstil gewohnt. Kühlschrank, Waschmaschine und das Sofa im Wohnzimmer – die lässt du da. Deine Mutter hat bestimmt noch etwas Altes für dich.“
„Natürlich, Thomas. Ganz wie du meinst“, säuselte Martina mit honigsüßer Stimme.
Die folgenden drei Tage verbrachte sie jedoch nicht damit, lediglich Blusen und Schuhe in Kartons zu legen. Als erfahrene Logistikerin plante sie präzise, strukturiert und ohne jede Sentimentalität.
Am Donnerstag, während Thomas im Institut zwischen neun und sechs Uhr heldenhaft drei Akten von links nach rechts schob, rollte vor dem Haus ein Transporter vor. Zwei kräftige Männer in Arbeitskleidung trugen innerhalb kürzester Zeit hinaus:
die teure orthopädische Matratze, die Martina erst im vergangenen Jahr gekauft hatte, damit Thomas’ Rücken endlich Ruhe gab;
den modernen Zweikammer-Kühlschrank mit No-Frost-System – an dessen Stelle nun ein klapperndes Altgerät stand, das sie sich von einer Nachbarin aus dem Schrebergarten geliehen hatte;
die neue Waschmaschine;
Mikrowelle, Kaffeemaschine und Staubsauger.
Ihre persönlichen Dinge verstaute Martina ordentlich in beschrifteten Kartons. In der Küche ließ sie Thomas eine Aluminium-Kasserolle, eine Pfanne mit zerkratzter Beschichtung und zwei ungleiche Teller zurück. Mehr brauchte man ja angeblich nicht für ein Leben voller höherer Energien.
Als Thomas am Abend die Wohnung betrat, empfing ihn ein hallendes Echo. Im Schlafzimmer ragte nur noch das nackte Bettgestell wie ein Gerippe in den Raum.
„Martina! Was soll das denn sein?“, brüllte er und stürmte in die Küche, wo sie seelenruhig Tee aus ihrer Lieblingstasse trank – die bereits sorgfältig in Luftpolsterfolie eingewickelt war. „Du hast alles ausgeräumt! Das ist Sabotage! Du lässt mich hier auf Trümmern sitzen!“
„Übertreib nicht“, entgegnete sie gelassen. „Ich habe lediglich mitgenommen, was ich bezahlt habe. Jetzt habt ihr – du und Isabella – die wunderbare Gelegenheit, die Räume ganz nach euren spirituellen Vorstellungen zu füllen. Wozu braucht eine Muse einen Sechzig-Zoll-Fernseher? Der verströmt doch nur niedrige Schwingungen. Und Wäsche wäscht man im Einklang mit der Natur am besten von Hand, im Waschzuber.“
Thomas setzte an, um eine empörte Rede über weibliche Berechnung zu halten, doch in diesem Moment klingelte sein Handy. Auf dem Display erschien Isabellas Name. Seine Miene wechselte augenblicklich von Zorn zu süßlicher Besorgnis, und mit einem hastig gemurmelten „Ich geh kurz ran“ verzog er sich ins Bad – dem einzigen Ort, der noch den Anschein früherer Behaglichkeit bewahrte…
