„Wohin denn? Zu dir in die Zwei-Zimmer-Wohnung – mit Emma und dem Kater?“
Laura schwieg. Sie verstand sofort, was ich meinte. Ich war sechsundvierzig, besaß keine eigene Immobilie, die Wohnung meiner Eltern war längst verkauft, mein Anteil war damals für die Behandlung meiner Mutter draufgegangen. Einfach gehen hätte bedeutet: ein möbliertes Zimmer zur Miete, 4.800 Euro Monatsgehalt, keine Rücklagen. Sebastian wusste das. Und ich ebenso.
„Dann leg Geld zur Seite“, sagte Laura schließlich leise. „Aber sei vorsichtig.“
Vier Wochen später standen 27.000 Euro auf meinem Konto. Jeden Abend schloss ich mich im Bad ein, ließ das Wasser laufen und öffnete die Banking-App. Ich starrte auf die Zahlen, als müsste ich mich vergewissern, dass sie wirklich existierten. Danach schlief ich ein wenig ruhiger.
Sebastian kam unterdessen immer später heim. Mittwochs hatte er plötzlich „Strategierunden“, freitags „Arbeit in der Werkstatt“. Manchmal verschwand er samstags zum „Angeln“. Die Angelruten im Kofferraum allerdings lagen seit Monaten unberührt im Staub.
Eines Abends ließ er sein Handy auf dem Küchentisch liegen und ging duschen.
Ich hatte nicht vor, es anzufassen. Wirklich nicht. Ich goss mir gerade Tee ein, als das Display aufleuchtete. Eine Nachricht von „Stefanie Arb.“ erschien: „Ich vermisse dich. Wie lange noch?“
Meine Hände begannen zu zittern. Ein Schwall Tee schwappte über den Rand der Tasse und verbrühte mein Handgelenk. Ich zog es nicht einmal zurück. Stand nur da und starrte auf den hellen Bildschirm, bis er wieder dunkel wurde.
Dann nahm ich das Telefon doch in die Hand. Der Code war 1987 – sein Geburtsjahr. Neun Jahre Ehe, und er hatte das Passwort nie geändert.
Der Chatverlauf war endlos. Ich scrollte hastig, mein Puls schlug hart gegen die Rippen. Keine Angst – eher ein dumpfer Druck, als läge ein schwerer Stein in meinem Bauch.
Stefanie. Kollegin aus der Nachbarabteilung. Vierundvierzig, geschieden, Eigentumswohnung in einem Neubaugebiet.
„Nach Neujahr rede ich mit ihr und gehe.“
„Sie wird nirgendwohin verschwinden, das weiß sie selbst.“
„Sie hat doch nichts Eigenes. Sie bleibt still.“
Ich legte das Handy exakt dorthin zurück, wo es gelegen hatte. Mit dem Display nach oben.
Sebastian kam aus dem Bad, griff nach dem Telefon und steckte es in die Hosentasche. Sein Blick streifte mich.
„Ist der Tee noch heiß?“
„Geht.“
Er setzte sich, nahm einen Schluck. Ruhig, selbstsicher – wie jemand, der seine Zukunft längst geplant hat. Der überzeugt ist, dass seine Frau ohnehin bleibt.
Auf meinem Konto standen zu diesem Zeitpunkt 380.000 Euro.
In jener Nacht lag ich wach und sah zur Decke. Neben mir schnarchte Sebastian. Ich dachte nicht an Stefanie. Nicht an die Nachrichten. Ich rechnete. 380.000 Euro waren ein Anfang, aber für die Anzahlung einer kleinen Eigentumswohnung in unserer Stadt brauchte man mindestens 480.000, besser mehr.
Also musste zusätzliches Geld her.
In der darauffolgenden Woche sprach ich mit Charlotte Meier aus dem Nachbarbüro. Sie suchte eine Buchhalterin in Teilzeit, abends im Homeoffice. 1.500 Euro monatlich. Sebastian erzählte ich, ich müsse öfter länger arbeiten. Er fragte nicht nach. Es interessierte ihn schlicht nicht.
1.500 extra. Etwa 1.000 Euro konnte ich vom Hauptjob zurücklegen. Dazu konsequentes Sparen. Nach vier Monaten hatte ich 712.000 Euro beisammen.
Mitten in der Nacht füllte ich online den Antrag für einen Immobilienkredit aus. Zwei Einkommensnachweise, beide Jobs angegeben, Förderprogramm für Menschen ohne Wohneigentum ausgewählt.
Die Zusage kam an einem Donnerstag. Ich saß in der Küche vor einer kalt gewordenen Tasse Tee und las die SMS dreimal. „Ihr Antrag wurde genehmigt. Kreditsumme: 320.000 €. Eigenkapital: ab 15 %. Laufzeit: bis zu 25 Jahre.“
Fünfzehn Prozent entsprachen 48.000 Euro. Ich hatte 71.200 zur Verfügung – ausreichend Spielraum.
Eine Woche später besichtigte ich die Wohnung. Ein Appartement im achten Stock, sechsunddreißig Quadratmeter. Ein großes Fenster nach Osten – morgens würde die Sonne hereinscheinen. Die Küche war klein, doch für mich allein völlig ausreichend.
Die Maklerin führte mich durch die Räume. Ich strich mit der Hand über die Wände – glatt verputzt, frisch gestrichen. Es roch nach Farbe und etwas Unberührtem.
