„Sie saß im Treppenhaus. Ohne Jacke.“ rief Emilia panisch, Julia raste sofort zur Wohnung

Unfassbar traurige Vernachlässigung, die Fragen schmerzhaft aufwirft.
Geschichten

den folgenden Wochen hörte sie nichts mehr von Stefan Braun. Kein Anruf, keine Nachricht, kein Versuch, die Kinder zu sehen. Es war, als hätte er einen Schalter umgelegt und sein früheres Leben stummgeschaltet.

Emilia Peters wählte mehrmals seine Nummer. Jedes Mal wurde sie weggedrückt – genauso wie an jenem Tag zuvor. Nach einigen vergeblichen Versuchen gab sie es auf. Sie sagte nichts dazu, doch ihre stille Entschlossenheit sprach Bände.

Am zwanzigsten Februar wurde die kleine Einzimmerwohnung frei, die Julia Gross seit drei Jahren vermietet hatte. Sie hatte sie lange vor der Ehe gekauft, von dem Geld aus dem Verkauf der elterlichen Wohnung. Damals war es eine vernünftige Investition gewesen – nun wurde sie zum Rettungsanker.

Mit zwei Koffern, ein paar Kartons und den Kindern zog Julia dort ein. Für Lena Hartmann war der Wechsel schwerer, als Julia erwartet hatte. Das Mädchen fragte immer wieder nach seinem Vater, wollte wissen, warum sie nicht mehr gemeinsam wohnten, bat darum, ihn anzurufen.

Julia suchte nach behutsamen Worten, die ein fünfjähriges Kind begreifen konnte. Sie erklärte, dass Papa jetzt an einem anderen Ort lebe, dass Erwachsene manchmal getrennte Wege gingen. Emilia stand meist daneben, schwieg und hörte zu. Ihr Blick war ernst; sie verstand weit mehr, als sie zeigte.

Etwas mehr als einen Monat später war die Scheidung offiziell. Die Vermögensaufteilung zog sich weitere acht Wochen hin.

Julia bot an, Stefans Anteil an der gemeinsamen Wohnung zu übernehmen. Sie nahm einen Bankkredit auf, legte ihre Ersparnisse dazu und hatte Anfang April die erforderliche Summe beisammen. Es fehlte nur noch die formelle Umschreibung.

Sie trafen sich im Bürgeramt in Düsseldorf, in einem hellen Saal mit Wartemarken und nüchternen Kunststoffstühlen. Da sie niemanden für die Kinder hatte, brachte Julia beide mit. Emilia setzte sich ans Fenster, schlug ihre Schulbücher auf und lernte für eine anstehende Klassenarbeit. Lena kritzelte in ein Notizheft, das Julia vorsorglich immer in ihrer Tasche mitführte.

Stefan erschien allein. Wortlos nahm er Julia gegenüber Platz und begann, die vorbereiteten Unterlagen zu unterschreiben, ohne auch nur einen Blick zu den Mädchen zu werfen.

Die Sachbearbeiterin erklärte sachlich die einzelnen Schritte, deutete auf Zeilen, Daten, Unterschriftenfelder. Julia beobachtete Stefans Hände, seine vertraute Handschrift – und den Ehering, den er noch immer trug. Ein Detail, das sie mehr irritierte, als sie erwartet hatte.

Nach etwa dreißig Minuten war alles erledigt. Die Beamtin bestätigte, dass der Betrag auf Stefans Konto überwiesen worden sei und die Eigentumsänderung nun registriert werde.

Stefan nickte knapp, schob den Stuhl zurück und ging Richtung Ausgang.

Lena hob zufällig den Kopf, sah ihn – und sprang auf. Mit ausgestreckten Armen rannte sie quer durch den Saal.

„Papa!“, rief sie. „Warte!“

Für einen Augenblick blieb er stehen. Er drehte sich um und blickte auf das kleine Mädchen, das ihm entgegenlief – genauso wie früher, wenn er abends von der Arbeit nach Hause gekommen war.

Lena erreichte ihn, klammerte sich an seine Jacke. „Papa, heb mich hoch. Ich hab dich so vermisst.“

Er sah auf sie hinab. Sekunden verstrichen. Dann löste er ihre Finger einzeln von seinem Stoff, wandte sich ab und verließ den Raum.

Kein Wort. Kein Blick zurück.

Mitten im Saal blieb Lena stehen, die Arme noch halb erhoben, die Tür fixierend, die sich gerade geschlossen hatte. Zuerst war da nur Leere in ihrem Gesicht. Dann verzog es sich, und sie begann laut zu weinen – verzweifelt, hilflos, ohne zu begreifen, was geschehen war.

Julia war sofort bei ihr, hob sie hoch und drückte sie fest an sich. Sie strich ihr über das Haar, murmelte beruhigende Worte, die keinen Inhalt hatten außer Nähe.

Emilia trat dazu und legte ihrer Schwester schützend die Hand auf den Rücken. „Mama, lass uns gehen“, sagte sie leise.

Zu dritt verließen sie das Gebäude. Draußen fiel nasser, schwerer Schnee – der letzte dieses Winters.

Im Auto stellte Julia die Heizung höher, holte Taschentücher aus dem Handschuhfach und trocknete Lenas tränennasses Gesicht. Das Schluchzen wurde schwächer, nur noch vereinzelte Atemzüge bebten.

„Warum ist Papa weggegangen?“, fragte Lena heiser. „Hab ich etwas falsch gemacht?“

„Nein, mein Schatz. Du hast nichts falsch gemacht.“ Julia schluckte. „Papa… er konnte einfach nicht bleiben.“

„Liebt er uns nicht mehr?“

Auf diese Frage fand Julia keine ehrliche, kindgerechte Antwort. Sie küsste ihre Tochter auf die Stirn und schnallte sie an.

„Wir fahren nach Hause“, sagte sie schließlich. „Wir drei. Zusammen.“

Sie startete den Motor und lenkte vom Parkplatz auf die Straße. Vor ihr lag die Stadt, die Wohnung, die nun ganz ihr gehörte – und ein Leben, das neu geordnet werden musste.

Ohne Stefan Braun. Ohne Nora Schubert. Ohne siebzehn Jahre, die in einem einzigen Februartag zerfallen waren.

Im Rückspiegel sah sie, wie Lena den Kopf an Emilias Schulter legte und die Augen schloss. Emilia hielt ihre Schwester fest und blickte stumm aus dem Fenster.

Julia setzte den Blinker, ordnete sich in den Verkehr ein – und fuhr nach Hause.

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