Martina Schneider, sechsundfünfzig Jahre alt und mit einer bemerkenswerten inneren Widerstandskraft ausgestattet, stand an diesem Abend am Herd und beobachtete gedankenverloren, wie der im Ofen angegarte Seelachs in der Pfanne sein letztes Brutzeln vollführte. Dazu schmorte sie ein paar Möhren, die kaum ins Gewicht gefallen waren, was den Preis anging. Der Fisch hatte sie knapp zweihundertdreißig Euro pro Kilo gekostet – kein Luxus, aber auch kein Geschenk. Der eigentliche Aufwand lag ohnehin nicht im Einkauf, sondern darin, aus schlichten Zutaten etwas Anständiges auf den Tisch zu bringen. Während das Öl leise zischte und die Küche sich mit vertrauten Gerüchen füllte, rechnete Martina im Kopf die jüngste Nebenkostenabrechnung durch, die inzwischen über achteinhalbtausend Euro betrug, und erinnerte sich daran, dass die Wasserfilter längst ausgetauscht werden müssten.
Die beinahe friedliche Stimmung zerplatzte, als ihr Mann hereinkam.
Thomas Berger, achtundfünfzig, trat mit einer Miene in die Küche, als hätte er soeben eine bahnbrechende Entdeckung gemacht oder zumindest ein Meisterwerk komponiert. Er trug seine ausgebeulte Jogginghose – jene vom Sonderangebot vor fünf Jahren – und ein verblichenes T‑Shirt mit dem Aufdruck „Sport ist Leben“, wobei sich sein sportliches Engagement auf Schachübertragungen im Fernsehen beschränkte.
Er blieb vor dem Kühlschrank stehen, legte pathetisch eine Hand auf den Rücken, seufzte so theatralisch, dass der Vorhang am Fenster leicht erzitterte, und verkündete:
„Martina, wir müssen reden. Es ist ernst. Ich verlasse dich. Genauer gesagt: Wir lassen uns scheiden.“
Ohne Hast drehte Martina den Fisch mit einem Holzspatel um.

„Ach ja, Thomas?“, fragte sie ruhig, ohne sich umzuwenden. „Ausgerechnet jetzt, kurz vor dem Essen? Ich wollte morgen eigentlich Nudeln machen.“
„Mach dich nicht lustig über so einen Moment!“, fauchte er, als hätte sie ihn beleidigt. „Ich halte es hier nicht mehr aus. Diese Luft aus Putzmittel, Waschpulver und ewigen Gesprächen über Sonderangebote – das erstickt mich. Ich habe eine andere kennengelernt. Isabella Hoffmann. Sie flechtet Weidenkörbe, spielt Harfe und versteht mein Innerstes. Wir gehören zusammen.“
„Harfe klingt schön“, entgegnete Martina sachlich und stellte den Herd ab. „Braucht man dafür viel Platz? Und was sagen die Nachbarn zu den Proben?“
„Das geht dich nichts an“, schnitt er ihr das Wort ab, sammelte noch einmal Atem und kam zum eigentlichen Punkt. „Du wirst nach der Scheidung zu deiner Mutter ziehen. Pack deine Sachen ohne Drama. Die Wohnung hier gehört mir. Isabella braucht Raum – ein helles Wohnzimmer für ihre Meditationen und ihre Kreativität.“
Martina trocknete sich langsam die Hände am Geschirrtuch. In ihr zerbrach nichts, kein Stich, kein Kloß im Hals. Stattdessen breitete sich eine fast sachliche Neugier aus.
„Deine Wohnung also?“, wiederholte sie ruhig.
„Natürlich!“, erklärte Thomas mit stolz geschwellter Brust. „Ich bin hier der Hausherr. Dreißig Jahre lebe ich schon in diesen vier Wänden! 1998 habe ich eigenhändig im Flur tapeziert, weißt du noch? Und wer hat vor fünf Jahren den Wasserhahn im Bad ausgetauscht? Ich habe meine Energie, meine Kraft, meine Arbeit in diese Wohnung gesteckt!“
Martinas Blick wanderte von ihm zu eben jenem tropfenden Wasserhahn, dann zu der schief angebrachten Fußleiste und schließlich zum Mülleimer, den Thomas ungefähr zweimal im Jahr hinausbrachte – nach mehrfacher Erinnerung.
„Erstaunlich“, dachte sie bei sich. „Mit welcher Überzeugung er seine eigene Legende glaubt.“
Um zu begreifen, wie sehr Thomas sich irrte, musste man allerdings mehr als drei Jahrzehnte zurückgehen – in die turbulenten neunziger Jahre.
Damals hatten Martinas Eltern, robuste Leute aus dem Norden Deutschlands, die ihr gesamtes Berufsleben in einem Stahlwerk geschuftet hatten, all ihre Ersparnisse zusammengekratzt. Es waren unsichere Zeiten, Gesetze änderten sich beinahe wöchentlich, und Vertrauen war eine seltene Ware. Doch sie waren entschlossen, ihrer Tochter eine solide Zukunft zu sichern – selbst wenn das bedeutete, mit Bargeld in einer Sporttasche aufzutauchen und jeden Schein persönlich nachzuzählen, bevor sie den Kauf einer geräumigen Drei-Zimmer-Wohnung in einem guten Stockwerk besiegelten.
