„Sie saß im Treppenhaus. Ohne Jacke.“ rief Emilia panisch, Julia raste sofort zur Wohnung

Unfassbar traurige Vernachlässigung, die Fragen schmerzhaft aufwirft.
Geschichten

Vorsichtig hob Julia Gross die schlafende Emilia Peters aus dem Wagen. Sie achtete darauf, jede ruckartige Bewegung zu vermeiden, damit das Kind nicht aufwachte. Lena Hartmann folgte ihr dichtauf und hielt die Decke fest, die sonst vom kleinen Körper gerutscht wäre.

Nora Schubert öffnete nach dem Klingeln. Ihr Blick streifte zunächst Julias Gesicht, glitt dann zu Lena und blieb schließlich an der Jüngsten hängen. Die Züge der Großmutter verhärteten sich sichtbar: Die Mundwinkel sanken herab, zwischen ihren Brauen bildete sich eine tiefe Falte.

„Lena, komm herein“, sagte sie knapp und trat einen Schritt zur Seite, um der älteren Enkelin Platz zu machen. „Aber das andere Kind nehme ich nicht ins Haus.“

Julia blinzelte irritiert. Für einen Moment war sie überzeugt, sich verhört zu haben. Sie wartete auf eine Erklärung, irgendeine Relativierung – doch nichts folgte.

Nora Schubert blieb unbeweglich im Türrahmen stehen und musterte Emilia mit einem Ausdruck, als sähe sie ein fremdes Kind.

„Entschuldigung?“, brachte Julia schließlich hervor. „Was genau meinen Sie?“

„Du hast mich verstanden“, erwiderte die Schwiegermutter scharf. „Die Kleine kommt hier nicht rein. Ihr richtiger Vater soll sich um sie kümmern. Mein Sohn wird das jedenfalls nicht mehr tun.“

Von den erhobenen Stimmen geweckt, regte sich Emilia. Sie hob den Kopf von Julias Schulter, entdeckte ihre Großmutter und streckte ihr wie so oft die Arme entgegen.

Nora Schubert wandte sich demonstrativ ab.

Julias Kehle schnürte sich zu. „Ich weiß nicht, wovon Sie sprechen. Emilia ist Stefans Tochter. Unsere Tochter.“

„Hör auf mit diesen Märchen!“ Die Stimme der Schwiegermutter wurde lauter. „Ich hatte schon lange ein Gefühl. Gestern Abend habe ich mir alte Fotos angesehen und plötzlich war alles klar. Diese Augen – völlig anders. Die Nase stammt nicht aus unserer Familie, das Kinn auch nicht.“

Sie verschränkte die Arme. „Ich habe mit Stefan gesprochen. Er sieht es genauso.“

Emilia begann zu weinen. Sie verstand die Worte nicht, wohl aber den Tonfall und das abweisende Gesicht.

Julia drückte sie enger an sich. „Sie irren sich. Emilia ähnelt meiner Großmutter mütterlicherseits. Erinnern Sie sich an das Fotoalbum, das ich zu ihrem zweiten Geburtstag mitgebracht habe? Sie selbst sagten damals, man könne die Ähnlichkeit deutlich erkennen.“

„Damals habe ich mich getäuscht“, entgegnete Nora kühl. „Jetzt sehe ich genauer hin.“

Lena, die bereits über der Schwelle stand, drehte sich empört um. „Oma, das stimmt doch gar nicht!“

„Liebes, du bist noch zu jung, um so etwas zu begreifen“, erwiderte die Großmutter in belehrendem Ton. „Erwachsene machen Fehler, für die sie sich später schämen. Deine Mutter hat einen gemacht, und dein Vater leidet darunter. Komm herein, wir reden in Ruhe.“

Julia verlagerte Emilia auf den anderen Arm, damit sie eine Hand frei hatte, griff nach Lenas Fingern und sagte fest: „Wir gehen.“

Ohne ein weiteres Wort wandte sie sich ab und steuerte zurück zum Auto. Hinter ihr rief Nora noch etwas von Wahrheit, die ohnehin ans Licht komme, doch Julia blieb nicht stehen.

Sie setzte die Mädchen auf die Rückbank, schnallte sie an und startete den Motor. Beim Herausfahren aus der Einfahrt fügte sich das Bild allmählich zusammen: Nora hatte Stefan bearbeitet, ihm ihre absurden Vermutungen eingeredet – und er hatte ihr geglaubt.

Anstatt nach Hause zu fahren, lenkte Julia den Wagen wieder zu ihrer Schwester Laura Peters. Als Laura die Tür öffnete und Julias Gesicht sah, stellte sie keine Fragen – zumindest nicht vor den Kindern.

Sie nahm Emilia mit ins Wohnzimmer, setzte sie aufs Sofa, schaltete Zeichentrickfilme ein und brachte warmen Kakao. Lena kuschelte sich schützend neben ihre Schwester.

Erst dann kehrte Laura in die Küche zurück. Julia saß am Tisch und starrte reglos vor sich hin.

„Also?“, fragte Laura leise.

Julia erzählte alles – vom Anruf am Morgen bis zu den Worten vor der Haustür. Laura hörte schweigend zu, schüttelte zwischendurch den Kopf und stellte schließlich eine Tasse heißen Tee vor sie.

„Was hast du jetzt vor?“

„Ich fahre nach Hause“, antwortete Julia nach kurzem Zögern. „Ich rede mit ihm. Ich erkläre ihm alles.“

Sie atmete tief durch. „Wenn es sein muss, machen wir einen DNA-Test. Dann sind alle Zweifel endgültig beseitigt. Und ich zeige ihm noch einmal die Fotos meiner Großmutter. Die Ähnlichkeit ist unverkennbar.“

Nachdem sie die Kinder bei Laura gelassen hatte, machte sie sich auf den Weg. Während der Fahrt formulierte sie im Kopf Sätze, verwarf sie wieder, suchte nach Worten, die Stefan erreichen könnten.

Vor dem Wohnhaus angekommen, parkte sie, nahm den Aufzug und blieb einen Moment vor der Tür stehen. Mit zitternden Fingern steckte sie den Schlüssel zuerst ins obere Schloss. Ein leises Klicken – offen. Dann das untere. Auch dort gab der Mechanismus nach.

Julia trat in die dunkle Diele, tastete nach dem Lichtschalter und schaltete die Beleuchtung ein.

Neben Stefans Jacke hing ein fremder Pelzmantel. Darunter standen elegante Damenschuhe mit hohen Absätzen, klein – vielleicht Größe sechsunddreißig.

Aus dem Schlafzimmer drangen Stimmen. Stefans Tonfall war gedämpft, weich, beinahe zärtlich – so hatte er früher mit Julia gesprochen. Eine Frauenstimme antwortete mit einem leisen Lachen.

Julia ging den Flur entlang und blieb vor der Schlafzimmertür stehen.

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