Der Geruch von frischer Farbe hing noch in der Luft.
„Nehmen Sie sie?“, fragte die Maklerin schließlich.
„Ja“, antwortete ich ohne Zögern.
Am Abend kam Sebastian Walter erst gegen zehn nach Hause. Ein süßliches, schweres Parfum umwehte ihn – eindeutig nicht meines. Ich schwieg. Spülte das Geschirr. Ging ins Bett.
Auf meinem Konto lagen 893.000 Euro. Bis zum Einzug würden noch zwei Monate vergehen – der Notartermin mit dem Bauträger stand noch aus. Ich strich jeden Tag im Kalender durch.
Am darauffolgenden Samstag tauchten sie auf. Seine Mutter, Wilma Sommer. Sein Bruder Konrad Richter mit Ehefrau Antonia Klein. „Familienessen“, hatte Sebastian zwei Stunden vorher angekündigt. „Meine Mutter kommt. Mach bitte was Anständiges.“
Also kochte ich. Salat, Ofenhähnchen, Kartoffeln. Zwei Stunden stand ich in der Küche. Der Tisch für sechs gedeckt. Wie immer.
Wilma ließ sich auf ihren Stammplatz am Fenster nieder, kerzengerade wie eine Feldherrin. Konrad stocherte im Salat herum. Antonia lächelte verhalten.
Die erste Stunde verlief ruhig. Sebastian machte Witze, schenkte Wein nach, lachte lauter als nötig. Zu laut. Ich kannte diesen Klang – er kündigte etwas an.
Nach dem zweiten Glas erhob er sich.
„Also, Familie. Es gibt Neuigkeiten.“
Wilma hob den Kopf. Konrad legte die Gabel ab.
„Ich trenne mich von Julia.“
Stille. Antonias Besteck klirrte auf den Teller.
„Ich habe eine richtige Frau kennengelernt. Stefanie Stein. Wir arbeiten zusammen. Es ist ernst. Eigentlich war es längst überfällig – ihr seht ja selbst, wie das hier läuft.“
Mit einer vagen Handbewegung deutete er in den Raum. Unsere Wohnung. Seine Wohnung. Der Ort, an dem ich neun Jahre Böden geschrubbt, Suppen gekocht, seine spitzen Bemerkungen geschluckt und seine Hemden gewaschen hatte.
Wilma musterte mich. Kein Mitgefühl in ihrem Blick. Nur Bewertung – als wolle sie prüfen, ob ich gleich in Tränen ausbreche.
Konrad räusperte sich. „Sebastian, vielleicht nicht gerade am Tisch?“
„Warum nicht? Ist doch alles klar. Julia wusste, dass es darauf hinausläuft. Wo sollte sie schon hin? Sie bleibt noch ein bisschen, denkt nach, dann regeln wir das friedlich.“
Wo sollte sie schon hin. Genau diesen Satz hatte ich in seinem Chat mit Stefanie gelesen. Und nun sprach er ihn laut aus. Vor allen.
Ich saß ihm gegenüber, den Rücken gerade, die Hände gefaltet. Meine Nägel bohrten sich in die Handflächen. Der Schmerz half. Er hielt die Tränen zurück.
Meine Tasche stand im Flur. Darin ein Schlüsselbund. Zwei Schlüssel an einem Ring mit kleinem Anhänger: Wohnung Nummer 83. Meine Wohnung. Die Verträge waren vor einer Woche unterschrieben.
Ich erhob mich, ging hinaus, nahm die Tasche und kam zurück. Vier Paar Augen folgten mir, als säßen sie im Theater.
Ich legte die Schlüssel neben die Salatschüssel.
„Das sind die Schlüssel zu meiner Wohnung“, sagte ich ruhig. „Ein Apartment in der Lindenstraße. Auf meinen Namen eingetragen. Kredit bewilligt, Anzahlung geleistet. Anderthalb Jahre habe ich gespart.“
Sebastian starrte erst auf das Metall, dann auf mich. „Was soll das heißen?“
„Ich bin dir längst zuvor gekommen. Anderthalb Jahre früher. Du hast es nur nicht bemerkt.“
Wilmas Mund öffnete sich, schloss sich wieder. Konrad schob seinen Teller beiseite. Antonia sah aus, als hätte man ihr den Boden unter den Füßen weggezogen.
„Das ist gelogen“, presste Sebastian hervor.
„1.140.000 Euro“, erwiderte ich. „Auf einem separaten Konto. Aus Prämien, Nebenjobs, aus dem, was ich beim Einkaufen gespart habe. Erinnerst du dich, wie oft es Hähnchen statt Rind gab? Anderthalb Jahre lang.“
„Das ist Familiengeld!“, fauchte Wilma und tippte mit dem Finger auf die Tischplatte.
„Mein Gehalt. Meine Bonuszahlungen. Meine Zusatzarbeit. Sebastian hat in derselben Zeit für seine Garage und seine sogenannten Angeltouren mehr ausgegeben, als ich zurückgelegt habe.“
Er stand noch immer. Das Gesicht gerötet, Schweiß glänzte auf seiner Stirn. Seine Finger schnippten unruhig – eine alte Angewohnheit, wenn er nervös wurde.
„Du hast mich anderthalb Jahre lang belogen?“
Ich hielt seinem Blick stand.
„Und du? Wie lange hast du mich hintergangen? Acht Monate Nachrichten an Stefanie? ‚Sie wird sowieso nirgendwo hingehen, das weiß sie selbst‘ – kommt dir das bekannt vor? Vierzehnter Oktober, halb elf abends. Ich erinnere mich genau.“
