Was folgte, hatte tatsächlich etwas von einer Inszenierung.
Maria Böhm schlüpfte an der Wohnungstür in ihren Mantel, langsam, mit bedeutungsschweren Pausen, als stünde sie auf einer Bühne des Stadttheaters und warte auf den Einsatz des Lichts.
— Damit habe ich nicht gerechnet, — sagte sie schließlich, ohne Sophia anzusehen. — Wirklich nicht. Ich hielt dich für zugänglicher.
— Und ich Sie für direkter, — entgegnete Sophia gelassen. — Offenbar haben wir beide falsche Annahmen getroffen. Kommt vor.
Kaum war die Tür hinter Maria Böhm ins Schloss gefallen, wirbelte Andreas Hermann herum.
— Sag mal, geht’s noch?
— Das könntest du auch dich selbst fragen.
— Warum musstest du meine Mutter so bloßstellen?
— Ich? — Ein schiefes Lächeln huschte über Sophias Gesicht. — Nein, Andreas. Ich habe lediglich abgelehnt, einen hübsch verpackten Wink mit dem Portemonnaie zu quittieren.
— Es ging doch nur um Hilfe! — Seine Stimme wurde lauter. — Sie steckt wirklich in Schwierigkeiten!
— Dann unterstütz sie.
— Mir fehlt das Geld!
— Und mir hat es vor drei Jahren einfach so gereicht? Ich habe abends Übersetzungen angenommen, um meiner Mutter etwas überweisen zu können. Und ich habe dir kein Drama mit Porzellan und Lebensphilosophie geliefert.
Er trat einen Schritt auf sie zu.
— Deine Mutter nimmt dich dauernd in Anspruch.
— Ach, und deine lebt von Luft und edler Entsagung? — Sophias Lachen klang hart. — Hör auf. Der Unterschied liegt nicht bei unseren Müttern, sondern bei dir. Wenn es darum geht, von mir zu nehmen, predigst du Gemeinschaft. Wenn ich etwas brauche, entdeckst du plötzlich das Prinzip der Eigenverantwortung.
— Jetzt reicht’s! — Er schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. — Seit du mehr verdienst, hältst du dich wohl für allwissend.
— Nein. Ich habe nur aufgehört, den Mund zu halten.
— Mit deinem Charakter will dich doch keiner! — platzte es aus ihm heraus. — Glaubst du, nur weil dein Gehalt höher ist, bist du hier die Königin? Ohne mich wärst du immer noch in deinem kleinen Buchhalterinnen-Loch!
Sophia erstarrte.
— Wiederhol das.
— Was denn? — Er war längst in Fahrt. — Du bist überheblich geworden. Deine Mutter fährt dich, jetzt willst du mich auch noch erziehen. Vergiss es. In diesem Haus bin ich der Mann.
— In diesem Haus, — sagte sie ruhig und deutlich, — wohnst du in einer Wohnung, die ich lange vor unserer Hochzeit gekauft habe. Verwechsle bitte die Rolle des Ehemanns nicht mit Eigentumsrechten. Das sind unterschiedliche Kategorien.
Einen Moment stockte er, doch statt nachzugeben, wurde er nur noch lauter.
— Immer kommst du mit deinen Paragraphen! Familie hat nichts mit Papieren zu tun!
— Wenn es dir passt, nicht. Wenn es dir nützt, dann plötzlich doch.
— Du bist kleinlich! — schrie er beinahe. — Du rechnest jeden Cent!
— Wirklich? — Sie trat näher. — Ich war es nicht, die jahrelang betonte, dass man „für fremde Verwandte“ nicht aufkommt. Ich war es nicht, die gestern eine halbe Stunde erklärte, neue Kopfhörer seien dringend nötig, weil die alten angeblich das Selbstwertgefühl beschädigen. Und ich war es nicht, die heute mit Verstärkung anrückte, um mich elegant zur Kasse zu bitten.
Er packte sie am Arm.
— So redest du nicht mit mir!
— Lass mich los, — sagte Sophia leise.
— Dann ändere deinen Ton.
— Nimm. Die. Hand. Weg.
Sein Griff wurde fester. Kein Schlag, keine offene Gewalt — aber dieses selbstverständliche „Jetzt brems ich dich mal“ traf sie wie eine Ohrfeige. Nicht Schmerz, eher Demütigung. Als hätte er stillschweigend festgelegt, wie weit man mit ihr gehen durfte.
Sie riss sich los.
— Schluss, — sagte sie.
— Wie bitte?
— Das war’s. Das Gespräch ist beendet.
Sie ging ins Schlafzimmer, öffnete den Schrank und zog eine Sporttasche heraus.
— Was soll das jetzt? — fragte Andreas irritiert und folgte ihr.
— Ich packe deine Sachen.
— Hör auf mit dem Theater.
— Das Theater fand eben in der Küche statt. Mit Pasteten und dem Slogan „In einer Familie gehört alles allen“.
Sie warf T-Shirts, Jeans, Rasierer, Ladegerät und Socken in die Tasche. Andreas stand mitten im Raum, sein Gesicht wurde zusehends blasser.
— Du kannst mich nicht einfach rauswerfen.
— Doch. Und erstaunlich ruhig sogar.
— Wir sind verheiratet!
— Noch.
— Also geht es doch ums Geld? — fauchte er. — Das bisschen Erfolg ist dir zu Kopf gestiegen.
Sophia zog den Reißverschluss zu.
— Nein, Andreas. Nicht das Geld. Die Klarheit. Das ist ein Unterschied. Das Geld hat nur die Schminke entfernt.
— Du wirst das bereuen! — brach es aus ihm heraus. — Wer will dich denn? Geschieden, Ende dreißig, mit Ansprüchen und einer Mutter im Schlepptau!
Ihr Blick brachte ihn dazu, unwillkürlich einen Schritt zurückzuweichen.
— Erstens bin ich achtunddreißig, nicht „Ende dreißig“ — danke für deine Genauigkeit. Zweitens ist meine Mutter kein Gepäckstück, sondern ein Mensch. Und drittens: Wenn die Alternative ein Mann ist, der sich für meinen Besitzer hält, dann bleibe ich lieber allein. Allein greift mich wenigstens niemand am Arm und erklärt mein Gehalt zum Gemeinschaftseigentum.
Sie drückte ihm die Tasche in die Hand.
— Geh zu deiner Mutter. Das ist konsequent. Ihr habt dort ja offenbar ein gemeinsames Leid — und eine gemeinsame Kasse.
— Du reagierst über, — versuchte er beschwichtigend. — In ein paar Tagen rufst du selbst an.
— Nein.
— Sophia…
— Raus.
Das Wort klang weder laut noch hysterisch. Fast höflich. Gerade deshalb begriff Andreas, dass hier keine Diskussion mehr möglich war.
Im Flur redete er weiter — von gemeinsamen Jahren, von normalen Streitigkeiten, von Undankbarkeit, von ihrem Temperament. Sie hörte nicht zu. Sie öffnete die Tür und wartete. Schließlich ging er. Auf dem Treppenabsatz drehte er sich noch einmal um.
— Du hast alles kaputtgemacht.
— Nein, — antwortete sie ruhig. — Ich habe nur aufgehört, es allein festzuhalten.
Die Tür fiel ins Schloss.
Plötzlich war es still. Nicht angenehm, nicht bedrohlich — einfach still. Wie nach einem Dauerton, den man so lange ertragen hat, dass man ihn kaum noch wahrnimmt, bis er verstummt.
Sophia setzte sich auf das neue Sofa, das nun merkwürdig fremd wirkte. Ein Symbol für Stabilität, hatte man gesagt. Grau, großzügig, mit Bettkasten — leider ohne eingebauten Filter für Selbstüberschätzung.
Zwei Tage später schrieb Andreas: „Wir müssen reden.“
Am dritten Tag: „Ich war überzogen.“
Eine Woche darauf: „Du hast aber auch deinen Teil dazu beigetragen.“
Das entsprach seinem gewohnten Muster: Entschuldigung im Doppelpack mit dezent verteilter Mitschuld.
Sie antwortete nicht. Schließlich rief er an.
— Sophia, — begann er mit hörbar einstudierter Reue, — lass uns treffen. In Ruhe. Ich habe nachgedacht.
— Worüber genau?
— Dass ich zu weit gegangen bin. Dass ich dich hätte schützen müssen. Und… ich vermisse dich.
Sie trafen sich in einem Café beim Einkaufszentrum. Andreas war früher da, saß am Fenster, trug sogar ein Hemd — sein Zeichen für Ernsthaftigkeit. Vor ihm standen zwei Kaffees und ein Stück Cheesecake, als könne Zucker fehlenden Respekt ersetzen.
— Hallo, — sagte er und erhob sich.
— Hallo.
— Du siehst gut aus.
— Ich schlafe ruhig. Das hilft.
Er lächelte unsicher.
— Ich habe mich falsch verhalten. Auch meine Mutter… hat es übertrieben. Aber ich hätte hinter dir stehen müssen. Stattdessen bin ich explodiert.
— Das stimmt.
— Ich habe verstanden.
— Schön.
— Ich möchte nach Hause.
— Warum?
Er blinzelte.
— Wie meinst du das? Ich bin dein Mann.
— Auf dem Papier vielleicht. In der Realität ist das fraglich.
Er beugte sich vor.
— Komm schon. Wir sind erwachsene Menschen. Wir haben gestritten. Das passiert. Lass uns Regeln aufstellen. Ich mische mich nicht mehr in deine Unterstützung für deine Mutter ein. Du holst nicht ständig alte Sachen hervor. Wir machen weiter.
— Und das Vertrauen? Bestellen wir das online?
— Das wächst wieder.
— Von allein?
— Schritt für Schritt eben.
Sie schwieg. Er sprach schneller.
— Mir geht es nicht gut ohne dich. Bei meiner Mutter… du kannst es dir denken. Rund um die Uhr Kommentare über Socken, Essen, sogar darüber, wie ich Brot schneide. Ich verstehe langsam, warum mein Vater mehr Zeit in der Garage verbracht hat als im Wohnzimmer.
— Eine interessante Erkenntnis, — meinte Sophia trocken.
— Siehst du? Ich kann schon über mich selbst lachen. Das ist doch ein Fortschritt.
— Das zeigt nur, dass dir die Situation unangenehm ist, Andreas. Nicht, dass du gereift bist.
Er verzog das Gesicht, gab aber nicht auf.
— Gut. Vielleicht ist es unbequem. Aber ich liebe dich auch.
— Liebe ist nicht, wenn man sich an die Ehe erinnert, weil es bei Mama ungemütlich wird und die Wohnung der Frau ruhiger ist.
— Jetzt fang nicht wieder an…
— Ich fange nicht an. Ich bin einfach noch da.
Er seufzte, rieb sich die Stirn und zog dann ein gefaltetes Blatt aus der Tasche.
Sophia lachte leise.
— Bitte sag mir nicht, das ist eine Rechnung.
— Hör mich erst an…
— Ist es eine Rechnung?
— Es geht nur um… eine dringende Zahlung für Mamas Wohnung. Kein riesiger Betrag. Ich dachte, vielleicht könntest du diesmal aushelfen. Ich zahle es dir zurück.
Sophia nahm das Blatt entgegen und entfaltete es langsam.
