Er wurde kalkweiß.
Ohne Hast griff ich nach meinen Schlüsseln, die noch neben dem Brotkorb lagen, ließ sie in meine Handtasche gleiten und zog den Reißverschluss zu. Jede Bewegung saß, ruhig und überlegt – als würde ich mich für einen ganz gewöhnlichen Arbeitstag fertig machen.
„Meine Sachen hole ich morgen“, sagte ich sachlich. „Laura Möller fährt mich, sie hat ein Auto. Danke übrigens für das Essen. Das Hähnchen war tatsächlich gelungen.“
Dann ging ich hinaus in den Flur, streifte meine Jacke über und schob die Arme in die Ärmel. Zu meiner eigenen Überraschung zitterten meine Hände nicht. Dabei fühlte es sich in mir an, als stünden sämtliche Leitungen unter Strom.
Hinter mir erhoben sich Stimmen. Wilma Sommer redete scharf auf Sebastian Walter ein. Konrad Richter fragte leise: „Wusstest du das wirklich nicht?“ Aus der Küche klirrte Geschirr – Antonia Klein räumte hektisch ab.
Ich zog die Wohnungstür hinter mir zu.
Im Treppenhaus herrschte Stille. Es roch nach feuchtem Putz und alter Farbe. Ich blieb stehen und atmete ein, langsam, bewusst. Anderthalb Jahre lang hatte ich mir ausgemalt, wie ich diesen Schritt gehen würde. Nun war er Realität.
Plötzlich wurden meine Beine weich. Ich setzte mich auf die Stufe. Die Kälte des Betons drang durch den Stoff meiner Jeans. Die Tasche lag schwer auf meinen Knien – darin die Schlüssel zu meiner Wohnung. Meiner eigenen.
Ich nahm das Handy heraus und rief Laura an.
„Ich bin draußen.“
„Bin unterwegs“, sagte sie nur und legte auf.
Also wartete ich. Unten fiel die Haustür ins Schloss – ein Nachbar kam oder ging. Von oben kam nichts. Niemand lief mir hinterher. Niemand rief meinen Namen.
Und genau so sollte es sein.
Zwanzig Minuten später hielt Laura vor dem Haus. Wortlos öffnete sie die Beifahrertür. Ich stieg ein, klickte den Gurt fest. Als sie mich ansah, bemerkte ich ihre geröteten Augen.
„Was ist los?“ fragte ich.
„Nichts. Wir fahren.“
Die Stadt glitt im Abendlicht an uns vorbei. Laternen sprangen an, Schaufenster spiegelten sich im Asphalt. Morgen würde ich in einer leeren Wohnung aufwachen – ohne Vorhänge, ohne Möbel, nur mit einer Matratze auf dem Boden. Doch es war mein Raum. Mit einem Schlüssel, den mir niemand mehr abnehmen konnte.
Bis wir ankamen, schwieg Laura. Erst als ich ausstieg und erneut nach meinen Schlüsseln griff, sagte sie: „Ruf an, wenn irgendwas ist. Auch um drei Uhr nachts.“
„Mach ich.“
Im achten Stock schloss ich auf. Ein kahler Raum empfing mich. Eine nackte Glühbirne hing von der Decke, es roch nach frischem Putz und Staub. Ich stellte die Tasche ab und sah auf mein Display: achtzehn verpasste Anrufe von Sebastian Walter. Drei Sprachnachrichten. Zwei Nachrichten von Wilma Sommer – „Schamlos“ und „Gib das Geld zurück“.
Ich schaltete das Telefon aus.
Dann setzte ich mich auf das Fensterbrett. Draußen funkelten Lichter, Autos zogen wie leuchtende Fäden durch die Straßen. Die Stadt lebte weiter. Und ich saß in meiner eigenen Wohnung und spürte, wie sich etwas Schweres von meinen Schultern löste – neun Jahre Ballast, der langsam abrutschte. Keine Euphorie, kein Triumph. Nur Luft. Als hätte jemand in einem lange verschlossenen Zimmer endlich das Fenster geöffnet.
Zwei Monate sind seitdem vergangen. Ich wohne jetzt in der Jugendstraße. Vorhänge hängen, ein kleiner Tisch steht am Fenster. Lauras Kater Oskar ist bei mir eingezogen – sie meinte, bei mir habe er mehr Platz.
Sebastian ruft noch immer an. Jede Woche. Stefanie Stein wollte ihn nicht – offenbar gefiel er ihr besser als verheirateter Mann mit gesichertem Einkommen denn als Geschiedener ohne Perspektive. Nun sitzt er allein in unserer alten Wohnung und bittet um ein „ruhiges Gespräch“. Ich gehe nicht ran.
Wilma Sommer erzählt im Bekanntenkreis, ich hätte „ihren Sohn ausgenommen und sei geflohen“. Konrad Richter grüßt mich weiterhin, Antonia schrieb mir einmal: „Du bist stark. Ich hätte diesen Mut nicht.“
Die Familie ist gespalten. Mathilda Schubert, eine Freundin meiner Mutter, erklärte, anständige Frauen verschwänden nicht heimlich wie Diebinnen. Laura konterte trocken, anständige Ehemänner würden sich keine Stefanie Stein zulegen.
Ich zahle meine Hypothek – dreiundzwanzigtausend Euro im Monat. Mit einem Nebenjob komme ich zurecht. Es ist kein Luxusleben. Aber es gehört mir.
Und jetzt frage ich mich: War es falsch, anderthalb Jahre im Stillen Geld zurückzulegen? Hätte ich sofort gehen sollen – ohne Sicherheitsnetz, ohne Plan B, ohne all das?
