Sie legte die Hand auf die Klinke, drückte sie hinunter und stieß die Schlafzimmertür auf.
Stefan Braun saß im Bademantel auf dem Bett, halb zurückgelehnt gegen die Kissen. Neben ihm hockte eine Frau – vielleicht Anfang dreißig, mit kurz geschnittenem dunklem Haar. Sie trug nichts außer einem seiner T‑Shirts.
Beide drehten gleichzeitig den Kopf zur Tür.
Ein paar Sekunden lang herrschte absolute Stille. Dann trat Julia Gross einen Schritt näher, ihr Blick ruhte kühl auf der Fremden.
„Verschwinde.“
Die Frau sprang auf, griff hastig nach ihrer Kleidung vom Stuhl und stolperte aus dem Raum. Man hörte, wie sie im Flur beinahe gegen die Garderobe stieß, hastig in ihre Schuhe fuhr und schließlich die Wohnungstür ins Schloss fiel.
Danach blieb nur noch Schweigen zurück.
Stefan machte keinerlei Anstalten aufzustehen. Er blieb sitzen, musterte seine Frau mit einem Ausdruck, der weder Reue noch Verlegenheit erkennen ließ.
„Du hast deine eigene Tochter auf den Treppenabsatz geschickt“, sagte Julia ruhig. „Ein fünfjähriges Kind. Nur dafür?“
„Sie ist nicht meine Tochter.“
„Ich habe dich nie betrogen. In siebzehn Jahren kein einziges Mal.“
Ein schiefes Lächeln huschte über sein Gesicht.
„Das behauptest du. Meine Mutter hat mir Fotos gezeigt. Sie hat Lena Hartmann mit unseren Verwandten verglichen, mit deinen auch. Da gibt es Unterschiede. Ich wollte es zuerst nicht sehen, aber dann habe ich selbst genauer hingeschaut. Andere Augen. Ein anderer Blick. Sie gehört nicht zu uns.“
„Wir machen einen DNA-Test“, entgegnete Julia sofort. „Morgen früh. Oder noch heute. Jede Klinik in Düsseldorf kann das veranlassen. In einer Woche hast du das Ergebnis schwarz auf weiß.“
„Unnötig. Ich vertraue meiner Mutter.“
„Mehr als mir?“
„Du hast mich belogen. Vielleicht ist Emilia Peters auch nicht von mir.“
In Julia breitete sich etwas Eiskaltes aus. Kein Schmerz, keine Wut – eher eine nüchterne Klarheit. Als würde sich ein Schleier heben.
Der Mann vor ihr war nicht mehr der, den sie geheiratet hatte. Dieser hier glaubte Gerüchten mehr als Tatsachen.
„Gut“, sagte sie leise. „Ich packe die Sachen der Kinder.“
Sie verließ das Schlafzimmer, ging ins Kinderzimmer und zog einen Koffer aus dem Schrank. Mechanisch legte sie Kleidung hinein, Schlafanzüge, Zahnbürsten, ein paar Lieblingsspielzeuge – alles, was die Mädchen in den nächsten Tagen brauchen würden.
Stefan erschien in der Tür, inzwischen angezogen, Jeans und Pullover. Er lehnte am Rahmen und sah schweigend zu.
Erst als Julia den Reißverschluss zuzog, sprach er.
„Wenn du einfach gehst, ohne dich zu verteidigen, bestätigt das nur, dass wir recht haben.“
Sie hob den Koffer an, warf ihre Handtasche über die Schulter und ging Richtung Flur.
„Die Unterlagen der Kinder liegen in der Schreibtischschublade“, rief er ihr nach. „Geburtsurkunden, Impfpässe. Nimm sie mit.“
Julia blieb stehen, zog die Schublade auf, nahm die Mappe heraus und verstaute sie sorgfältig in ihrer Tasche.
„Du wirst es bereuen“, fuhr Stefan fort. „Wenn alles ans Licht kommt und du nicht mehr ausweichen kannst, wirst du verstehen, wie falsch du liegst.“
Sie öffnete die Wohnungstür, drehte sich noch einmal um und sah ihn an – die verschränkten Arme, das selbstsichere Gesicht, die starre Haltung.
„Es ist längst alles ans Licht gekommen“, antwortete sie ruhig. „Ich habe heute mehr über dich erfahren als in den vergangenen siebzehn Jahren.“
Ohne ein weiteres Wort zog sie die Tür hinter sich zu – nicht laut, nicht demonstrativ. Der Aufzug brachte sie nach unten. Draußen verstaute sie den Koffer im Kofferraum, setzte sich ans Steuer.
Einige Minuten blieb sie reglos sitzen und blickte auf den vertrauten Innenhof, auf den Spielplatz, auf dem sie so viele Abende mit Lena verbracht hatte. Dann startete sie den Motor und fuhr los – zu ihrer Schwester.
Laura Peters hörte aufmerksam zu, ohne sie zu unterbrechen. Die Mädchen schliefen bereits im Gästezimmer, erschöpft von dem turbulenten Tag.
In der Küche erzählte Julia von dem Pelzmantel an der Garderobe, vom Lachen hinter der Schlafzimmertür, von Stefans Vorwürfen. Laura schenkte ihr Tee nach und schob ihr eine Dose mit Keksen hin.
„Wir müssen nur ein paar Tage irgendwo unterkommen“, sagte Julia. „Die Einzimmerwohnung, die ich vermiete, wird am Zwanzigsten frei. Die Mieter ziehen aus, dann können wir dorthin.“
„Bleibt hier, solange ihr wollt. Zwei Zimmer reichen uns. Das Sofa lässt sich ausziehen, wir finden Platz.“
„Danke.“ Julia schwieg einen Moment. „Ich werde die Scheidung einreichen.“
Laura nickte nur. Kein Rat, kein Einwand. Sie legte einfach ihre Hand auf Julias und drückte sie sanft.
„Morgen hat Daniel Meier Geburtstag“, murmelte Julia plötzlich. „Ich hatte versprochen, beim Kochen zu helfen.“
„Vergiss das Kochen. Das schaffe ich allein. Du hast jetzt Wichtigeres zu regeln.“
Die folgenden zwei Wochen verbrachte Julia in einem Zustand ständiger Aktivität.
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