Julia Gross knetete gerade den Teig, als das Handy auf der Arbeitsplatte vibrierte. Sie wischte sich die Hände am Küchentuch ab und warf einen Blick auf das Display. Der Name ihrer älteren Tochter leuchtete auf.
Emilia Peters rief um diese Uhrzeit so gut wie nie an – normalerweise schrieb sie kurze Nachrichten. Allein deshalb nahm Julia sofort ab.
„Mama, ich bin vom Supermarkt zurückgekommen und habe Lena Hartmann vor unserer Wohnungstür gefunden. Sie saß im Treppenhaus. Ohne Jacke.“
Emilias Stimme klang gepresst. „Ich habe bei Papa geklingelt und geklopft. Er macht nicht auf.“
Julia runzelte die Stirn. Die Worte ergaben keinen Sinn. Lena war erst fünf Jahre alt. Im Winter sank die Temperatur im Hausflur oft bis nahe an den Gefrierpunkt. Und Stefan Braun hatte heute frei, er war zu Hause geblieben. Warum also blieb die Tür verschlossen?

„Wickel sie in deinen Schal und wartet unten. Ich fahre sofort los“, sagte Julia knapp.
Sie warf die Schürze über die Stuhllehne und griff nach ihrer Handtasche mit dem Autoschlüssel. Aus dem Wohnzimmer trat ihre Schwester Laura Peters, die bereits Teller für die morgige Geburtstagsfeier ihres Mannes sortierte.
„Was ist passiert?“
„Ich weiß es noch nicht. Irgendetwas stimmt mit den Kindern nicht. Ich melde mich.“
Ohne auf den Aufzug zu warten, rannte Julia die Treppen hinunter und zog sich im Laufen die Daunenjacke zu. Noch vor Sonnenaufgang, gegen halb sieben, war sie zu Laura gefahren, um vor dem Berufsverkehr da zu sein und beim Kochen zu helfen. Nun musste sie quer durch Düsseldorf zurück, und die morgendlichen Staus begannen sich bereits zu bilden.
Während sie am Steuer saß, suchte sie fieberhaft nach einer Erklärung. Vielleicht war Stefan wieder eingeschlafen, nachdem sie gegangen war. Vielleicht stand er unter der Dusche und hörte weder Klingeln noch Klopfen.
Sie hielt direkt vor dem Hauseingang, ohne sich um Parkregeln zu kümmern, tippte hastig den Code ein und stürmte ins Treppenhaus. Auf den Aufzug wollte sie nicht warten; sie nahm zwei Stufen auf einmal.
Im siebten Stock bot sich ihr ein Bild, das ihr den Atem nahm. Emilia hockte neben ihrer kleinen Schwester, hatte sie in ihren Schal gewickelt und die geöffnete Jacke zusätzlich um das Kind gelegt. Lena weinte nicht – sie sah ihre Mutter nur mit großen, trockenen Augen an, in denen Angst stand.
„Saß sie die ganze Zeit hier?“ Julia ging in die Knie und umfasste Lenas Hände. Die Finger waren eiskalt.
„Ja. Ich habe bestimmt zehn Minuten lang geklingelt. Geklopft. Gerufen. Niemand hat geöffnet.“
Julia erhob sich, zog ihren Schlüsselbund hervor und schob den Schlüssel in das obere Schloss. Es klickte, doch als sie gegen die Tür drückte, bewegte sie sich keinen Zentimeter. Von innen war abgeschlossen.
Sie presste den Finger auf die Klingel und ließ nicht los. Das schrille Geräusch hallte durch das Treppenhaus; irgendwo hinter einer Wand begann ein Hund zu bellen. Eine volle Minute lang hielt sie den Knopf gedrückt. Dann legte sie das Ohr an das Holz. Stille. Kein Schritt, kein Rascheln, kein Fernseher.
„Stefan!“ Mit der Faust hämmerte sie gegen die Tür. „Mach auf! Ich weiß, dass du da bist!“
Keine Reaktion.
Julia drehte sich zu ihren Töchtern um. Lena begann nun doch zu zittern – vor Kälte oder vor Furcht, das konnte man nicht sagen.
„Wir bleiben hier nicht länger. Kommt. Wir fahren zu Oma.“
Sie hob die Kleine auf den Arm, Emilia folgte ihr schweigend. Unten im Wagen stellte Julia die Heizung auf höchste Stufe und richtete die Lüftung nach hinten. Emilia holte die Decke aus dem Kofferraum, die ihre Mutter für längere Fahrten dabeihatte, und deckte ihre Schwester sorgfältig zu.
Auf dem Weg nach Düsseldorf versuchte Julia immer wieder, Stefan anzurufen. Sein Handy war eingeschaltet, doch nach dem ersten Klingeln wurde jeder Anruf weggedrückt. Er sah also, wer ihn kontaktierte – und entschied sich bewusst dagegen, abzunehmen. Julia verstand nichts mehr.
Als sie um fünf Uhr morgens das Haus verlassen hatte, hatte Stefan noch geschlafen. Es war alles wie immer gewesen. Kein Streit am Vorabend, keine schweren Gespräche. Vor dem Einschlafen hatte er sie geküsst und versichert, er kümmere sich um die Mädchen, während sie ihrer Schwester half.
Stefans Mutter, Nora Schubert, wohnte in einer alten Zweizimmerwohnung im Erdgeschoss. Sie strickte Socken für ihre Enkelinnen, buk an Feiertagen Kuchen und hatte auf Emilia aufgepasst, als Julia nach der Elternzeit wieder arbeiten gegangen war. Ihr Verhältnis war respektvoll, so gut es eben zwischen Schwiegertochter und Schwiegermutter sein konnte. Julia plante, die Kinder dort in Sicherheit zu wissen und anschließend zurückzufahren, um endlich zu klären, was hinter der verschlossenen Tür geschehen war.
Die Wärme im Auto zeigte Wirkung. Erschöpft von der Kälte und der Aufregung schlief Lena auf dem Rücksitz ein, kaum zehn Minuten bevor sie ankamen, während Julia mit wachsender Unruhe auf das Haus ihrer Schwiegermutter zufuhr.
